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Meine Strasse

Die Rückseite vom Ring

Von Alice Ahlers, 14.09.09, 15:36h, aktualisiert 14.09.09, 15:45h

Selbst Graffiti-Sprayer geben sich in der Friedrichstraße keine Mühe, weil es ja eh keiner sieht. Meine Straße ist der Hinterhof der studentischen Partygemeinde.

Friedrichstraße
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Keine Laufkundschaft, keine freien Parkplätze. (Bild: Max Grönert)
Friedrichstraße
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Keine Laufkundschaft, keine freien Parkplätze. (Bild: Max Grönert)
Innenstadt - Unscheinbar entrinnt meine Straße dem Zülpicher Platz. Wer einbiegt, direkt hinter dem Eiscafé „Cortina“, geht den stillen Weg zum Barbarossaplatz, die Parallelstrecke zum Hohenstaufenring. Die Häuserblocks rechter Hand schieben sich dann vor den tosenden Verkehr auf der anderen Seite, dämmen das Rumpeln und Quietschen der Straßenbahn von drüben, das stetige Anhalten und Anfahren an der Ampel auf der großen Kreuzung.

Die Friedrichstraße ist so etwas wie die Rückseite vom Ring. Dort wird gelockt, im Schaufenster präsentiert, man stellt die Tische raus, hier geben sich selbst die Graffiti-Sprayer keine Mühe. Sieht ja keiner. Was vorne auf dem Ring im Restaurant „Asalam“ auf den Tisch kommt, dampft hier in der Friedrichstraße zur Hintertür heraus. Vorne gleißend weiße arabische Säulen, hinten eine schnöde Eisentür. Wer um die Ecke an der Supermarktkasse hinter streifenfreien Panoramascheiben sitzt, hat hier auf dem Angestellten-Parkplatz seinen verstaubten Ford Fiesta stehen.

Abends hallt das Nightlife aus dem „Kwartier Latäng“ herüber. Ein Grölen, ein Wummern, ein Tatütata. Dann ist die Friedrichstraße für den ein oder anderen der Ausweg aus dem Trubel, der Abfluss aus dem Strudel. Auf dem Weg nach Hause stolpert der Junggeselle nach seinem letzten Abend in Freiheit einfach so in sie hinein. Vielleicht, weil er nicht den geraden Weg nehmen wollte - oder nicht mehr konnte. Direkt von der Kneipe wankt er ins Halbdunkle, wo plötzlich kein Büdchen mehr sein grelles Licht auf den Asphalt wirft, kein Absacker mehr am Wegesrand lockt. Der Kopf ist tumb, die Ohren rauschen. „Schallalalllalllall“, röhrt er. Das letzte Echo einer durchzechten Nacht. „Schaaaala. . .“, bricht er plötzlich ab. Vielleicht weil er auf einmal seine eigene Stimme hört. Vielleicht weil er ahnt, was ihn da am Ende des Weges erwartet. Ob die, zu der er geht, schon weiß, wie es klingt, wenn ihr Zukünftiger nachts durch die Friedrichstraße lallt? Ein letztes „Schalalalaaa“, da wo's keiner mehr hört, so meint er.

Psycho-Couch vorm Haus

Die dunklen Fenster trügen. So wird die Friedrichstraße nachts zum Hinterhof der studentischen Partygemeinde, die Stufe vor meinem Hauseingang gerne mal zur Psycho-Couch. Sowas wie die „Stille Treppe“, da wo man mal zu sich selbst kommt und nachdenkt - soweit das noch geht. Raus aus dem dampfenden „Ding“ - dem Studentenclub am Ring, vorbei an den aufgedrehten Mädels und den enthemmten Jungs, denen es drinnen zu eng und zu heiß geworden ist. Irgendwohin stöckeln, wo man in Ruhe quatschen kann. Die Ohren sind taub, die Stimme bleibt auf Disco-Lautstärke - direkt vor meinem Fenster.

Da stehen zwei beste Freundinnen im engen Oberteilchen mit den Spaghetti-Trägern, eine reibt sich die Arme, weil der Nachtwind die verschwitzte Haut abgekühlt hat. Papa hat's doch gesagt: „Pass auf deine Nieren auf!“ Aber wer braucht schon Jacken, wenn er Flatrate-Trinken hat. Leicht schlotternd tritt sie von einem Bein auf das andere, während die Enttäuschte noch immer auf der Treppe im Hauseingang hockt. „Ey, vergiss den einfach.“ „Der hat dich gar nicht verdient.“, „Geh da jetzt rein und ignorier den einfach“. Was man da halt so sagt. Immer wieder neu. Unten vor meinem Fenster.

Am Tag ist die Friedrichstraße eine jener Nebenstraßen, von denen man glaubt, man könnte dort doch noch eine Parklücke finden. Tun Sie es nicht! Entnervt biegen Sie ab vom Ring und dann ist es auch schon zu spät. Haste-nicht-gesehen verheddern Sie sich in einem Gewirr aus Einbahnstraßen, huckeln orientierungslos über die Schlaglöcher, noch drei suchende Autos voraus, das Ziel ist lange schon vom persönlichen Kompass verschwunden, selbst Ortskundige nesteln am Navi herum und nehmen dann am Ende doch erleichtert das nächstbeste überteuerte Parkhaus. (Und außerdem: Gäbe es diese geheimen Parklücken wirklich, ich wäre ja blöd, es Ihnen jetzt zu erzählen).

Wer hier kauft, der kommt gezielt

Wer Geld in der Friedrichstraße lässt, ist keine Laufkundschaft. Der kommt gezielt. Der schmäht den großen, gleißenden Bio-Supermarkt am Zülpicher Platz. Der mag es persönlich und kuschelig wie im Obst und Gemüse-Feinkostladen an der Ecke zur Weyerstraße. Oder er war gerade in Spanien und hat das Feuer in sich entdeckt. Dann kommt er zum urigen Flamenco-Lädchen, in dessen Schaufenster er alles wiederfindet, was auf spanischen Postkarten so drauf ist. Kastagnetten, schwingende rote Kleider mit getüllten Rocksäumen, große Fächer mit schwarzen Punkten, bunte Plastikkämme für den stolzen Dutt, enge Bolerojäckchen für den Herrn Torero.

Kurz dahinter hört die Friedrichstraße auf. Da stößt sie auf die Neue Weyerstraße, wird gekreuzt von vier Spuren Verkehr - vom Barbarossaplatz weg und zu ihm hin. Einfach platt gewalzt von links und rechts. Dazu kommen noch die Straßenbahnschienen, der Linien 16, 18 und 12. Kein schönes Ende für eine Straße. So dachte ich bis gestern. Da hab ich dann doch mal bei Google Maps geguckt und festgestellt: Hinter dem Auto-Horizont geht es weiter.

Man sollte seine Straße doch mal zu Ende gegangen sein, habe ich mir gedacht. Das hab ich dann auch gemacht, die vier Spuren überstanden, ohne vor ein Auto zu rennen, die Schienen überquert, ohne mit der Bahn zu kollidieren, bin ich hinter dem Sexshop mit dem orange verklebten Fenster wo seit Jahren „Ehehygienemittel“ (Was ist das überhaupt?) drauf steht, in den zweiten Teil meiner Straße eingebogen. Vorbei an Baugerüsten und Containern voller Schutt, an knatschroten Vespas im Schaufenster stößt die zweite Hälfte der Friedrichstraße irgendwann auf „Am Weidenbach“. An ihrer letzten Ecke erhebt sich das Finanzamt. Na gut. Auch kein schönes Ende für eine Straße.



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