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Folge 3

Suche nach den Archivalien

Von Tanya Ury, 16.07.09, 08:50h, aktualisiert 08.09.09, 10:33h

Beim Einsturz des Kölner Stadt-Archivs hat die Künstlerin Tanya Ury die Dokumente der Geschichte ihrer Familie verloren. In ihrem dritten Beitrag für Guten Morgen, Köln schildert sie ihre Befürchtung, dass viele Archivalien nie mehr zugeordnet werden können.

Historisches Archiv Köln
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Archiv-Mitarbeiter Eberhard Illner holte den Nachlass 1999 aus London nach Köln. Hier eine offene Schublade mit Tonbändern, adressiert an Peter Ury. (Bild: Illner)
Historisches Archiv Köln
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Archiv-Mitarbeiter Eberhard Illner holte den Nachlass 1999 aus London nach Köln. Hier eine offene Schublade mit Tonbändern, adressiert an Peter Ury. (Bild: Illner)
Köln - Anfang Juni, waren wir „Depositare“, die wir Nachlässe im Historischen Archiv hinterlegt hatten, zum ersten Mal eingeladen, das Erstversorgungszentrum in Porz zu besuchen, um den Stand der Dinge zu betrachten – die Rettungsaktionen von Dokumenten nach der Sintflut. Dort werden Archivalien, die in den Ruinen des eingestürzten Historischen Archivs gefunden wurden, vorübergehend gelagert. Zweimal machte ich in letzter Zeit den langen Weg zu dem so genannten "EVZ", um zu fotografieren und zu filmen.

Die Adresse des EVZ ist geheim, die Presse darf dokumentieren, aber keine Hinweise auf den Ort oder genaue Details über die Besitzer der Archivalien veröffentlichten. Dabei scheint es, dass die involvierten Behörden endlich ihre Unsicherheit zeigten - nach der schon eingetretenen Katastrophe, die doch hätte vermieden werden sollen, fürchten sie, dass jetzt weitere unglückselige Ereignisse geschehen könnten: Depositare könnten klagen, wenn etwas von den Nachlässen in der Öffentlichkeit zu sehen oder, schlimmer noch, etwas gestohlen wäre.

Aber wie sollte man genau erkennen wenn Stücke gestohlen sind? Wenn es sich um Bücher, Magazine oder Briefe handelt, die nicht deutlich beschriftet/adressiert waren - wer wird wissen, wem die Sachen ursprünglich gehörten? Mein Großvater Alfred Unger etwa hatte über die Jahre eine große Kollektion von Karnevalsorden zusammengestellt, die aber nicht etikettiert wurden.

Ich hatte selbst nie den Inhalt der vielen Kisten aus dem Nachlass verzeichnet - die Briefe, Bücher, Photos, Filme, Tonaufnahmen usw., und in den zehn Jahren, seitdem ich den Familiennachlass der Stadt Köln geschenkt hatte, war offiziell nichts unternommen worden bezüglich Sortieren und Auflisten – auf Nachfragen hieß es über die Jahre hinweg immer, das Archiv sei unterbesetzt. Als ich die Schenkung machte, erzählte uns der damalige Betreuer der Nachlässe, dass nun ein Geschichtsstudent(in) die Aufgabe bekommen würde, unseren Nachlass als Dissertationstätigkeit zu bearbeiten, wenn wir einverstanden wären; wir waren begeistert, aber keiner ist danach auf uns zugegangen. Jetzt endlich wird im Rahmen der Restaurierungsversuche gezwungenermaßen das Sortieren und Auflisten unternommen.

Nicht beschriftete Tonbänder

Nachdem ich am 3. Juni in der EVZ Porz photographiert hatte, wurde mir unheimlich, als ich einen „Vorher-Nachher“-Vergleich unternahm mit Bildern, die der frühere Abteilungsleiter des Stadtarchivs Eberhard Illner vor zehn Jahre in London aufgenommen hatte - von noch nicht verpackten Artikeln und Kisten aus der Wohnung meiner verstorbenen Mutter (bevor er sie in einem Lastwagen wieder nach Köln und zum Archiv zurückgefahren hat). Darunter waren auch nicht beschriftete Tonbänder.

Beim Filmen der Regalreihen in Porz fiel mein Blick auf einen kleinen Haufen von mit Tinte beschrifteten Tonbändern; ich erkannte die Handschrift meines 1976 verstorbenen Vaters, Peter Ury. Dass ich an diesem Tag darauf stoßen würde, war extrem unwahrscheinlich - sein Name war auf diesen Hüllen nicht zu sehen, also konnte nur ich sie identifizieren. Da sehe ich schwarz für die zukünftige Arbeit am Verzeichnis von Gegenständen des ehemaligen Archivs.

Peter hatte diese Aufnahmen (die noch in einem guten Zustand waren) als Journalist für das „Third Programme“ von BBC gemacht, wahrscheinlich in den fünfziger und sechziger Jahren: ein Stück von Busoni und Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ - vermutlich mit Elisabeth Schwarzkopf in der Hauptrolle, die er damals interviewt hat (auch dieses Interview war Teil unseres Nachlasses); ebenso eine Frühaufnahme von „Die Cenci“ von Berthold Goldschmidt, der das BBC-Symphony-Orchestra dirigierte – „BG“, wie wir ihn nannten, war ein enger Familienfreund und jüdischer Flüchtling aus Deutschland, wie meine Eltern – wir kannten ihn in den Jahren, bevor seine Oper schließlich großen Erfolg hatte, mit ein bisschen Hilfe seines Freundes Simon Rattle, dem Dirigenten.

Unerklärliche Heimlichtuerei

Inoffiziell erfuhr ich von Tanja Kaiser, die in der Photo-Abteilung des Archivs arbeitet, dass manche unserer Photos gerettet und identifiziert sind. Das hatte ich ebenfalls von einem anderen Mitarbeiter erfahren, als ich am 4. Juni die Ausstellungseröffnung „Rechtsextremismus Bekämpfen“ im NS-Dokumentationszentrum besuchte. Ein Kölsch in der Hand, plauderte ich mit anderen Bier trinkenden Beamten, als ein Kollege, der früher im Historischen Archiv tätig war, mich fragte, ob ich mit dem Familiennachlass Ury und Unger zu tun hätte – er schien sich an ein Treffen vor zehn Jahren zu erinnern, mit Eberhard Illner im Archiv der Severinstrasse (dieser Archivar ist, wie alle seine Mitarbeiter, am 3. März diesen Jahres nur knapp mit dem Leben davon gekommen).

Er versicherte mir, dass viele Sachen sichergestellt seien, Photos sagte er. Aus den 1960er, 1950er Jahren. Ich hoffte, dass es auch um Photographien von vor dem Krieg ging, und fragte ihn, ob ich ihn nicht interviewen dürfte. „Ich muss stumm bleiben“ erklärte er „das haben meine Vorgesetzten mir befohlen“.

Aber wem soll diese Heimlichtuerei dienen? Wenn es so viele Jahre dauern wird, alles zu bearbeiten: das Sortieren, und Katalogisieren - sollten die Depositare nicht eher eine offizielle Benachrichtigung bekommen, wenn etwas sichergestellt wird? Bislang wurde ich nicht eingeladen, unsere Objekte zu besichtigen, wurde aber gewarnt, dass das Dokumentieren aller verlorenen oder hoffentlich wieder gefundenen Schätze bis zu 30 Jahren dauern könne.

In den Porzer Lagerhallen haben Dr. Max Plassmann, Mitarbeiter des Archivs, und Tanja Kaiser uns die verschiedenen Stadien der ersten Restaurationsversuche erläutert: noch ist kein Weg entdeckt worden, die sehr nassen Dokumente, die im Grundwasser gefunden wurden, erfolgreich auszutrocknen. In den Räumen, in denen Dokumente entstaubt oder ausgetrocknet wurden, mussten wir Masken tragen, um unsere Lungen vor den Schadstoffen, die beim Zusammenbruch des Gebäudes freigesetzt wurden, zu schützen. Außerdem mussten wir in allen besuchten Räumen weiße Schutzanzüge aus Kunststoff tragen.

Später erzählte mir der Fernseh-Journalist Achim Zeilmann, dass alle gefunden Dokumente mit einer dünnen Alkalischicht bedeckt seien, die sie unvermeidlich weiter zerfallen lassen wird. Für den Fernsehbericht hatte Zeilmann den Heinrich-Böll-Sohn interviewt; dieser redete über die Ironie hinter dem Schicksal der Böll-Papiere, die Bombenangriffe und Hochwasser überlebt hatten, um nun in dem Archiv unterzugehen.

Fernsehtipp: 18. Juli Fernsehinterview mit Achim Zeilmann “Hilfeschreie aus Papier”; ZDF Aspekte, 15 Uhr (Wiederholung in den folgenden Tagen), ein Bericht über den Einsturz des Historischen Archivs in Köln.



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