Von Gerd Höhler, 09.10.09, 20:15h, aktualisiert 10.10.09, 19:31h
Seit über einem Jahr hatten sich Unterhändler der beiden verfeindeten Nachbarn mehrmals in der schweizerischen Hauptstadt Bern getroffen, um die Abkommen auszuhandeln. Sie sehen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die spätere Öffnung der Grenze vor. Um in Kraft treten zu können, müssen sie aber noch von den Parlamenten in Ankara und Eriwan ratifiziert werden. In beiden Ländern regt sich allerdings Widerstand - die historischen Altlasten wiegen schwer.
Im Zentrum des türkisch-armenischen Zerwürfnisses steht seit Jahrzehnten der Streit um die Armenierverfolgungen im Osmanischen Reich. Armenien spricht von einem Völkermord, dem in den Jahren 1915 bis 1923 rund 1,5 Millionen Armenier zum Opfer gefallen seien; nach offizieller Lesart der Türkei handelte es sich um „Kriegswirren“, in denen je 200 000 Armenier und Türken umgekommen seien. Bei den jetzt abgeschlossenen Normalisierungsgesprächen wurde dieses heikle Thema bewusst ausgeklammert. Es soll einer bilateralen Historikerkommission vorgelegt werden. Dagegen gibt es aber in beiden Ländern Widerstände.
Exil-Armenier: Türkei muss Armenien anerkennenVor allem Exil-Armenier argumentieren, es dürfe keine Annäherung an die Türkei geben, bevor Ankara nicht den Genozid anerkenne. Demonstrationen und Protestaktionen in Beirut, Paris und Be verly Hills in den vergangenen Tagen unterstrichen diesen Widerstand gegen die Annäherung. Auch die türkische Regierung muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, sie kehre diese Kontroverse unter den Teppich und akzeptiere damit mittelbar den Völkermord-Vorwurf. Nationalistische Oppositionspolitiker kritisieren überdies, die Regierung begehe mit der Annäherung an Armenien Verrat an Aserbaidschan. Dabei geht es um Berg-Karabach, die überwiegend armenisch besiedelte Enklave auf dem Territorium Aserbaidschans. In dem Konflikt steht die Türkei auf Seiten der Aserbaidschaner, einem Turkvolk, dem man sich ethnisch eng verbunden fühlt. Nachdem Armenien 1992 in Berg-Karabach einmarschiert war, schloss die Türkei die Grenze zu Armenien.
Der türkische Außenminister Davutoglu, der sein Land in der Rolle einer regionalen Ordnungsmacht sieht, verbindet mit der Annäherung an Armenien nicht zuletzt die Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts um Berg-Karabach. Das könnte zu einer Stabilisierung des südlichen Kaukasus führen. Für beide Länder lägen darin riesige Chancen. Eine Öffnung der türkisch-armenisch Grenze würde den Armeniern Handelswege über Anatolien nach Westen erschließen und der Türkei neue Exportrouten nach Mittelasien und Fernost eröffnen.
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