Erstellt 25.09.09, 20:18h, aktualisiert 25.09.09, 20:48h
WLADIMIR KLITSCHKO: Das würde irgendwie stören, denke ich.
Wie geht es Ihnen während eines Kampfes von Vitali, wenn Sie in der Ecke sitzen?
KLITSCHKO: Ich hasse es, weil ich nichts tun kann.
Wie wichtig ist Ihnen bei eigenen Kämpfen der Bruder in der Ecke?
KLITSCHKO: Ich weiß, dass Vitali ohne mich genauso gut boxen würde - und umgekehrt. Aber es gibt mir schon ein gewisses Gefühl, wenn der Bruder da ist. Ich glaube nicht, dass es ein Vorteil im Kampf ist, aber es ist schön. Ich kenne es ja auch nicht anders. Ich bin auf die Welt gekommen, und Vitali war schon da. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.
Im Staples Center von Los Angeles hat Vitali gegen Lennox Lewis seinen wohl blutigsten Kampf gemacht. Haben Sie Sorge, dass so etwas wieder passieren könnte?
KLITSCHKO: Sorgen sind immer dabei. Das ist keine Comedy-Veranstaltung, das ist ein ernster Sport. Man muss physisch und psychisch in Topform sein, man kann das nicht nebenbei machen. Natürlich bin ich nervös. Ich bin froh, wenn der Kampf vorbei ist, wir gewonnen haben und Vitali heil und gesund ist.
Sie sehen es als „wir haben gewonnen“, nicht „er hat gewonnen“?
KLITSCHKO: Ja, hundert Prozent. Wir verlieren zusammen, und wir gewinnen zusammen. Wir teilen das. Es freut mich sogar mehr, wenn Vitali gewinnt. Wenn ich selbst gekämpft habe, bin ich auch zwei Wochen später noch in einer Art Tunnel, kann nur schwer wieder ins normale Leben zurückkommen. Wenn Vitali kämpft, kriege ich alles viel besser und intensiver mit.
Was für einen Kampf erwarten Sie zwischen Vitali und Chris Arreola?
KLITSCHKO: Das wird ein schwieriger Kampf. Der Gegner ist sehr selbstbewusst, der wird nicht aufgeben. Der wird das durchziehen. Er hat keine Verteidigung, marschiert immer nach vorn und will den Knockout. Der Kampf wird nicht lange dauern. Aber ich bin überzeugt, dass Vitali gewinnt, und zwar mit einem K.o.-Sieg.
Sie sind fünf Jahre jünger als Ihr Bruder. Haben Sie ihm nachgeeifert, als Sie Kinder waren?
KLITSCHKO: Ja, das war der Fall. Unser Vater hat immer gearbeitet. Die nächste ältere Person, die da war, war meine Mutter. Aber ich wollte natürlich nicht wie meine Mutter werden, klar. Dann war da Vitali. Er hat immer als Erster irgendwas ausprobiert und es mir dann gezeigt. Er hat immer neue Sachen gemacht. Genau so bin ich auch zum Boxen gekommen. Ohne ihn wäre ich nicht in diesem Sport. Er ist eigentlich der wahre Boxer, der wahre Krieger. Er ist damit geboren, ich bin das geworden. Bei ihm ist es authentisch, bei mir ist es nachgespielt.
Was war Vitali für ein Bruder: Hat er Sie ständig gehänselt und wollte Sie nie dabei haben, oder hat er sie angeleitet und beschützt?
KLITSCHKO: Am Anfang ist er weggelaufen, er wollte mich auf keinen Fall mitnehmen. Ich war zu jung und zu langweilig. Ich bin aber immer hinterher. Das Problem war, dass ich alles, was ich gesehen habe, immer unseren Eltern erzählt habe. Er hat dann gesagt, dass ich nie wieder mitkommen darf, wenn ich immer alles den Eltern erzähle. Ich habe zugestimmt, aber dann habe ich doch alles erzählt. Ich konnte den Mund nicht halten. Später hat er mich dann aber sogar manchmal gefragt, ob ich mitkommen will.
Wie kam es, dass Sie beide Boxer wurden?
KLITSCHKO: Vitali hat damit angefangen und ich habe es nachgemacht. Ich habe immer alles nachgemacht, von Kindheit an. Wir sind mit der Familie sehr oft umgezogen, immer wieder neue Schulen, neue Klassenkameraden. Der beste Freund, den ich dabei hatte, war mein älterer Bruder. Eigentlich wollte ich in die medizinische Schule als ich 14 Jahre alt war. Damals, zu sowjetischen Zeiten, konnte man sich früh einen möglichen Beruf aussuchen. Man kam dann auf eine Vor-Universitäts-Schule.
Sie wollten Arzt werden?
KLITSCHKO: Ja, ich wollte Medizin studieren. Dann wurde mir aber gesagt, ich könnte noch nicht gleich studieren, sondern müsste erst als Pfleger anfangen. Ich habe gesagt: Ich als Pfleger? Ich will doch Arzt werden. Das Nächste, was mich interessiert hat, war die Sportschule. Weil ich reisen wollte. Ich habe gesehen, dass Vitali immer im Ausland war. Also dachte ich: Okay, dann mache ich erst mal Sport und wechsele dann. Aber ich bin hängen geblieben.
Es kamen die Olympische Spiele 1996. Sie sind für Vitali nachgerückt und haben Gold geholt.
KLITSCHKO: Ja, auch das war ein Sieg für uns beide. Ich wollte danach nicht mehr Boxen. Ich dachte mir, ich gewinne Olympia-Gold und dann war es das. Ich war gerade 20. Und dann kamen die Angebote von den Profi-Promotoren. Berufssport, das war etwas Neues, etwas Interessantes - und etwas Lukratives. Ich war sehr jung und brauchte auch eine finanzielle Unterstützung.
Sie und Vitali haben sich von Anfang an als Doppelpack etabliert.
KLITSCHKO: Wir haben uns nicht etabliert. Wir sind komplett unterschiedlich. Aber die Gegensätze passen gut zusammen.
Können Sie die mal nennen?
KLITSCHKO: Das ist privat. Das kann ich nicht sagen.
Bezogen auf das Boxen gelten Sie ja als der bessere Techniker, als das Bewegungstalent, und Vitali als härter im Nehmen, als Kämpfer. Ist das mehr als ein nerviges Geschwister-Klischee?
KLITSCHKO: Tatsächlich ändert sich das immer mal wieder. Nach meiner ersten Niederlage als Profi war erst mal Vitali der Star, 1999 wurde er Weltmeister. Aber dann hat er gegen Chris Byrd verloren und unfassbare Kritiken bekommen: Er habe aufgegeben und sei ein Weichei. Dann habe ich gegen Byrd den Titel gewonnen und war der Star. 2003 kam die Niederlage gegen Corrie Sanders, danach gegen Brewster. Da war ich das Weichei und Vitali war der Mann, der die Familienehre gerettet hat. So ging es hin und her. Bis jetzt. Beide zusammen waren wir noch nie so erfolgreich wie zur Zeit.
Glauben Sie, die Karriere jedes Einzelnen von Ihnen wäre so erfolgreich verlaufen, wenn es Sie nicht im Doppelpack gäbe?
KLITSCHKO: Vitali wäre auch ohne mich erfolgreich. Und ich auch ohne ihn, denke ich. Wir respektieren einander, wir kennen die Stärken und Schwächen des anderen, aber keiner von uns will dem anderen seine Schwächen zeigen. Wir unterstützen einander, aber wir zeigen keine Emotionen füreinander. Dennoch wissen wir immer, wie es dem anderen geht.
Das Gespräch führte Susanne Rohlfing
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