Von Petra Pluwatsch, 17.10.09, 12:57h
Unter Surinomo versteht die Fachwelt eine Kombination aus Gedicht und Illustration. Bei den Texten handelt es sich in der Regel um kurze, 31 Silben umfassende Scherzgedichte, deren Witz auf Wortspielen und Parodien klassischer Verse basiert. Die Mitglieder von Dichterzirkeln gaben die aufwändig gedruckten Kunstwerke zu besonderen Anlässen in Auftrag. Die Auflagen waren überschaubar, die Inhalte anspielungsreich und meist nur für Eingeweihte verständlich. Oft waren die Texte das Ergebnis eines Dichterwettstreits: Die erfolgreichsten Verse wurden zur Illustration auserkoren und ein Holzschnittkünstler mit seiner Umsetzung beauftragt.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts rissen sich europäische Sammler um die kleinformatigen Kostbarkeiten. Die in Köln gezeigten Surimono stammen aus der Sammlung des italienischen Künstlers und Japankenners Marino Lusy (1880-1954). Lusy, ein Weltenbummler mit Wohnsitzen in Triest, Paris und Montreux, erwarb einen Großteil der Stücke in den 20er und 30er Jahren auf Auktionen in Paris. Der umtriebige Künstler setzte sich wie vor ihm kein anderer Europäer mit den ihm fremden Texten und Darstellungen auseinander. Auf eigene Faust versuchte er, der die japanische Sprache nie studiert hatte, die komplizierten Zusammenhänge zwischen Text und Bild zu entschlüsseln. Über seine Erkenntnisse führte er akribisch Buch. Lusy vermachte seine schließlich mehr als 300 Blätter umfassende Sammlung, die heute zu den größten und bedeutendsten Europas gehört, dem Museum für Gestaltung in Zürich. Seit 2005 befindet sie sich als Dauerleihgabe im Züricher Museum Rietberg.
Die Kölner Ausstellung umfasst knapp die Hälfte der Lusy'schen Bestände und soll, so hofft es Adele Schlombs, Kenner des japanischen Farbholzdrucks aus ganz Europa nach Köln locken. Ein erster Teil wurde bereits im vergangenen Jahr im Museum Rietberg in einer Sonderausstellung präsentiert. Auch mehr als 200 Jahre nach ihrer Entstehung sind die Exponate in einer exzellenten Verfassung und bestechen durch ihre Lebendigkeit und ihren Detailreichtum. Es dominieren kräftige Farben: leuchtendes Rot, ein dunkles Blau, Gold und Silber. Bemerkenswert auch die Vorliebe für Prägedrucke: Die Farben werden dabei so dick gedruckt, dass sie reliefartig hervortreten.
Häufig werden der Frühling oder das beginnende neue Jahr thematisiert, dienten die Surimono doch unter anderem als Glückwunschkarten, die man einem lieben Freund - quasi als Postkarte - zum Jahresbeginn schickte. Und noch eine andere Funktion hatten sie: Sie fungierten als Bildkalender, denen man beispielsweise das gerade gültige Tierkreiszeichen entnehmen konnte. Auch zahlreiche Alltagsszenen sind in Köln zu bewundern: eine junge Frau mit Kopfputz und Stäbchen im Haar müht sich, eine schwere Stoffbahn zu färben. Eine Geisha balanciert auf hohen Hacken mit einem Begleiter an einem Fluss entlang. Ein junger Viehhirte reitet auf einem Ochsen und bläst dabei selig lächelnd auf einer Flöte.
So wird der Besucher hineingezogen in eine fremde Wunderwelt, die er vielleicht nicht immer versteht. Doch er kann staunen und schauen, wie einst Marino Lusy gestaunt haben mag, als er das erste Surimono zu Gesicht bekam.
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