Von Michaela Krüger, 10.07.09, 21:03h
„Wenn ich für jede Kuh, die ich geschlachtet habe, einen Euro bekommen hätte“, sagt Werner Siller, ein Typ von kleiner, drahtiger Statur, „dann könnte ich ganz Köln kaufen.“ Er wirft einen abgesägten Huf in den Mülleimer, die Luft durchzieht der Geruch von Blut und feuchtem Fell. Ketten rasseln, als der Seilzug den Torso gen Decke hievt. Der Kadaver hängt wie ein Sack. Siller setzt einen Schnitt, schnell und glatt durch den Bauch, aus der Kuh flatscht der Darm in die Plastikwanne und zieht den Pansen mit sich. Futter für die Bauernhunde. „Manche Kühe sind bekloppt. Aber die hier war gut. Die hat nichts geahnt“, sagt Werner Siller. Einen Bolzenschuss lang, den Bruchteil einer Sekunde, hat es gedauert, und das Vieh war in den Tiefschlaf betäubt. Der Hals ist schnell durchtrennt.
Vier Jahre auf satten Wiesen
Vier Jahre hat es vorher gelebt, auf satten Wiesen im Bergischen Land. Es bleibt anzunehmen, dass sich hinter der Nummer ein recht glückliches Kuhleben verbarg. Ein Dasein, eingepfercht hinter schweren Gitterstäben, vollgestopft mit Billigfutter, blieb DE 053780120092 erspart. Ihr Kopf, aus dem die lange Zunge baumelt, ist aufgespießt am Fleischerhaken, neben Leber, Milz und Lunge. Herr Siller, sagen Sie, war Schlachter eigentlich ihr Traumberuf? „Ach was“, sagt Siller. „Ich musste das lernen. Ich hatte die Wahl zwischen Metzger, Schreiner und Bäcker. Na, da bin ich eben Schlachter geworden. Weil es da immer Wurst gab.“
Im Bergischen waren viele Männer Metzger: Väter, Großväter, Urgroßväter. Auch Rolf Pfeifer, 60, dem der Familienbetrieb gehört, fuhr schon als Kind mit auf den Schlachthof. Während Siller die Kuh zerstückelt, dreht Pfeifer am Fleischwolf und füllt Därme mit Wurstbrei. Ab und an haut er einen Witz raus. Am Sonntag wollte er in den Zoo. Aber man kam nicht rein. Der war ja „zo“. Wursten ist Routine. Da-bei kann Rolf Pfeifer durchaus melancholisch werden, wenn er an die mächtigen, nur mit Gras und Kraftfutter aufgewachsenen Rinder von früher denkt, damals, als Metzger zu sein eine richtige Profession war: Nach dem Krieg gab es, so Rolf Pfeifer, in Odenthal an die zehn Metzger, bei 15 500 Einwohnern. Jetzt sind es noch zwei. Das meiste Fleisch in deutschen Haushalten kommt aus der Fabrik. „Das sind ja jetzt alles keine Schlachter mehr, also so mit Herz“, sagt Pfeifer. „Nur noch billige Arbeitskräfte.“ Die Discounter haben die Branche verän-dert. Das Pfund Frischgeflügel für 2,99 Euro, bitte. 61,1 Kilo Fleisch verzehrt der Deutsche im Jahr – und das soll gut und günstig sein.
Die Doppelmoral der Deutschen
Die Einschüsse fallen schneller. In Großbetrieben gehen 130 Tiere pro Stunde „durch“, wie es in der Branche heißt. Einschleusen, abdrü-cken, umkippen, ausnehmen, Fleischproduktion am laufenden Band. Im Gegensatz zu Familienbetrieb Pfeifer lassen sich die Marktriesen nicht hinter die Kulissen blicken. Man weiß um seine Klientel. Die ist unberechenbar, zerrissen, schließlich geht es um der Deutschen liebs-tes Kind: das Tier. Kaum ein anderes Thema weckt so viele Emotionen, kaum eine Geschichte ist so voller Doppelmoral. Sobald das Töten sichtbar wird, geht der Mensch auf die Barrikaden. Wir erinnern uns an die Aufschreie bei BSE, als das Keulen Konjunktur hatte. Plötzlich lief das, was sich sonst im Verborgenen abspielt, doch tatsächlich über den Äther. Und der Burger blieb uns im Halse stecken. Zumindest ein paar Wochen lang.
Ganz schlimm wird es, wenn der Tod aber im Antlitz eines Kaninchens daherkommt. Oder einer Katze. Deutschland lief Gefühls-Amok, als Sarah Wiener während ihres Kochprojekts mit Kindern ein kleines Hoppeltier ausnahm. Vor laufender Kamera auf dem Kultursender Arte. Die Nation stand unter einem „Kaninchen-Schock“, und Simon, 14, vor dem Trauma seines Lebens. „Das Schlimmste ist“, sagte er, „dass sie aufgehängt werden wie Socken.“ Aber darum geht es doch. Eine Kuh ist nun mal nicht lila, das Leben kein Ponyhof, oder, wie Sarah Wiener meinte: „Ich will die Kinder nicht traumatisieren, aber sie sollen sich bewusst sein, dass ihr Essen gelebt hat.“
Tiere als Handtaschen
Gerade hatten sich die Wogen ein wenig geglättet, da erlebten wir das Kater-Drama. Die niederländische Künstlerin Tinkebell, die ihr sterbenskrankes Tier Pinkeltje einschläfern ließ, verarbeitete es zu einer Handtasche. Und Menschen mutierten zu Monstern. „Wegsperren und exekutieren sollten sie dich!“, schrieb eine Hausfrau und nach eigenen Angaben „liebevolle Mutter“ zweier Kinder. „Stirb, Hure! Ich werde dich lange leiden lassen“, drohte ein 17-jähriger Hardrock-Fan aus den Niederlanden. „Ich hoffe, du krepierst an Schmerzen und brennst in der Hölle!“, verstieg sich ein weiterer Hassmail-Sender. Drei Beispiele von Tausenden. Kaum ein Biergartentisch blieb von der Debatte verschont. DARF MAN DAS?
„Meine Katze war todkrank“, erklärte sich Tinkebell. „Da habe ich sie halt erlöst. Gehen Sie doch mal auf einen Bauernhof oder in einen Schlachthof und schauen, wie dort die Tiere umgebracht werden. Unser Verhältnis zu Tieren ist krank. In der westlichen Welt werden Tiere wie menschliche Wesen behandelt. Von Erwachsenen, die mittags in der Kantine ein halbes Hähnchen verspeisen. Ich habe Angst vor einer Gesellschaft, die sich mehr um Tiere kümmert als um Menschen.“ Hat eigentlich schon jemand Morddrohungen erhalten, weil er in seinem Wohnzimmer einen Iltis an die Wand genagelt hat? Oder einen Fasan?
Gib dem Tier ein Kuschelfell, und die Menschheit ist wie von Sinnen. Große Gefühle sind in der globalen Ära wieder in Mode gekommen. Psychologen und Verhaltensforscher sprechen von einer „überproportional empfindsamen Zeit“. In einer individualisierten Gesellschaft kann zu viel Gefühl allerdings schon mal belastend sein. Wohin mit all der Duselei? Wir schenken sie dem Tier. Wenn es gleichwarm ist, nicht in freier Wildbahn streunt und kulleräugig dreinblickt, sind wir automatisch der Überzeugung, es sei empfänglich für unsere Zärtlichkeit.
Das Tier als Menschenersatz
Zwei Drittel der Bundesbürger sind laut einer Umfrage der Zeitschrift „Senioren Ratgeber“ davon überzeugt, dass Haustiere aufrichtigere Freunde sind als unsereins. Auch das „Bündnis Mensch & Tier“ hat in seiner jüngsten Studie die „Mensch-Tier-Beziehung in Deutschland“ unter die Lupe genommen. Danach wünscht sich der Deutsche vor allem, dass ein Tier Persönlichkeit erkennen lässt – und dass man es streicheln kann: „Mit dem Streicheln verbinden viele eine angenehme haptische Erfahrung, die im zwischenmenschlichen Kontakt nicht möglich ist.“ Das Tier als Partnerersatz?
„Bei einigen Arten sind wir der Überzeugung, dass sie uns stellvertretend geben können, was wir gerne von unseren Artgenossen bekom-men würden“, erklärt Sozialforscherin Sylvia Greiffenhagen. „Treue, Beziehungsstabilität, Schutz und Obhut, Ehrlichkeit, seelische und körperliche Wärme. Diese Werte vermuten viele Menschen, die gerade den Abgesang auf das soziale Zeitalter miterleben, eher bei Tieren als bei der eigenen Spezies.“ Deshalb reden wir im Bus also lieber mit den Dackeln als mit deren Haltern? Und wenn wir schon die Wahl haben, nehmen wir nicht nur süß, sondern zuckerwattesüß? Wir stehen auf Flipper, nicht aber auf den Weißen Hai. Die Fruchtfliegenkolonie auf dem frischen Zwetschgenkuchen ist uns ein Ärgernis, während wir uns über Marienkäfer in unsern Blumenkästen freuen. Die Vorstellung eines mit lebendigen Mäusen gefütterten Pythons irritiert uns. Umgekehrt kredenzen wir der Schmusekatze zum Geburtstag kandierte Krevetten.
Für ein bisschen Liebe bringen wir Opfer. Die Vorstellung, mit einem umgestülpten Plastiksack körperwarme, feuchte Exkremente vom Bürgersteig zu klauben, wird bei Nichthundesbesitzern spontanen Würgereiz auslösen. Tierbesitzer tun dies mit einem Gleichmut, fast mit einer erhabenen Fröhlichkeit im Gesicht, als handele es sich um Muschelsuchen am Strand.
Zuneigung ist begrenzt
Macht das Tier dagegen blubb und hat womöglich Schuppen, ist es schnell vorbei mit der Freundschaft. Nicht zuletzt wegen unserer stammesgeschichtlichen Verwandtschaft zu den Gesichtstieren richtet sich unsere Zuneigung primär an sie. Fische mögen zwar faszinieren, aber das menschliche Antlitz spiegelt sich im Aquarium. Nicht im Fischauge. Geschweige denn in acht Spinnenaugen hinter der Terrariumsscheibe.
Tja, und die Kuh? Ein Nutztier ist zum Nutzen da? Von DE 053780120092 ist nicht mehr viel übrig. Ein mächtiges Rückenskelett. Vier Plastikwannen mit Magen, Schlingen von Gedärm, Galle und der Schwanz. Die Haare daran sind ein bisschen verkotet. Kurz nachdem die Kuh tot war, hat sich noch einmal der Darm entleert. Das rote Muskelfleisch, durchzogen von kräftigen Sehnen, hat gezuckt, solange die Verbindungen zu den Adern noch existierten. Ein Ge-wicht von diesem Kaliber kühlt langsam aus. „Das ist wie bei einem Huhn“, sagt Werner Siller. „Sie köpfen das, und dann läuft es mit abgehacktem Kopf ja auch noch weiter. Ist nur kleiner.“
Wobei die Zeiten, in denen Hühner nach der Schlachtung weitergelaufen sind, ja eigentlich vorbei sind. Heute wird Geflügel kopfüber aufgehängt und in unter Strom stehendem Wasserbad getötet. En masse. „Geflügel ist der absolute Trend“, formuliert es Klaus Hühne vom Deutschen Fleischer-Verband (DFV). So fettfrei, so gesund, so schön weiß und damit so unschuldig rein. Für den hiesigen Verbraucher schnippeln die Produzenten jede noch so kleine Blutsehne und jedes Knöchelchen ab. Das ist Psychologie: Auf dem Teller soll möglichst wenig daran erinnern, dass das Stück Fleisch mal ein Lebewesen war. In Deutschland rollen Tiertransporte meist nachts. Einmal Currywurst, bitte.
Freude & Leid von Tier und Mensch
12.07.2009 | 11.30 Uhr | mochilla
Danke free. Ein sehr interessanter Link zu einem Film der das Thema tiefgreifender Behandelt als in einem Zeitungsartikel möglich.
Erdlinge wie wir
12.07.2009 | 09.01 Uhr | free
Der Film Earthlings zeigt klar und schonungslos unseren Umgang mit Tieren im Bereich Ernährung, Kleidung, Forschung und Freizeit:…
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