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Jugendamt

„Melden Sie sich nach Karneval“

Von Helmut Frangenberg, 18.09.09, 19:17h, aktualisiert 18.09.09, 19:41h

Als Michaela Porz entdeckte, dass ihr Lebensgefährte ihren dreijährigen Sohn missbraucht hatte, meldete sie sich sofort beim Jugendamt. An einem Karnevalsfreitag. Anstatt zu helfen, vertröstete der Mitarbeiter die verzweifelte Mutter auf Aschermittwoch.

Missbrauch
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Michaela Porz und ihr kleiner Sohn haben wieder Stabilität und Lebensmut gewonnen. Monatelang fühlte sich die junge Frau allein gelassen, nachdem sie vom Missbrauch ihres Sohnes erfahren hatte. (Bild: Grönert)
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Michaela Porz und ihr kleiner Sohn haben wieder Stabilität und Lebensmut gewonnen. Monatelang fühlte sich die junge Frau allein gelassen, nachdem sie vom Missbrauch ihres Sohnes erfahren hatte. (Bild: Grönert)
Köln - Während die Stadt Weiberfastnacht feierte, begann für Michaela Porz (Name geändert) ein Alptraum: Ihr dreijähriger Sohn machte ihr mit unbeholfenen Worten klar, was er in der letzten Zeit durchlitten hatte. Ihr Lebensgefährte hatte ihn sexuell missbraucht. Er spielte Szenen nach, die Michaela Porz monatelang verfolgen sollten. Zum Schock und dem Leid ihres Sohnes kam eine weitere folgenreiche Erfahrung: Die junge Frau erlebte ein städtisches Fürsorgesystem, dass in ihrem Fall auf ganzer Linie versagte.

Karnevalsfreitag ging sie mit ihrem Sohn zu einer Kinderärztin, die ihr nach der Untersuchung dringend riet, sich beim Jugendamt zu melden, weil sie Hilfe in der akuten Notlage brauche. Doch die bekam sie nicht. Ein Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Stadt meinte, sie am Telefon daran erinnern zu müssen, dass Karneval sei. „Rufen Sie Aschermittwoch wieder an.“ Damit nicht genug: Auch die Anzeige bei der Polizei könne bis dahin warten, so der städtische Mitarbeiter. Hätte die Mutter diesen Rat befolgt, wären kaum gerichtsfeste Beweise über die Verletzungen ihres Sohnes festgehalten worden. Spermaspuren und Hämatome sind möglicherweise nach einigen Tagen nicht mehr feststellbar.

„Als ich den Hörer aufgelegt hatte, war ich völlig verzweifelt“, erinnert sich Michaela Porz, die erst jetzt - anderthalb Jahre später - in der Lage ist, ihre Geschichte einer Zeitung zu erzählen. Die 32-Jährige wirkt selbstbewusst und stark, während ihr kleiner, aufgeweckter Sohn im Nebenzimmer spielt. Es hat lange gedauert, bis sie so mit dem Geschehenen umgehen kann. „Ich habe gelernt, wie ich die Bilder im Kopf wegschalten kann“, sagt sie. Ihren damaligen Lebensgefährten hat sie nie wieder gesehen; er sei wortlos ausgezogen, nachdem der Missbrauch aufgeflogen sei.

Karnevalssamstag begann Michaela Porz damit, selbst im Internet nach Adressen zu recherchieren. Überall, wo sie anrief, liefen Anrufbeantworter. Die junge Frau war allein zuhause mit einem Dreijährigen, der ihr immer neue Szenen des Missbrauchs vorspielte, und seinem fünf Jahre älteren Bruder, der die Welt nicht mehr verstand, weil er unbedingt zum Karnevalszug wollte. Rosenmontag schließlich erreichte sie in der Kinderklinik Amsterdamer Straße einen hilfsbereiten Oberarzt, der sie aufforderte, sofort zu kommen. Die Klinik schaltete Kriminalpolizei und Gerichtsmedizin ein, sicherte eine medizinische Versorgung. Das Problem: Nimmt die Klinik einen akuten Missbrauchsfall auf, bedarf es der Zustimmung des Jugendamtes, um ihn wieder zu entlassen. Dienstags erreichte die Klinik eine städtische Mitarbeiterin, die jedoch wieder keine Hilfe anbot und stattdessen sogar drohte: Wenn Michaela auf eigenes Risiko die Klinik verlasse, laufe sie Gefahr, dass man ihr die Kinder abnehme. Polizei und Krankenhaus seien auf ihrer Seite gewesen, sagt die Mutter. „Es gab keinen Grund, mich nicht gehen zu lassen.“ Alle Unterstützung - mittlerweile hatte sich auch die Fachstelle bei sexuellem Missbrauch „Zartbitter“ eingeschaltet - nützte nichts. Entschieden wurde am Telefon, ein persönliches Gespräch bekam sie auch am Dienstag nicht.

So blieb sie eine weitere Nacht in der Kinderklinik - ohne den älteren Sohn, der bei seiner Oma untergebracht war. „Er hat am Telefon geweint. Er wollte, dass ich nach Hause komme. Die Nacht habe ich als Horrortrip empfunden, wie eine Art Freiheitsberaubung.“ Aschermittwoch schien das Jugendamt wieder arbeitsfähig - zumindest auf den ersten Blick. Denn als Michaela kurz nach ihrer Rückkehr in die Wohnung einen Mitarbeiter der Stadt empfing, traute sie ihren Augen nicht. Um sich einen Eindruck über die Wohnverhältnisse zu verschaffen, hatte das Jugendamt den selben Mann geschickt, mit dem sie am Karnevalsfreitag telefoniert hatte. Derjenige, der nicht gewusst hatte, wie er Michaela helfen sollte, musste nun über das weitere Vorgehen mitentscheiden. Alles wäre „blöd gelaufen“, soll er zitternd gesagt haben. Dann habe sie ihn zum „runden Tisch“ in die Kinderklinik fahren chauffieren, weil der Mann noch nicht einmal ein Auto gehabt habe.

Damit nicht genug: Die selbe Behörde, die Michaela Porz fünf Tage mit ihren Kindern allein gelassen hatte, formulierte nun Zweifel daran, ob die Mutter in der Lage sei, ihre Kinder zu schützen. Aus den Zweifeln drohte in den folgenden Wochen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu werden: Weil das Vertrauen völlig zerstört war und keinerlei Unterstützung zur Bewältigung des Alltags erfolgte, verlor Michaela Porz Woche für Woche mehr an Kraft und Lebensmut. „Irgendwann konnte ich die alltäglichsten Dinge nicht mehr erledigen. Ich hätte so etwas wie eine Erste Hilfe gebraucht, dann wäre mir viel erspart geblieben.“ Ihrer älterer Sohn wurde in der Schule auffällig. Hilfen zur Begleitung der Kinder gab es keine. Heute weiß man, dass der Junge hochbegabt ist; damals suchte man Ursachen im angeblichen Versagen der Mutter.

Ein ganzes Jahr ging vorbei, bevor tatsächlich erstmals ein vom Jugendamt geschickter Therapeut in der Wohnung der Mutter saß. Wiederum gab es jedoch keine Hilfe für die Kinder. Auch ein ganz nahe liegender Schritt - nämlich endlich den Tatort verlassen zu können - stand nicht zur Debatte. Die Wohnung, in der der Missbrauch geschah, sie und ihre Kinder litten, war nun Schauplatz für Fragen nach der Vergangenheit der Mutter. „Ich habe erst einmal mitgemacht, obwohl ich eigentlich keine Kraft dazu hatte“, sagt Michaela. Gehofft hatte sie auf Hilfen zur Zukunftsgestaltung. Stattdessen musste sie über ihre bereits vor Jahren geschiedene Ehe sprechen.

Als sie sich beschwerte, habe man ihr wieder gedroht. Die Zusammenarbeit mit dem Institut wurde beendet. „Meine Kinder haben die gerade mal zwanzig Minuten gesehen und nie erlebt, wie ich mit ihnen umgehe.“ Trotzdem wurde ein Bericht geschrieben: Wieder wurden Zweifel an Michaelas Erziehungsfähigkeit formuliert.

Das alles scheint aus heutiger Sicht als völlig unnötige Tortour für die Familie. Als nämlich im April dieses Jahres „Zartbitter“ einen Mitarbeiter für die Kinder abstellte und eine Unterstützung im Alltag zur Verfügung stellte, erholte sich die Frau „blitzschnell“, wie Ursula Enders von der Beratungsstelle sagt. Nur zwei Monate später war Michaela selbst in der Lage, sich eine neue Wohnung zu suchen. „Mir geht es wieder gut“, sagt sie heute. „Schritt für Schritt“ gehe es bergauf. Der ältere Sohn habe die Schule gewechselt und finde sich nun gut zurecht. Für den Kleinen wünscht sie sich, dass er sich nie an das erinnern wird, was ihm geschehen ist.

Sie selbst wird allerdings noch einige Zeit mit den Erinnerungen konfrontiert werden, denn nicht nur in der Stadtverwaltung gibt es kaum vorstellbare Versäumnisse. Auch die Organe der Justiz belasten die kleine Familie: Bis heute - anderthalb Jahre nachdem die Beweismittel an das Landeskriminalamt geschickt wurden - liege keine Auswertung der Spuren vor, sagt Michaela Porz. Ihr Ex-Lebensgefährte verweigere die Aussage. So gebe es bis heute keine Anklage.



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