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Tastatur-Schreiben

Suchende Adler und Virtuosen

Von Susanne Hengesbach, 11.09.09, 19:58h

Der Einsatz von allen zehn Fingern beim Tastatur-Schreiben bringt nicht nur Zeitgewinn, sondern auch eine Entlastung des Gesundheitssystems. Das jedenfalls behauptet Markus Steinmetz. Er lehrt den richtigen Umgang mit der Tastatur.

Markus Steinmetz
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Wozu hat der Mensch zehn Finger? Markus Steinmetz lehrt, sie beim Schreiben alle zu benutzen.
Markus Steinmetz
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Wozu hat der Mensch zehn Finger? Markus Steinmetz lehrt, sie beim Schreiben alle zu benutzen.
Köln - Er tut es. Sie tut es. Wir alle tun es. Aber kaum einer kann es richtig. Der eine lässt den Zeigefinger wie ein Adler über der Tastatur kreisen, der nächste stochert auf den Buchstaben herum, als spiele er am Computer etwas Ähnliches wie „Schiffe versenken“, und wieder andere scheinen sich bei der Suche nach dem richtigen Zeichen schier die Hände zu verknoten. Wer über zwei gesunde Beine verfügt, käme vermutlich nie auf die Idee, dauerhaft mit Krücken herumzulaufen. Doch die überwältigende Mehrheit von Menschen, für die der Umgang mit dem PC zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist weit davon entfernt, ihn professionell zu handhaben.

Autor mit zwei Fingern

Auch Guy Helmiger bildet da keine Ausnahme. Der in Köln lebende Erfolgsautor („Etwas fehlt immer“) betätigt auf der Tastatur lediglich zwei Finger, diese „aber sehr schnell“, wie er betont. Hat er nie daran gedacht, auch die technische Seite des Schreibens zu perfektionieren? „Doch, schon! Aber dabei ist es dann geblieben.“

Wie oft es dabei bleibt, weiß kaum einer besser als Markus Steinmetz. Der 42-Jährige wollte bereits im Alter von elf Jahren das Zehnfingerschreiben richtig lernen. „Damals sagte man mir, ich könne meine Rechtschreibung dadurch verbessern.“ Heute unterrichtet er als staatlich geprüfter Lehrer für Textverarbeitung und EDV-Trainer junge wie alte Leute an der Tastatur.

Er coacht die Siebtklässler vom Schillergymnasium, die freiwillig zu einer Art Tipper-AG zusammenkommen; er unterrichtet die Studierenden der Rheinischen Fachhochschule; Rhein-Energie-Mitarbeiter; die Sekretärinnen wie auch das Pflegepersonal der Kölner Uniklinik; Bundesverwaltungsamts-Angestellte und Volkshochschul-Kurs-Besucher - alle im Übrigen auf Basis seines im Frühjahr erschienenen Schreibtrainingsbuchs.

Den meisten seiner Schüler gehe es darum, den PC rationeller bedienen zu können, glaubt Steinmetz. Für Studenten sei der Faktor Zeitersparnis - etwa bei der Diplomarbeit - eine starke Motivation. Sie wollen schneller werden.

Schneller? - Moment! Brüstet sich nicht nahezu jeder wackere Zwei-Finger-Hacker damit, es vom Tempo her durchaus mit einer Sekretärin aufnehmen zu können? - Steinmetz lächelt, wenn er dieses Argument hört und greift ausnahmsweise mal nicht zur Tastatur, sondern zu Erfahrungswerten und Fakten. Im „Adlersuchsystem“ gebe es durchaus ein paar extrem Schnelle, räumt er ein. Das Gros schaffe jedoch lediglich 80 bis 100 Anschläge pro Minute. Eine versierte Schreibkraft schafft zwischen 220 und 320 pro Minute. Für eine Polizeilaufbahn werden nur 80 Anschläge verlangt. Zum Vergleich: Ein gewisser Walter Willkomm, dreifacher deutscher Meister im Tastschreiben, kam in seinen besten Zeiten auf sagenhafte 763 Anschläge pro Minute. Das sind gut 12 Zeichen pro Sekunde. Ältere Semester, die keine höhere Handelsschule besucht oder EDV-Kenntnisse erworben haben, kriegen laut Steinmetz allenfalls 50 bis 70 pro Minute hin.

Dass diese Personengruppe, die er die BBC-Generation (born before Computer) nennt, nach der Devise verfährt „gut Ding will Weile haben“, mag nachvollziehbar sein. Aber was ist mit den jungen Usern? Der Blick in ein vollbesetztes Internetcafé am Neumarkt zeigt: Die Newcomer sind kaum besser. Keiner der jungen Leute dort benutzt zum Schreiben alle zehn Finger. Fast könnte man in Anlehnung an einen alten Oswald-Kolle-Film sagen: Deine Tastatur - das unbekannte Wesen. Woran liegt das?

„Weil das Kultusministerium fälschlicherweise das Zehnfinger-Tastschreiben aus dem Unterrichtsplan herausgenommen und leider nur verkürzt in das Fach Informationsverarbeitung integriert hat“, meint Steinmetz. Dieses Fach werde wiederum „von universitären Lehrern unterrichtet, die selber nie das Zehnfinger-Tastschreiben erlernt haben“. Folglich fehle ihnen die Motivation, junge Menschen von dieser Kunst zu begeistern. „Unser theorielastiges Schulsystem raubt jungen Menschen die praktischen Fertigkeiten, mit dem Produktionsfaktor Kapital, sprich: PC, umzugehen. Eine echte Schande!“

Steinmetz wurmt nicht nur, dass das Fach vom Unterrichtsplan verschwunden ist. Ihn ärgert auch, wie neuerdings aus diesem Defizit Kapital geschlagen werde. Gewisse Anbieter unterböten sich gegenseitig in der Unterrichtsdauer und lockten lernbereite Tipper mit dem Versprechen, in ihrem Kurs hätten sie das Zehn-Finger-System binnen weniger als zehn Stunden im Griff.

Für Shortcuts

Der Kölner Trainer, der seinerzeit übrigens dieselbe Lehrerin wie besagter Walter Willkomm hatte, hält wenig von lernzeitverkürzten Konzepten. Rationelles Arbeiten am PC bedeute, nicht allein die Griffwege zu beherrschen. Vielmehr sollte man in der Lage zu sein, sein Textverarbeitungssystem ohne Benutzung einer Maus nur mit Hilfe so genannter „Shortcuts“ zeitsparend zu bedienen. Das wiederum macht laut Steinmetz auch mit Blick auf das immer häufiger werdende RSI-Syndrom, den so genannten „Mausarm“, Sinn, einer schmerzhaften Störung in Unterarm und Fingern. Die sehr umständliche und damit zeitaufwändigere Arbeitsweise im Zwei- oder Dreifinger-Hacksystem begünstige gewisse Krankheitsbilder - zumal wenn die falsche Technik noch mit einer falschen Sitzhaltung einhergehe.

Nicht in Schnellkursen

Absätze verschieben ohne Maus, sekundenschnell von einer hinteren zu einer vorderen Seite wechseln oder Seiten einrichten am PC - all das werde nicht in Schnellkursen vermittelt. Ähnlich wie ein Pianist, der Beethovens Mondscheinsonate schließlich auch nicht über Nacht lerne, müsse ein Tastatur-Benutzer „eher 80 als acht Unterrichtsstunden“ einkalkulieren.

Da aber bekanntlich viele Wege nach Rom führen, wählt jeder seinen eigenen. Günter Wallraff zum Beispiel, ein Mann, der durchs Schreiben berühmt geworden ist, benutzt den Füllfederhalter. Maschinenschreiben ist aus seiner Sicht „so unsinnlich“, und der Computerbildschirm hat für den Kölner Autor gar „etwas Abstoßendes“.



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