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Mahdavikias Brief bricht das Tabu

Von Tobias Kaufmann, 10.07.09, 13:39h, aktualisiert 10.07.09, 19:29h

Der Kapitän der iranischen Fußball-Nationalelf, Mehdi Mahdavikia, hat seinen Rücktritt bekannt gegeben – in einem Abschiedsbrief mit bemerkenswerten politischen Andeutungen. Anstoß - der tägliche Kommentar auf ksta.de.

Mehdi Mahdavikia
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Mehdi Mahdavikia im Spiel gegen Südkorea mit grüner Kapitänsbinde. (Bild: rtr)
Mehdi Mahdavikia
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Mehdi Mahdavikia im Spiel gegen Südkorea mit grüner Kapitänsbinde. (Bild: rtr)
„Ich bin überzeugt, dass das iranische Volk am besten zwischen uns Landesverrätern und Euch, die ihr die Heimat liebt, unterscheiden kann.“ Nur eine Bombe wäre noch deutlicher gewesen als diese Formulierung in dem offenen Brief, den der iranische Nationalmannschaftskapitän Mehdi Mahdavikia aus Anlass seines Rücktritts geschrieben hat. Adressiert war der Brief an das "iranische Volk" - aber an dem einen Punkt direkt an jene Funktionäre, die das Team gegängelt, bedroht und als "Verräter" verleumdet hatten, nachdem ein Teil der Mannschaft am 17. Juni beim Qualifikationsspiel in Südkorea grüne Bänder um die Handgelenke getragen hatte.

Signal ans System

Da die Funktionäre des Fußballverbandes enge Vertraute des herrschenden Regimes sind, kann und darf man die Worte Mahdavikias als Angriff auf jene werten, die hinter dem Verband stehen. Zu den Sportfunktionären gehört beispielsweise Mohammed Ali-Abadi, der laut "Spiegel" in der Halbzeitpause des Spiels in Seoul dafür gesorgt hatte, dass die Kicker die Bekundung von Solidarität mit der Opposition stoppen und die Bänder abnehmen - und der verschwägert ist mit Mahmud Ahmadinedschad, dem Gewinner der Präsidentenwahl.

An diese Regimevertreter und deren Medien richtete sich Mahdavikia in seinem Brief, als er schrieb: „Wie könnt ihr es wagen, ohne Beweise so über Spieler zu sprechen, die jahrelang alles gegeben haben – ihre Körper, ihre Seelen und ihre Familien eingeschlossen –, um den Iran stolz zu machen und um den Menschen im Iran Pokale und Freude zu schenken? Ich schlage vor, dass ihr eure Bilanz vorlegt und uns die Ehre gebt, Loyalität von euch zu lernen ...“

Der Verfasser selbst hat den Brief inzwischen relativiert und betont, sein Rücktritt habe keinerlei politische Motivation. Bei einem 32-Jährigen mit 105 Länderspielen, der in seinem Verein Eintracht Frankfurt kein unumstrittener Stammspieler ist, ist diese Argumentation mit Sicherheit nicht nur vorgeschoben. Dennoch bleiben jene Zeilen des Briefs, die man beim besten Willen nicht mit Sport allein erklären kann, umso mehr eine unerhörte Demonstration.

Der Sport war stets loyal

Denn bisher haben iranische Topsportler sich bis hin zur Selbstverleugnung stets loyal gegenüber dem Regime verhalten. Fußballer waren beispielsweise immer dann angeblich verletzt, wenn sie mit ihren Vereinen gegen israelische Mannschaften antreten sollten. Sogar der iranischstämmige deutsche Nachwuchsnationalspieler Ashkan Dejagah wurde urplötzlich malade, als es gegen Israel gehen sollte. Der iranische Medaillenfavorit Arash Miresmaeili überschritt bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 das Gewichtslimit, um dem Ringkampf mit dem sportlich zweitklassigen Israeli Ehud Vaks zu entgehen. Als Ausgleich dafür, dass Miresmaeili seinen olympischen Traum wegwarf, zahlte ihm der Staat dieselbe Prämie, die für eine Goldmedaille ausgelobt war.

Nun hat mit Mahdavikia einer der Helden in der populärsten Sportart des Landes die bedingungslose Loyalität mit dem Regime aufgekündigt. Es wäre falsch, daraus einen revolutionären Akt zu machen und von dem Spieler zu verlangen, dass er nun regimekritische Interviews en gros gibt. Er hat schon jetzt mehr gesagt als alle seine Kollegen. Das Signalträchtige an Mahdavikias Brief sollte deshalb niemand übersehen. In dem Interview, in dem der Spieler rein sportliche Gründe für seinen Rücktritt anführt, sagte Mahdavikia übrigens auch, er sehe seine Zukunft in Deutschland.



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