Von Irene Meichsner, 16.10.09, 18:17h, aktualisiert 20.10.09, 08:53h
Wie rasend schnell sich ein Grippevirus durch eine kleine Änderung seiner Oberflächenstruktur dem Angriff durch antivirale Medikamente vom Typ Tamiflu zu entziehen vermag, hat sich eben erst gezeigt. Anfang 2008 war zunächst in Norwegen aufgefallen, dass einige Patienten, die mit dem saisonalen Grippeerreger vom Typ H1N1 infiziert waren, auf Tamiflu nicht mehr reagierten. Binnen weniger Monate breitete sich dieser resistente Virusstamm - zur absoluten Verblüffung der Influenzaexperten - erst über Europa und dann die ganze Welt aus. Heute sind in vielen Ländern, darunter Deutschland, die saisonalen Influenzaviren vom Typ H1N1 zu nahezu 100 Prozent gegen Tamiflu resistent. Als Ursache stellte man eine Mutation des so genannten Neuraminidase-Proteins „H274Y“ fest. Niemand kann ausschließen, dass sich ein solches Drama auch beim Pandemie-Virus A / H1N1 (2009) wiederholt. Dabei werden Bedenken noch von einer ganz anderen Seite geäußert.
Zuerst waren es nur Rechenmodelle. Im Januar 2007 stellte sich der britische Umweltforscher Andrew Singer vom Zentrum für Ökologie und Gewässerkunde der Universität Oxford die Frage, welche Folgen es haben könnte, wenn während einer Influenza-Pandemie Hunderttausende oder Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig mit Tamiflu behandelt würden. Damals gab es noch keine Schweinegrippe. Doch es gab das aggressive Vogelvirus H5N1 und die große Angst, dass dieser Erreger auf Menschen überspringen und sich über die ganze Welt ausbreiten könnte.
Singer interessierte sich allerdings weniger für medizinische als für ökologische Probleme. Der Forscher wollte wissen, in welchen Mengen und Konzentrationen die Wirksubstanz von Tamiflu in die Oberflächengewässer gelangt, wenn Millionen von Patienten das Medikament während einer Grippe-Pandemie tatsächlich schlucken. Höchstens 20 Prozent des eingenommenen Tamiflu werden nämlich vom Körper verwertet, die restlichen 80 bis 90 Prozent als so genanntes „Oseltamivircarboxylat“ (OC) wieder ausgeschieden. Über die Kanalisation erreichen sie zunächst die Klärwerke.
„Die aktiven Komponenten des Medikaments sind sehr widerstandsfähig. Sie überwinden die verschiedenen Reinigungsstufen von Kläranlagen und wandern im Prinzip direkt in deren Abwässer“, sagt Jerker Fick, Chemiker an der nordschwedischen Universität Umea, der mit seinen Kollegen den Nachweis führte, dass das Oseltamivircarboxylat von den herkömmlichen Kläranlagen nicht abgebaut wird.
Helfen würde - ähnlich wie bei anderen pharmazeutischen Substanzen - eine zusätzliche Behandlung mit Ozon. Doch die Betreiber scheuen die Investitionen, die mit einer solchen technischen Aufrüstung verbunden wären.
Nahezu unversehrt und in riesigen Mengen gelangt die Wirksubstanz von Tamiflu somit in Flüsse und Seen, an denen Enten und andere Wasservögel leben. Wenn diese Grippeviren in sich tragen, was sehr häufig der Fall ist, könnten einige Erreger eine Resistenz gegen das Medikament entwickeln. Würden solche Viren von den Vögeln ausgeschieden und auf Menschen überspringen, hätte dies für eine nachfolgende Grippewelle womöglich fatale Konsequenzen: Eine der wenigen halbwegs wirksamen Waffen gegen die Influenza wäre plötzlich stumpf.
Ein bedenkliches Szenario und längst kein bloßes Rechenexempel mehr. Japanische Forscher aus Kyoto haben vor und während der letzten saisonalen Grippewelle von Dezember 2008 bis Ende Februar 2009 in den Abwässern von drei Klärwerken sowie in zwei angrenzenden Flüssen nach Oseltamivircarboxylat (OC), der aktiven Wirksubstanz von Tamiflu, gesucht.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben Gopal Ghosh und seine Kollegen jetzt in den „Environmental Health Perspectives“ veröffentlicht. Sie sind der bislang eindrucksvollste Beweis dafür, dass die Wirksubstanz von Tamiflu heute schon in enormen Mengen ungefiltert in die Umwelt gelangt. Auf dem Höhepunkt der Wintergrippe 2008 / 2009 wurden in Kyoto innerhalb einer Woche 1738 neue Infektionen gemeldet. Zum gleichen Zeitpunkt erreichten die OC-Werte im Nishitakase River, einem Kanal entlang der westlichen Außenbezirke von Kyoto, ein Maximum von 293,3 Nanogramm pro Liter Wasser.
„In infizierten Enten, die natürliche Wirte für Influenza-Erreger sind, könnten resistente Viren entstehen, die mit den Fäkalien in die Umwelt gelangen“, warnt Björn Olsen von der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Uppsala. Er hatte mit seinen Kollegen, darunter Jerker Fick, im Umkreis von Kyoto auch während der Grippesaison 2007 / 2008 schon erhöhte OC-Werte festgestellt. Wohlgemerkt, diese Werte wurden noch während einer normalen Grippesaison erhoben, wie es sie in jedem Winter gibt.
Andrew Singer rechnet während einer Influenza-Pandemie mit OC-Konzentrationen im Mikrogramm-Bereich und einem entsprechend „erhöhten Risiko für die Entstehung von Resistenzen“ in Wildvögeln, was besonders dort eine Gefahr darstellt, wo, wie speziell in Südostasien, Menschen und Wasservögel in engem Kontakt miteinander leben.
Da mit rückt ein Problem in den Brennpunkt, das Forscher und Pharmaindustrie bis vor kurzem weitgehend ignorierten. Egal ob Schmerzmittel, Antibiotika, Antidepressiva, synthetische Hormone oder, wie im aktuellen Fall, das Tamiflu - immer häufiger tauchen Medikamente oder deren Abbauprodukte in bedenklichen Konzentrationen in der Umwelt auf. Weil der menschliche Körper die Substanzen nur zu einem Bruchteil verwertet, gelangen sie über den Urin ins Abwasser, schwappen in Bäche, Flüsse und Seen. Sie gefährden Fische, Algen und andere Wasserlebewesen. Und sie stellen ein zunehmendes Risiko für die menschliche Gesundheit dar.
Tamiflu liefert dafür ein extremes Beispiel. Von 96 Ländern wurden seit 2004 beim Schweizer Hersteller Roche Medikamenten-Vorräte für rund 220 Millionen Behandlungen geordert. Nach den Vorgaben der WHO, die 2006 noch unter dem Eindruck der Vogelgrippe formuliert wurden, soll während einer Grippe-Pandemie jeder Infizierte über fünf Tage hinweg mit insgesamt 750 Milligramm Tamiflu behandelt werden. Für Kontaktpersonen wurde eine zehntägige prophylaktische Therapie empfohlen. An dieses Prinzip hat man sich bislang auch bei der Schweinegrippe gehalten, obwohl Kritiker ihren Widerstand gegen die großzügige Verabreichung des Medikaments immer unmissverständli cher äußern.
Viele Ärzte halten wegen des normalerweise milden Verlaufs der Schweinegrippe eine medikamentöse Behandlung schlichtweg für unnötig oder sogar für kontraproduktiv. Denn Tamiflu zeigt auch erhebliche Nebenwirkungen. Im Fachblatt „Lancet“ warnten am Freitag Mediziner bei Erwachsenen von Erbrechen und Übelkeit, bei Kindern und Jugendlichen sogar vor psychiatrischen Auffälligkeiten. Sie forderten „dringend“ neue Studien zur Verträglichkeit.
In England gab eine Stabsstelle im Juli wegen der Schweinegrippe Tamiflu aus dem nationalen Vorrat für 511 000 Behandlungen frei. Ein unabhängiges Expertengremium, das vom Gesundheitsministerium eingesetzt wurde, schlug dagegen vor, mit Tamiflu restriktiver umzugehen und leichtere Beschwerden lieber mit harmloseren Mitteln zu behandeln - auch wegen der Gefahr einer Entwicklung resistenter Virusstämme. Doch die britische Regierung lehnte eine Änderung ihrer Strategie ab. „Man hatte das Gefühl, dass es einfach unakzeptabel sei, wenn man der Bevölkerung plötzlich sagt: Wir haben da zwar einen riesigen Vorrat an Medikamenten, werden ihn aber nicht zugänglich machen“, berichtete Robert Dingwall, Leiter des Instituts für Wissenschaft und Gesellschaft an der Universität Nottingham und Mitglied eines Komitees, das sich mit ethischen Begleitumständen der Influenza-Pandemie befasst. Aber auch noch etwas ganz anderes könnte Regierungen dazu bewegen, die teuren Tamiflu-Bestände lieber massenhaft zu verteilen statt sie länger aufzubewahren. Die Vorräte, die 2004 unter dem Eindruck der Vogelgrippe angelegt wurden, haben nach fünf Jahren eigentlich das Ende ihrer Haltbarkeit erreicht. Mit Einverständnis der WHO wurde die Haltbarkeitsfrist in der EU, den USA, Kanada, Hongkong und Australien im August um zwei auf sieben Jahre verlängert. Diese Fristverlängerung gilt aber nur, solange das Mittel für die Behandlung des Pandemie-Virus benutzt wird und nicht für die saisonale Wintergrippe. Bleiben also noch zwei Jahre Zeit, um die Tamiflu-Bestände loszuwerden. Andernfalls müsste man sie vernichten - was vielen Bürgern wohl nur schwer zu vermitteln wäre. Da bringt sie mancher vielleicht lieber unters Volk.
Der entzauberte Grippe Killer
19.10.2009 | 11.50 Uhr | CGNJAN09
Wir Menschen sind mutierte Viren, die die Erde und damit uns selbst vernichten werden. Und das schlimmste ist: wir mutieren immer weiter... dagegen…
war doch aber eine tolle Werbekampagne
18.10.2009 | 12.03 Uhr | NetVampire
von Politik und Pharmaindustrie,
die dem Steuerzahler (ges. Kassenbeitragszahler) nur wieder ein paar lächerliche Millionen gekostet hat und weitere…
Tamiflu ist ohnehin entbehrlich
17.10.2009 | 18.42 Uhr | EPetras
Tamiflu bekam seine Zulassung nur knapp, weil es scheinbar gelang, den krankheitsverlauf um wenigstens einen Tag zu mindern. Viele Ärzte verschreiben…
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