Erstellt 16.10.09, 19:42h
MICHAEL HANEKE: Ja, sicher. Die meisten Geschichten, die im Film vorkommen, habe ich in verschiedenen Büchern gefunden. Ich habe Berge von Literatur über Erziehung und über das Leben im 19. Jahrhundert gelesen. Die Geschichte vom weißen Band war als ein Erziehungsratschlag für Eltern gedacht, weil das Tragen des weißen Bandes die Kinder nicht nur ständig erinnere, sondern auch vor den anderen bloßstelle. Das sei eine sehr effiziente und unbrutale Methode. Man müsse also nicht schlagen, sondern könne einfach mit einem weißen Band denselben Effekt erzielen. Das zu verwenden, hat sich mir förmlich aufgedrängt.
Wann haben Sie mit dem Filmprojekt angefangen?
Es ist schon fünfzehn, zwanzig Jahre her, dass ich die Grundidee hatte. Die bestand aus einem Kinderchor in einem Dorf, der die von den Vätern verordneten Ideale verabsolutiert und sich dadurch zu Richtern derer macht. Dort, wo eine Idee zur Ideologie wird, wird sie von denen ergriffen, denen es schlecht geht. Das ist sozusagen das Grundmodell jeder Form von Terrorismus.
War die historische Distanz notwendig, um diese Geschichte zu erzählen?
Theoretisch könnte man einen Film zum gleichen Thema heute irgendwo in einem islamischen Land drehen. Dann würde er zwar ganz anders ausschauen, aber die Grundidee wäre die gleiche. Mich interessiert daran: Was ist der gemeinsame Nenner von jeder Form von Terrorismus?
Sie haben zwanzig Jahre von der ersten Idee bis zur Umsetzung gebraucht, wieso das?
Das hat einen ganz banalen Grund. Ich hab's früher nicht machen können, weil ich es nicht finanzieren konnte. Sobald ich mit einem historischen Film mit Kindern in den Hauptrollen ankam, haben alle abgewunken. Aufgrund der Erfolge meiner letzten Filme haben die Leute dann gesagt: Na ja, vielleicht zahlt es sich trotzdem aus.
Sie geben - wie in Ihren anderen Filmen - in „Das weiße Band“ keine Antworten. Denken Sie nicht , dass Sie dadurch den Zuschauer überfordern könnten?
Das ist ja ein Klischee, dass der Zuschauer überfordert sei, weil er - durchs Fernsehen - daran gewöhnt ist, mit Antworten vollgestopft zu werden. Bei der Musik oder bei der bildenden Kunst regt sich kein Mensch darüber auf, dass es „keine Antwort“ gibt. Man lässt etwas auf sich wirken, und es bewegt irgendetwas. Nur dort, wo die Sprache ins Bild kommt, wird alles auf den Begriff gebracht. Und in dem Moment, wo es auf den Begriff gebracht wird, ist es tot. Ich versuche hingegen, die Dinge gegen dieses Auf-den-Begriff-bringen offen zu halten. Wenn ich nur die Sachen bestätigt kriege, die ich eh schon weiß, dann habe ich zwei Stunden Zeit verloren.
Der Dorfpfarrer steht am Schluss des Films noch einmal im Fokus. Er ist es, der verhindert, dass die Fragen noch einmal gestellt werden, und er will sie auch nicht beantworten. Beziehen Sie sich auch auf Ingmar Bergman?
Es liegt in der Natur der Sache. Wenn Sie einen Film über ein Dorf im neunzehnten Jahrhundert machen, haben sie alle Repräsentanten vom Baron bis zum Bauern unten da drinnen. Und der Pfarrer ist ein wesentlicher Bestandteil, in dem Fall der Ideologieträger, wenn Sie so wollen. Das hat nur insofern mit Bergman zu tun, als seine Filme ähnliche Themen behandeln. Ich bin ein großer Bewunderer von Bergman, aber ich würde ihn nicht imitieren wollen.
Es hat auch das Vernichtende von Bergman.
Das hab' ich schon oft gehört. Ich finde meine Filme überhaupt nicht vernichtend, ich finde, sie verunsichern ein bisschen. Ich kann von mir nicht sagen, dass ich ein Optimist wäre. Ich bin schon zutiefst überzeugt von dem, was in meinen Filmen vorkommt: dass die Menschen nicht sehr viel zu lernen bereit sind. Je älter man wird, umso mehr muss man das feststellen. Aber ich bin kein Pessimist, ich halte mich für einen genauen Beobachter der Wirklichkeit, für einen Realisten. Ich versuche, den Zuschauer in eine bestimmte Richtung zu stoßen, dass er sich wehrt. Ich stelle eine Behauptung auf und denke: jetzt musst Du schauen, wie Du mit der Behauptung fertig wirst. Weil ich das für produktiv halte.
Das Gespräch führte Marli Feldvoß
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