Erstellt 21.09.09, 21:28h, aktualisiert 21.09.09, 21:29h
YAN LIANKE: Tja, offenbar gibt es noch viele bessere Autoren als mich.
Sie stapeln tief. Die meisten Autoren der Delegation haben sich ihre Reise nicht als Literaten, sondern als Führungskader offizieller Schriftstellerverbände verdient.
YAN: Da haben Sie recht. Ich finde, dass unsere Regierung da nicht besonders klug gehandelt hat. Einerseits will sie ihre Offenheit beweisen und andererseits brandmarkt sie meine Bücher als subversiv. Das passt eigentlich nicht zusammen.
In China schon. Schließlich machen Sie sich mit Vorliebe über Chinas Tabuthemen her. In Ihrem Buch „Dem Volke dienen“, das auch auf Deutsch erschienen ist, machen sie sich zum Beispiel die Absurditäten der Mao-Zeit her.
YAN: Die Mao-Zeit ist wirklich ein grandioser Stoff: eine fabelhafte Komödie und gleichzeitig eine herzzerreißende Tragödie. Dass die Menschen damals alles so ernst genommen haben, verleiht den kleinsten Alltagshandlungen eine riesige Fallhöhe: In meiner Kindheit stellte sich zum Beispiel vor jedem Essen die ganze Familie vor ein Bild von Mao und las ein paar Sprüche des großen Vorsitzenden. Wobei es genau genommen so war, dass meine Eltern das „Kleine Rote Buch“ nahmen und dann auswendig ein paar Sprüche aufsagten. Sie waren nämlich Analphabeten, aber Maos Buch war für sie trotzdem heilig wie eine Bibel. Wir alle waren von dem Ritual sehr ergriffen und haben darüber fast vergessen, wie hungrig wir waren.
Und wann wurde Ihnen bewusst, dass da etwas nicht stimmt?
YAN: Erst Jahrzehnte später. Ich war ja nur ein einfaches Bauernkind. Wie hätte ich das durchschauen sollen, wenn nicht einmal führende Parteimitglieder daran etwas falsch fanden. Die Menschen fielen damals auf jeden Mist hinein. Eine zeitlang schickte die Regierung zum Beispiel Lastwagen durch die Provinzen, die angeblich aus dem Süden kamen und Mangos für den Vorsitzenden Mao transportierten. Alle Menschen kamen auf die Straße und waren selig, einen Blick des Wagens mit den wertvollen Früchten erhaschen zu können. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Jetzt schauen wir Chinesen nach Nordkorea und lachen uns kaputt, aber in der Mao-Zeit haben wir selbst so gelebt.
War denn unter Mao alles schlecht?
YAN: Utopien sind an sich natürlich etwas Wunderbares, aber mit dem Kommunismus kamen in China eben auch Hungersnöte und Katastrophen. Mao hat die größte Tragödie unserer Zeit ausgelöst. Trotzdem kann man ihn nicht mit Diktatoren wie Hitler oder Stalin in einen Topf werfen. Denn während die einfach nur ungeschlachte, brutale Menschen waren, wirkte Maos Grausamkeit nur indirekt. Er hat seine Revolution mit Worten gemacht - die Gewehre hatten andere. Deswegen sehen die Chinesen Mao bis heute eher als weisen Literaten denn als Kriegsherrn. Er war zweifellos einer der besten Rhetoriker der Menschheitsgeschichte. Er hat die Menschen überzeugt - und wahrscheinlich auch sich selbst.
Aber das ist ja nun schon mehr als drei Jahrzehnte her. Reden wir über die heutige Zeit...
YAN: ...man kann nicht über die heutige Zeit reden, ohne über die Mao-Zeit zu reden. Denn die Ideologie von damals wirkt weiter, auch wenn man das dem modernen China von außen nicht ansieht. Aber die Zeitungen, die Werbung, das Fernsehen - alles ist voll von Revolutionssprache. Und da versteht die Führung keinen Spaß. Sie braucht diese Rhetorik und sie braucht Mao - das ist ein Kernbestandteil ihrer Legitimation. Mao hat die Mechanismen erfunden, mit denen die Kommunistische Partei sich an der Macht hält und die etwa Schuld daran sind, dass unser System so fürchterlich korrupt geworden ist. Man könnte sagen, dass China ein Baum ist, auf dem heute andere Früchte wachsen, der aber immer noch die gleichen Wurzeln hat.
Sie haben allerdings selbst lange von diesem System profitiert und waren über Jahrzehnte ein offizieller Armee-Schriftsteller.
YAN: Ja, das war ich, so wie übrigens die meisten Schriftsteller meiner Generation, auch wenn viele davon heute nicht mehr gerne reden. Chinas Volksbefreiungsarmee hat ein ähnliches System wie einst die Sowjetunion: Die Soldaten wird nicht nur militärisch Disziplin beigebracht, sondern auch ideologisch. Erst wird ihnen das Hirn gewaschen, um dann etwas Neues dort einzupflanzen - und da kommen die Schriftsteller ins Spiel. Indoktrination ist wirkungsvoller als Atombomben.
Vier ihrer Titel sind in China verboten. Können Sie uns erklären, wie die Zensur funktioniert?
YAN: Das ist ein sehr undurchsichtiger Prozess. Eines meiner Bücher war zum Beispiel schon verboten, aber dann ist mein Verlagschef nach Peking gefahren, hat ein paar Leuten Geschenke gemacht und plötzlich durfte es doch erscheinen, allerdings unter der Auflage, dass keinerlei Werbung gemacht werden durfte. Aber das funktioniert auch nicht immer. Mein Buch „Shouhuo“ (Freude) wurde auch verboten und ich nach 26 Jahren aus der Armee ausgeschlossen. Man weiß einfach nie, wie die Verlage oder die Behörden reagieren. Bei meinem Buch „Dem Volke dienen“ hat zum Beispiel der eine Verlag gesagt: Der Inhalt könnte durchgehen, aber der Titel nicht, und der nächste Verlag sagte, der Titel könnte durchgehen, aber der Inhalt nicht. Und am Ende ging gar nichts: Die Propagandaabteilung und die Behörde für Presse und Publikation (GAPP) haben eine Direktive verbreitetet, dass mein Buch die höchsten Ziele der Kommunistischen Partei schmähe und man es in keiner Form drucken, bewerben oder diskutieren dürfe. Damit war das Buch Tabu.
Einige Intellektuelle fordern, dass in China gerade die Erinnerung die Aufgabe der Literatur sein müsse, weil sie in den offiziellen Medien nur als Propaganda stattfindet.
YAN: Das könnte tatsächlich die Rolle der Literatur sein, aber Chinas Intellektuelle haben Angst vor ihrem Einfluss. Ist es nicht bezeichnend, dass wir ein ähnliches System haben wie seinerzeit die Sowjetunion, aber kein literarisches Werk, das es mit dem „Archipel Gulag“ oder „Doktor Schiwago“ aufnehmen könnte? Das ist kein Zufall. Wir haben keine Tradition, den Herrschenden mit Literatur Kontra zu bieten. Stattdessen dienen wir ihnen lieber.
Dürfen wir das als Selbstkritik verstehen?
YAN: Wenn Sie mögen. Ich bin ebenso wenig vollkommen wie meine Kollegen. Ich habe zum Beispiel in „Der Traum meines Großvaters“ über den chinesischen Aids-Skandal geschrieben. Ich habe sehr viel recherchiert und einen großen Reportageroman geplant. Aber weil ich wollte, dass das Buch erscheinen kann, habe ich einen Kompromiss gemacht und kein Sachbuch geschrieben, sondern einen Schlüsselroman. Am Ende wurde das Buch aber trotzdem verboten. So habe ich einen wundervollen Stoff verschwendet! Aber da kann man einmal sehen, wie sehr wir chinesischen Schriftsteller uns selbst im Weg stehen.
(Das Gespräch führte Bernhard Bartsch)| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
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