Von Fabian Klask, 18.09.09, 21:55h
Oer-Erkenschwick, das ist Ruhrgebiet. Wer eine Kirche in der Stadtmitte sucht, wird sie nicht finden. Das Herz der Stadt, das war die Zeche, eine Kathedrale der Arbeit vielleicht. Das Bergwerk hielt die Leute zusammen: 4500 Kumpel fuhren hier zu Spitzenzeiten in den Schacht. Noch heute, längst stillgelegt, stehen sie da: Maschinenhalle, Schmiede aus dunklem Backstein mit vernagelten Fenstern und in hohem Gras: der braunrostige Förderturm.
Gleich um die Ecke liegt das Bürgerbüro der Sozialdemokraten: Die Zeche, die SPD, die Stadt - das war eine Einheit. Wenn sie hier gewählt haben, dann rot. Ergebnisse von 70 Prozent sind überliefert. 800 Mitglieder hat der SPD-Ortsverein.
Kathedrale der Arbeit
Und so soll es, bitteschön, auch bleiben, meint Herbert Lowens, roter Pullover, rote Wangen, blaue Prinz-Heinrich-Mütze. Für das gute Ergebnis, das die Hochburg braucht, um Hochburg zu sein, herzt der 70-Jährige heute schon den ganzen Morgen ältere Damen. Es ist Wochenmarkt auf dem Berliner Platz, zehn Stände vielleicht: Kantige Sechziger-Jahre-Kulisse, zu hohe Häuser für eine Kleinstadt, zwei Steh-Pizzerien, die Eisdiele „San Remo“. Und die Stimmung ist gut: Viele Marktbesucher kommen gleich vom Gemüsestand zum roten SPD-Schirm - und die, die nicht freiwillig kommen, die holt schon Herbert Lowens heran: Lowens war im Bergbau-Betriebsrat, ist Awo-Vorsitzender am Ort und einer, der jeden kennt: „Was macht die Hüfte?“, „Wieder gesund?“ Lowens fragt sich durch, knufft da, plaudert hier. Und wer nach einem kurzen Plausch und nach einem prüfenden „Hast du denn auch schon gewählt?“ wieder geht, trägt eine rote SPD-Baumwoll-Tasche und vielleicht noch einen Ballon für den Enkel.
Viele sagen, der Herbert müsste sie gar nicht überzeugen. Die SPD, die mögen sie noch immer, egal, wer gerade kandidiert. So wie Ursula Klingenburg, eine ganz Treue. Wie sie so schimpft auf die da oben, die nichts tun für die hier unten in Oer-Erkenschwick, da möchte man fast glauben sie, wäre abtrünnig geworden. Aber dann sagt sie: „Ach, ich mag ihn ja doch.“ Sie meint Steinmeier. Hier morgens um halb elf auf dem Wochenmarkt mit seinen in Ehre ergrauten Besuchern funktioniert er noch der SPD-Wahlkampf.
Die Laune ist jetzt wieder gut, nach den schwierigen Zeiten: „War ja nicht immer einfach", sagt Wolfgang Marnitz, 59, einer, der unter dem roten Schirm steht - er meint Hartz IV, manchmal würden die Leute noch danach fragen: Seid ihr nicht dafür verantwortlich? Aber irgendwie sei das jetzt auch vergessen, verziehen. „Wir sind doch immer für das Soziale, für soziale Gerechtigkeit, das sind wir doch“, sagt der Wahlkämpfer leise, als müsste er sich dessen selbst noch mal versichern. Vom Laternenmast gegenüber grinst ein Gysi-Konterfei. Die Linke hat im Stadtzentrum dreimal so viele Plakate aufgehängt wie die SPD. „Das ist schon wirklich unanständig“, sagt Herbert Lowens im ernsten Ton. Mehr möchte er nicht sagen zu den Chancen der Linkspartei. Aber nach dem Erfolg im Saarland haben sie Respekt vor dem Lafontaine-Effekt und den vielen Plakaten. Da beruhigt es kaum, dass die Linkspartei in der Stadt nur 17 Mitglieder hat.
Allein, das ist neu in der Stadt mit dem größten Ortsverein der Republik: Politische Konkurrenz haben sie hier sonst nie gefürchtet. Denn die Zeche, das war die Lebensquelle der SPD.
Herbert Lowens redet gerne über das, was war: „Die Leute begannen auf der Zeche, traten in die Gewerkschaft ein und gleich danach in die Partei“, sagt Lowens. Die Partei - das nehmen sie hier als Synonym für die SPD. Die Politik machten sie im Bergwerk. „Da gingen die Unterlagen nicht ins Rathaus, sondern gleich zu uns ins Betriebsratsbüro.“ Der Vorsitzende des Betriebsrats war wie selbstverständlich auch Fraktionschef im Stadtrat. „Es hat immer funktioniert“, sagt Herbert Lowens. Abends gingen sie zum Fußball, zum Kegeln, zur Parteiversammlung. Ein festgefügtes sozialdemokratisches Milieu war das.
Doch dieses Milieu wird immer kleiner: Die beiden Bergmannsvereine fusionierten im letzten Jahr; es fehlt der Nachwuchs, natürlich: Aus der beliebten Vereinsparty mit Disc-Jockey, erzählen sie hier, ist jetzt ein Kaffeetrinken geworden - mit Akkordeon-Spieler. Sie werden nicht jünger, die Bergleute.
Manchmal möchte Herbert Lowens die Zeit zurückdrehen, dann sagt er Sätze wie diesen: „Es war ein Fehler, den Bergbau kaputtgehen zu lassen.“ Mit dem Bergwerk hätte die Stadt noch eine pulsierende Mitte, die SPD noch ihre Herzkammer. So einfach kann das sein.
Andreas Krebs will nicht an früher denken. Er ist 43 Jahre alt, SPD-Kreisvorsitzender und hat mit dem Bergbau wenig am Hut. Der Kindergartenleiter kämpft gegen das Desinteresse.
Kohle, Kegeln, Ortsverein
In den Neubaugebieten, mit denen die Stadt zur Wohnidylle im Grünen werden will, haben es die Sozialdemokraten schwer: „Die SPD im Ruhrgebiet ist Opfer des Strukturwandels geworden, den sie selbst erfolgreich vorangetrieben hat“, meint Krebs. Hier wohnten längst Arbeiterkinder, die zu Akademikern wurden und jetzt eher wechselnd wählen.
Mit Nachbarschaftsfesten und Bürgersprechstunden will Krebs, die erreichen, die weit weg leben von Kohle, Kegelklub und Ortsverein. Über gerechte Bildung will er sprechen, über Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Wir dürfen die Vergangenheit doch nicht vor uns hertragen. Das hilft nicht.“ Es sagt sich so leicht.
Na ja ...
19.09.2009 | 12.28 Uhr | strassenkind
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