Von Christian Bos, 29.09.09, 20:52h
Google und Nasa helfen
Bill Gates hält ihn für einen Visionär. Die Eigentümer von Google finanzieren ihm eine eigene Universität, und die Nasa stellt für diese „Singularity University“ ihren Campus im Silicon Valley zur Verfügung. Mit dem US-Militär arbeitet Kurzweil nach eigener Aussage gerade an einem schnellen Eingreif-System gegen biologische Terrorattacken. Einige Kollegen halten ihn dagegen schlicht für einen New-Age-Spinner mit Messias-Komplex. Aber der angebliche Spinner ist vielbeschäftigt. Ein Vortrag von Kurzweil kostet 25.000 Dollar, und das Interview kam drei Monate nach der ersten Anfrage zustande. Bereits mit 15 Jahren schrieb Kurzweil sein erstes Computerprogramm. Was heute fast normal erscheint, war im Jahr 1963 noch höchst ungewöhnlich. Später entwarf der New Yorker, dessen jüdische Eltern vor Beginn des Zweiten Weltkriegs aus Österreich geflohen waren, eine Lesemaschine für Blinde. Stevie Wonder war sein erster Kunde. Auf dessen Anfrage hin baute Kurzweil einen Synthesizer, der noch heute häufig auf Bühnen zum Einsatz kommt.
Bekannt wurde Kurzweil jedoch mit seinem von 1990 erschienenen Buch „Das Zeitalter der intelligenten Maschinen“, in dem er nicht nur die Geschichte der Rechenmaschinen abhandelte, sondern auch Vorhersagen für die Zukunft wagte. „Die Leute sind oft sehr skeptisch, wenn sie von den Veränderungen lesen, die ich vorhersage“, gibt Kurzweil gerne zu. „Aber das liegt daran, dass sie nicht das exponentielle Wachstum der Informationstechnologie sehen. Die Intuition ist nun mal linear.“
Bereits in den 80ern hatte Kurzweil nicht nur ein weltweites Kommunikationsnetz vorhergesagt, das Milliarden von Menschen miteinander verbinden wird, sondern auch noch hinzugefügt, dass zu Beginn des neuen Jahrtausends die meisten Menschen einen kabellosen Zugang zu diesem Netz haben würden. Vielleicht klang das damals ähnlich verrückt wie die Dinge, die Kurzweil heute voraussagt. Die Menschen gewöhnen sich eben sehr schnell ans Ungewöhnliche.
Kurzweil hält seine Aussagen weder für ungewöhnlich noch gewagt. Der Fortschritt der Informationstechnologie sei einfach außerordentlich vorhersagbar, auch wenn der gesunde Menschenverstand behaupte, man könne die Zukunft nicht vorhersagen. „Sehen Sie: Die Rechenkraft, die Sie für den Gegenwert von einem Dollar bekommen, lässt sich seit der großen US-Volkszählung aus dem Jahr 1890 sehr genau vorhersagen. Weder die große Depression noch einer der Weltkriege konnten den stetigen Anstieg der Rechenkraft pro Dollar erschüttern.“
Welche Innovationen diese ansteigende Rechenkraft bringen wird und ob die Menschen diese zum Guten oder zum Bösen einsetzen werden, das könne er freilich nicht vorhersehen. „Aber wenn Sie mich fragen, wie viele Bits im Jahr 2014 im Internet unterwegs sein werden, kann ich ihnen eine Zahl nennen, die sich höchstwahrscheinlich als korrekt erweisen wird.“ Die genaue Bit-Anzahl erregt die Allgemeinheit wahrscheinlich wenig. Andere Spekulationen schon eher. „Schon im Jahr 2019 besitzt ein 1000-Dollar-Computer die Rechenkraft, um das menschliche Gehirn zu simulieren. Die entsprechende Software wird auf dem »Reverse Engineering« des menschlichen Gehirns aufbauen. Das braucht etwas länger und damit wären wir im Jahr 2029. Und wenn die Maschinen erst einmal menschenähnliche Intelligenz besitzen, werden wir mit ihnen verschmelzen. Aber im Jahr 2045 wird der nicht-biologische Teil der Intelligenz unserer Zivilisation um einige Milliarden mächtiger sein als der biologische Teil. Und das wird eine profunde Veränderung einleiten.“ Weil dann, und jetzt klingt Kurzweil wie der Erzähler aus dem Off zu Anfang von James Camerons „Terminator“, der technologische Fortschritt, nun ganz in den Händen der intelligenteren Maschinen, in unvorhersehbarem Maße explodieren wird. Aber der Futurist fürchtet keine Diktatur der Maschinen, kein Science-Fiction-Szenario à la „Terminator“ oder „Battlestar Galactica“. „Schon heute ist die Technologie extrem dezentralisiert. Diese Computer sind uns schon jetzt buchstäblich sehr nahe, sind ein Teil von dem, was uns ausmacht. Wenn Sie unter Parkinson leiden, hat man Ihnen vielleicht schon einen Computer ins Hirn gesetzt. Für den können Sie auch neue Software herunterladen.“ Wir sind die Roboter. Oder werden sie sein. Eigentlich müsste es den heute 61-jährigen Kurzweil wurmen, dass er die Singularität aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben wird.
Eigentlich. „Ich habe ein sehr detailliertes Programm ausgearbeitet, das mich dorthin bringen wird“, erläutert Kurzweil nüchtern. „Ich denke, ich habe eine gute Chance. Die erste Brücke ist alles, was ich schon heute dafür tun kann, den Alterungsprozess zu verlangsamen. Tests zufolge bin ich in den vergangenen 20 Jahren nur um zwei biologische Jahre gealtert. Ich bin jetzt also 41 statt 61. Die zweite Brücke ist die Biotechnologie, nanotechnologische Maschinen, die den Körper auf Zellebene regenerieren können. So eine Technik wird uns in rund fünfzehn Jahren zur Verfügung stehen.“
Bis dahin, glaubt Kurzweil, wird die Medizin mit jedem folgenden Jahr die Lebenserwartung um mindestens ein Jahr verlängern können. Und nur wenig später wird der Körper, Kurzweil nennt ihn „Human Body 3.0“, so weit mit künstlichen Anteilen angereichert sein, dass er dauerhaft erneuerbar bleibt. In der Zukunft wird Ray Kurzweil ewig leben.
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