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Leitartikel zur Schweinegrippe

Grippaler Affekt

Von Stefan Sauer, 19.10.09, 19:32h, aktualisiert 19.10.09, 19:34h

Der verbreitete Unmut über die vermeintliche „Zwei-Klassen-Impfung“ ist zwar sachlich kaum gerechtfertigt. Er offenbart aber, wie sehr die Entscheidungsträger aus Sicht der Bevölkerung mittlerweile in privilegierten Sphären entschwunden sind.

Schweinegrippe-Impfung
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(Symbolbild: dpa)
Schweinegrippe-Impfung
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(Symbolbild: dpa)
Nach Auskunft von Experten muss sich kein Mensch ernsthaft sorgen, bei den Impfstoffen gegen Schweinegrippe könnte es sich um Produkte unterschiedlicher Qualität handeln. Der Vorwurf, es handele sich um einen „Regierungsimpfstoff“ der Güteklasse A sowie um ein Serum der B-Kategorie fürs gemeine Volk, ist offensichtlich falsch. Soweit der gute Teil der Nachricht.

Weniger erfreulich ist, dass es offenbar keine Abstimmung zwischen Bund und Ländern gegeben hat, ob zwei Impfstoffe für für unterschiedliche Personenkreise wirklich unumgänglich seien. Und wie gegebenenfalls die Öffentlichkeit zu unterrichten wäre. Ein planvolles Vorgehen in Fragen solcher Tragweite sollte auch in einem föderal strukturierten Gemeinwesen möglich sein. Mit Ruhm hat sich das federführende Bundesinnenministerium in der Frage nicht bekleckert.

Der verbreitete Unmut über die vermeintliche Zwei-Klassen-Impfung offenbart darüber hinaus, wie sehr die Entscheidungsträger aus Sicht der Bevölkerung mittlerweile in privilegierte Sphären entschwunden sind. Man traut der Regierung jederzeit zu, im Interesse des eigenen Wohlergehens den Gleichbehandlungsgrundsatz über Bord zu werfen. Man unterstellt der politischen Kaste wie selbstverständlich die Bereitschaft zur Selbstbedienung. Das sollte Parlamentarier und Regierungsmitglieder dazu veranlassen, die eigenen Bezüge endlich der Sozialversicherungspflicht zu unterwerfen.

Darüberhinaus belegt die Erregung ums Impfen, dass eine gefühlte Zwei-Klassen-Medizin der Alltagserfahrung sehr vieler Menschen entspricht. Die einen sitzen sich im Wartezimmer den Allerwertesten platt, die anderen werden direkt ins Behandlungszimmer gebeten. Die einen harren wochenlang fachärztlicher Termine, bei den anderen geht's Ruck-Zuck. Im Empfinden vieler Kassenpatienten handelt es sich dabei nicht nur um ärgerliche Service-, sondern um substanzielle Qualitätsunterschiede.

Das stellt sich die bange Frage, wie es wohl weiter geht mit der medizinischen Versorgung breiter Schichten. Hierfür bezahlbare, faire und medizinisch anspruchsvolle Lösungen zu entwickeln, wäre Aufgabe der nächsten Gesundheitsreform.

Man diskutiert stattdessen in den Koalitionsverhandlungen das Für und Wider des Gesundheitsfonds. Und belegt so den Eindruck, die Politik sei tatsächlich in ferne Sphären entschwunden.



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