Schriftgröße

Leitartikel zur „Berliner Runde“

Wie Kaiser und Könige

Von Stefan Sauer, 16.09.09, 21:40h

Angela Merkel und auch Herausforderer Frank-Walter Steinmeier haben mit ihren Absagen das TV-Duell in der „Berliner Runde“ im ZDF ins Wasser fallen lassen. Das spricht nicht gerade für die übergroße Volksnähe der beiden Politiker.

Nikolas Brender
Bild vergrößern
Vor den Kopf gestoßen: Chefredakteur Nikolas Brender (Bild: dpa)
Nikolas Brender
Bild verkleinern
Vor den Kopf gestoßen: Chefredakteur Nikolas Brender (Bild: dpa)
Man fühlt sich versetzt in vergangenen Jahrhunderte, da Kaiser und Könige nach eigenem Gutdünken Audienzen gewährten. Angela Merkel (CDU) sitzt aber nicht auf einem Thron, sondern ist vom Volk gewählte Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende. Ihre beharrliche Weigerung, nach dem großen „TV-Duell“ sich heute ein zweites Mal in der „Berliner Runde“ im ZDF der Diskussion zu stellen, zeugt von Abgehobenheit - oder Furcht vor der Konkurrenz. Dass SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier mit der Absage seiner Teilnahme reagierte, mag verständlich sein. Übergroße Volksnähe demonstriert auch er damit nicht.

Den Menschen im Land spricht die Doppelabsage Hohn. Man will gewählt werden, verweigert sich aber den Wählerinnen und Wählern, wenn es unangenehm zu werden droht, wie das in einer Sendung mit vier streitlustigen Mitbewerbern zu erwarten ist. Die Demokratie lebt aber gerade von der Möglichkeit der Bürgerinnen und Bürger, sich einen ungeschminkten Eindruck von den zur Wahl stehenden Führungskräften zu verschaffen. Von ihren Argumenten und Zielen, von persönlicher Glaubwürdigkeit und inhaltlicher Kompetenz. Politiker, die gewählt werden wollen, haben sich als Diener des Landes zu begreifen. Es obliegt ihnen, sich dem Volk zu stellen.

Steinmeier immerhin kann man zugute halten, dass er letztlich nur auf Merkels Nein reagiert hat. Sein Argument, der als Ersatz aufgebotene Ministerpräsident Wulff habe als Landespolitiker in einer Bundestagsrunde nichts verloren, ist nachvollziehbar. Gleichwohl hätte der SPD-Kandidat der Kanzlerin nicht hinterfliehen dürfen. Auch ein kopierter Fehler bleibt ein Fehler.

Nachgerade lächerlich ist die Ansage des Bundeskanzleramts, Frau Merkel habe beim besten Willen keine Zeit für die 90-Minuten-Runde erübrigen können. Am Dienstag noch war sie zwölf Stunden lang mit dem „Adenauer“-Express winkend durchs Land gefahren. Aber in der schönen alten Eisenbahn hat ihr ja auch niemand widersprochen. Ganz wie es Monarchen mögen.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Anzeige


Hintergrund


Der satirische Wochenrückblick


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Bildergalerien


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Die andere Meinung


Dienste