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Jugendarbeit

Realität statt Reality

Von Christine Siefer, 24.09.09, 13:45h

Der Streetworker der „Gut-Drauf“-Initiative Jürgen Meyer steht mit seinem bunt angemalten Anhänger am Eitorfer Bahnhof und bietet einen Platz zum Verweilen für Jugendliche an.

„Gut-drauf-Tanke“
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Die „Gut-drauf-Tanke“ am Eitorfer Bahnhof, in der Jürgen Meyer Präsenz zeigt, ist eine gern genutzte Anlaufstelle für die Jugendlichen geworden. BILDER: SIEFER
„Gut-drauf-Tanke“
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Die „Gut-drauf-Tanke“ am Eitorfer Bahnhof, in der Jürgen Meyer Präsenz zeigt, ist eine gern genutzte Anlaufstelle für die Jugendlichen geworden. BILDER: SIEFER
Eitorf - Das Fernsehen hat die Jugendhilfe als ergiebiges Themenfeld entdeckt: Bei „Erwachsen auf Probe“ bekommen Jugendliche die Ausmaße eines frühen Kinderwunsches aufgezeigt, den Hauptschlussabschluss gibt es dank der „Super-Lehrern“ dazu und wenn die Teenies doch auf der Straße landen, steht ein Super-Streetworker bereit und lenkt sie wieder auf die richtige Bahn.

In der Realität fernab der „Reality-Shows“ steht ein bunt angemalter Anhänger am Eitorfer Bahnhof. Statt medialer aufwendiger Inszenierung bietet Streetworker Jürgen Meyer (46) klein geschnittene Möhren und Äpfel an - aber auch ein Gespräch und einen Platz zum Verweilen. Zeitschriften, Gesellschaftsspiele und Bälle liegen aus. Ernährung, Bewegung, Entspannung - diese drei Grundpfeiler der „Gut-Drauf“-Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung prägen die Atmosphäre.

Quotenwirksam

Über diese Art der Jugendarbeit würden die Macher der TV-Formate nur lächeln. Schließlich erreichen sie in 45-minütiger Sendezeit die Integration, die Versöhnung oder den Hauptschulabschluss der Teenies. Und selbst wenn das fehlschlagen sollte, kann ja das Scheitern der jungen Menschen medien- und quotenwirksam inszeniert werden. Nach der Ausstrahlung übernimmt keiner die Verantwortung für die Jugendlichen, deren Überforderung bestimmt nicht lange auf sich warten lässt.

Jürgen Meyer, dem Eitorfer Streetworker, graut es bei derartig plakativer Missionsarbeit. Er kennt die Probleme der Jugendlichen gut und weiß, dass Gewalt in Familien und Schule, frühe Schwangerschaften, Schulabbrüche und Perspektivlosigkeit nicht nur in den Großstädten und in überzogenen Fernsehsendungen gibt. Er arbeitet nicht für die Statistik oder die Quote, sondern nur für die Jugendlichen und dies mit viel Herzblut.

Der Streetworker kennt die meisten Jugendlichen beim Namen. Er merkt sich ihre Geschichten und Zukunftspläne und beim nächsten Wiedersehen weiß er noch genau, was sie bewegt. Das Interesse an den einzelnen Persönlichkeiten ist für ihn sehr wichtig. Für einige von ihnen ist das eine vollkommen neue Erfahrung.

Viele haben das Schatten-Dasein im Parkhaus am Bahnhof aufgegeben, wo sie sich zum Abhängen trafen. Inzwischen ziehen sie die „Gut-Drauf-Tanke“ vor. Jürgen Meyer habe gute Laune, höre ihnen zu und was zum Knabbern gäbe es auch umsonst, sagen sie. Es ist einer der wenigen Orte wo alle zusammentreffen: Hip-Hopper, Rapper, Rock oder Metalfans, Jugendliche aller Nationalitäten - sie eint dieser Treffpunkt. Jürgen Meyer glaubt, dass der offene Charakter sehr zum Erfolg des Konzeptes beitrage. „Als ich damals als Streetworker nach Eitorf kam, habe ich oft am Bahnhof gesessen und auf diesen leeren Platz geschaut. Keine Autos, ein Sammel- und Anlaufpunkt, offen und dennoch ein wenig geschützt“, erzählt er. Es sei ihm sofort klar gewesen, dass man diesen Platz nutzen müsse. Das mobile Jugendhilfeprojekt der „Diakonie An Sieg und Rhein“ nahm schließlich in Zusammenarbeit mit dem Jugendcafé, dem Jugendhilfezentrum und der Hauptschule in Form der „Gut-drauf-Tanke“ Gestalt an. Seit dem Sommer 2006 steht sie dort als Kiosk der besonderen Art, der mehr vermittelt als nur einen gesunden Lebensstil.

„Ihre Tanke“

Sie ist eine Konstante geworden, etwas auf das sich die Jugendlichen verlassen können, eine Institution, die für alle da ist, ohne sich aufzudrängen. „Man muss durch keine Tür gehen oder zwangsweise ein Gespräch führen“, formuliert Meyer. „Man kann sich das Ganze aus der Ferne ansehen, oder im Vorbeigehen ein Äpfelchen mitnehmen.“ Durch die Freiwilligkeit und die Neugier der Jugend sei der Wagen zu einem beliebten und bekannten Ziel geworden. „Es ist ihre Tanke geworden.“

Aus alltäglichen Begegnungen würden schließlich Verbundenheit und aus allgemeinen Fragen intensive Gespräche. Das sei seiner Meinung nach auch ein großer Unterschied zu der Pseudo-Jugendarbeit im Fernsehen. „Wenn man ein Teil des Lebens der Jugendlichen wird, dann hat man auch Verantwortung, die nicht nach Öffnungszeiten geregelt ist“, so Meyer. Oft verabredet er sich zu Vier-Augen-Gesprächen über Probleme oder Sorgen im Jugend- oder Eiscafé.

Er möchte verhindern, dass sich die Jugendlichen in der Öffentlichkeit bloßstellen. Auf veröffentlichten Fotos soll kein Besucher zu erkennen sein und er behält die vielen persönlichen Geschichten für sich, die ihm erzählt werden. Jürgen Meyer möchte, dass die Tanke den Jugendlichen vermittelt: In Eitorf gibt es Menschen, die sich für dich interessieren, egal wo du herkommst und was dir wichtig ist. Wenn du willst, kannst du hier Hilfe anfordern oder dich einfach nur informieren. Und du musst nichts dafür bezahlen.



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