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Buchmesse

Radikale Kritik an Gastland China

Von Martin Oehlen, 14.10.09, 20:41h, aktualisiert 15.10.09, 23:23h

In Frankfurt haben chinesische Regimekritiker Kritik am Buchmessen-Auftritt der Volksrepublik geübt. Die Einladung sei zwar richtig gewesen. China missbrauche die Buchmesse aber als Bühne zur glanzvollen Selbstdarstellung.

Buchmesse Frankfurt
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Die Volksrepublik China ist der viel kritisierte Ehrengast der Frankfurter Buchemesse 2009. (Bild: dpa)
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Die Volksrepublik China ist der viel kritisierte Ehrengast der Frankfurter Buchemesse 2009. (Bild: dpa)
Radikale Kritik haben drei chinesische Regimekritiker auf der Buchmesse am Gastland-Auftritt der Volksrepublik China geübt. Am Stand des deutschen Pen-Zentrums sagte Zhou Qing, der nach den Unruhen von 1989 zwei Jahre in Haft saß und ein in China verbotenes Buch über Lebensmittel-Verseuchung geschrieben hat: „Es hat keinen Sinn, China auf dieser Messe als Gastland zu präsentieren. Ich bin dagegen.” Sinnvoll sei der Auftritt allein aus drei Aspekten: Für die Veranstalter sei er kommerziell interessant, für die „braven Autoren” der offiziellen Delegation biete er eine wunderbare Auslandsreise und für die Staatsführung sei er eine „Bühne, um sich glanzvoll darzustellen.”

Ma Jian, der im Londoner Exil lebt und von dem soeben der Roman „Peking Koma” (Rowohlt) erschienen ist, beklagt, dass die Zensurbehörde Gapp nur linientreue Autoren eingeladen habe. „Während hier die offiziellen Vertreter in guten Anzügen und schönen Kostümen herumlaufen, sitzen unsere Kollegen in der Volksrepublik im Gefängnis.” Unter ihnen auch der seit bald einem Jahr ohne Prozess inhaftierte Vorsitzende des chinesischen Pen, Lu Xiaobo, für den sich jetzt das amerikanische Repräsentantenhaus eingesetzt habe. Ma Jian erklärt weiter, dass Chinas Delegation durch die Reise nach Frankfurt die Chance habe, die Welt kennenzulernen - „ich hoffe sehr, dass sie diese Chance nutzt.”

Die Regimekritikerin Dai Qing, deren Auftritt auf einem Frankfurter Symposium im September die Messeleitung zunächst untersagt und dann doch zugelassen hatte, hält die Einladung im Grunde für richtig. Gleichwohl glaubt sie: „Vielleicht hat die Buchmesse unterschätzt, was die Staatsmacht will - sie will sich schön darstellen.” Das sei seit der ersten zarten Öffnung des Landes im Jahre 1981 der Fall. „China wird weltweit immer wieder sehr warmherzig aufgenommen, doch stets wird die Einladung missbraucht.”

Alle drei Autoren kritisierten scharf das Angebot an chinesischer Literatur auf der Messe. Es gebe nicht ein Buch, das sich kritisch mit dem Land befasse, schon gar nicht gebe es eines über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahre 1989. „Vergangenheitsbewältigung ist in China ein Tabu,” sagt Dai Qing.

George Orwell habe den düsteren Zukunfts-Roman „1984” geschrieben, ergänzt Ma Jian. Doch „1984” spiele heute: „Es gibt hier so viele wunderschön gedruckte Bücher, aber auf allen steht nur ein Name: Kommunistische Partei Chinas.” Selbst in der Belletristik werde man „kaum Freude” finden. Mit bitterem Lächeln fügt Dai Qing an: „Ein Buch gibt es allerdings, das hier ausgestellt wird und das sich zu lesen lohnt: Die Weisheit, nicht krank zu sein.” Das sei ein nützlicher Text zur Gesundheit. China rühme sich seiner alten Tradition, erinnere an Buchdruck und Papier-Erfindung. Doch nach Ansicht der Autorin aus Peking ist Chinas wichtigster Beitrag für die Welt, wie man seine Gesundheit bewahre.

Für kritische Autoren sei es unmöglich, sagt Zhou Qing, in einem von Chinas 571 Staatsverlagen zu veröffentlichen. Private Verlage existierten nicht. Wer seinen Text als „Raubdruck” publik mache, laufe Gefahr, ins Gefängnis zu kommen. Eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren sei möglich. Allerdings erweist sich die digitale Welt als sehr hilfreich. So gelangten mehr und mehr Manuskripte aus der Volksrepublik nach Hongkong oder ins Ausland, wo sie publiziert werden können. Allerdings haben die Leser in China nichts davon.

Befragt nach dem persönlichen Risiko, das sie mit ihrer öffentlichen Kritik eingehen, sagt Dai Qing mit entspannter Miene:„Was soll ich noch verlieren? Ich habe schon fast alles verloren - bis auf die chinesische Staatsangehörigkeit.” Ihre Kollegen, die beide zur Zeit in Europa leben, sorgen sich, möglicherweise nicht mehr nach China einreisen zu dürfen - oder im Falle von Zhou Qing, nach der Rückkehr nicht mehr ausreisen zu können.



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