Von Christian Bos, 21.09.09, 20:48h, aktualisiert 10.11.09, 16:20h
Vielleicht ist Jochen Distelmeyer einfach wieder in der „Ghettowelt“ angekommen, von der aus er sich vor 17 Jahren aufgemacht hatte und das begründete, was dann irgendwann bequemerweise „Hamburger Schule“ genannt wurde. Da war ein Lied noch eine Tür. Doch das, was dahinter lag, schien keinen Deut besser als der Ausgangsort.
Die Verzweiflung der jungen Jahre wich bald einer zaghaften Öffnung hin zum Anderen. Hatte er zu Anfang der 90er noch Monologe über Gitarren-Feedback-Schleifen gehalten, sang Distelmeyer jetzt melodieselig über die Liebe. Das führte Blumfeld aus ihrer Nische als Lieblingsband der Pop-Diskurstheoretiker in den freien Markt der Charts. Ein Lied kann, wie der Schlager weiß, eine Brücke sein. Zum geliebten Menschen, aber auch zum großen Publikum, dass sich vom „Du“ angesprochen fühlt. So konnten immer mehr Menschen mit Blumfeld langsam erwachsen werden.
Folgt jetzt die Ernüchterung? Die Krise in der Mitte des Lebens? Distelmeyer ist ein Mann von mehr als 40 Jahren. Sein erstes Album unter eigenen Namen hat er „Heavy“ genannt. Wie in „echt heavy, Alter“. Seine neuen Lieder handeln auffallend häufig von Trennungen und Beziehungskrisen. Doch ins Private zielende Fragen schmettert Distelmeyer ab. Man brauche keine konkreten Trennungserlebnisse, um darüber schreiben zu können, sagt er. Und der Hass? Das sei eben ein Gefühl, das er kenne, so wieder jeder andere auch. Im Gespräch mit den Medien hat Jochen Distelmeyer das Ungefähre zur Kunst erhoben. Es zählen die Songs, er selbst bleibt ein unbeschriebenes Blatt, blütenweiß.
„Mir ging es eher um Enttäuschungen“, sagt Distelmeyer endlich, „um das Zerplatzen einer Blase, das Zerplatzen eines Traums.“ Auf dem Cover von „Heavy“ bläst der Sänger eine rosarote Kaugummiblase auf, die ihm auf Rückseite prompt den Mund verklebt. „Es ist doch so: Wir werfen auf das, was unverstanden, unerkannt oder ungesagt ist, ständig Projektionen. Damit es trotzdem für uns Sinn macht. Diese Bilder, diese Vorstellungen halten wir dann für das Tatsächliche. Und diesen Moment, in dem ein für ein Wertpapier gehaltener Brief zum Schuldschein wird“, erklärt der Sänger weiter, „den gibt es sowohl in privaten Beziehungen, als auch in globalen ökonomischen Zusammenhängen.“ Entpuppte sich auch Blumfeld als falsche Vorstellung? Distelmeyer verneint mit Nachdruck. Wie eine Familie sei die Band gewesen. Trotz der häufigen Umbesetzungen. Und nach dem letzten Konzert sei er sehr traurig gewesen. Aber so sagt er das nicht. Er sagt: „Es gab natürlich schon Momente, wo die Traurigkeit im Privaten spürbar war.“ Er habe Blumfeld nicht aufgelöst, weil er irgendetwas im Nachhinein falsch fand. Sondern weil sich so viel Grundlegendes bei ihm verändert habe, dass es einfach richtiger erschien, das Kapitel Blumfeld abzuschließen: „Damit das in seiner Schönheit und Richtigkeit erhalten bleibt und ich sagen kann: So, Bild ist fertig, geil.“
Zwischen den Sätzen lässt sich Distelmeyer viel Zeit zum Nachdenken. Trinkt einen Schluck Wasser und horcht in die Stille hinein. Was die grundlegende Veränderung sein soll zwischen jetzt und Blumfeld, das bleibt unausgesprochen. Was er sagt, soll so allgemeingültig sein wie seine Lieder. „Heavy“ ist das Album der Enttäuschungen. Schmerzlich seien solche Momente der Desillusionierung, sagt Distelmeyer: „Die fordern deine ganze Kraft und deinen ganzen Lebensmut, auch das Festhalten an der eigenen, inneren Liebe.“
Aber sein Soloalbum weist auch über die Lebenskrise, über das Zerplatzen der rosa Blase hinaus. Distelmeyers Lieder sind schließlich immer auch ein Stück Lebenshilfe. Auch „Heavy“ schließt versöhnlich. Mit einem Song namens „Murmel“, bei dem der Sänger - erklärt er jetzt dem erstaunten Interviewer - an das Ende der Hollywood-Komödie „Men in Black“ denken musste, bei dem sich unsere Welt und das ganze restliche Universum in der Murmel eines unförmigen außerirdischen Kindes wieder findet. Letztlich ist alles ein Kinderspiel und tatsächlich wirkt der Mann im weißen Hemd gelassener als je zuvor.
Draußen scheint noch immer die Sonne. Das Glück sei stärker als jede Verlusterfahrung, tröstet Jochen Distelmeyer: „Ein Feuer, das nie ausgeht.“ Das Glück ist in der Musik. Jetzt lacht der Sänger glockenhell und seine grünen Augen leuchten. Weiß er endlich wohin mit dem Hass? Ist er mit sich allein im Reinen? Nein: „Allein ist jeder. Aber ohne die anderen? Das ist doch . . . scheiße!“
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