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Amphi-Festival

Schrill, fremd, jenseits der Norm

Von Petra Pluwatsch, 18.07.09, 23:05h, aktualisiert 19.07.09, 22:33h

Zum ersten Tag des Alternativ-Musikfestes "Amphi-Festival" im Tanzbrunnen strömten mehr als 13.000 Besucher. Damit ist der Rekord aus dem Vorjahr bereits eingestellt. Die Schwarze Szene hat längst eine eigene Devotionalien-Industrie hervorgebracht.

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Deutz - Ein Meer von Schwarz umwogt die Bühne des Kölner Tanzbrunnens. Dazwischen weiß geschminkte Gesichter, so fahl und bleich wie der Tod. Neonbunte Spirallocken leuchten in hohen Türmen aus künstlichem Haar. Gerade hat Moderator Honey das „V. Amphi-Festival 2009“ eröffnet, NRW's größtes Musikfest der Schwarzen Szene. „Es gibt kein Scheiß-VW,“ hat er in die Menge gerufen. „Das war letzte Woche. Es gibt keine unbezahlten Rechnungen. Das ist Montag. Es gibt nur das Jetzt. Jetzt ist Jetzt.“

Rund 13 000 „Kinder der Nacht“ sind an diesem Wochenende nach Köln gekommen, um das Hier und Jetzt zu feiern, und die 34 Bands, die in diesen zwei Tagen auf den Bühnen des Tanzbrunnens auftreten, stehen garantiert auf keiner Playlist der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten. Hervorgegangen aus der Dark-Wave-Bewegung der 80er Jahre, setzt sich die Schwarze Szene aus einer Vielzahl von Musikrichtungen zusammen: „Romantic“, „Gothic“, „Cyberindustrial“, „Electro“. Bevorzugte Themen: der Tod und die Vergänglichkeit des Menschen. Das Styling: so schrill und fremd und jenseits der Norm wie nur möglich.

ksta.tv: Amphi Festival 2009 in Köln

„Uns vereinen die Musik und die düsteren, anspruchsvollen Texte“, erläutert Manfred W. (44) aus Höchstadt an der Aisch die Faszination der Schwarzen Szene und schiebt sich näher Richtung Bühne. Zusammen mit Ehefrau Irina (38) und einer gemeinsamen Bekannten ist Manfred W. aus Bayern angereist, um zwei Tage das zu sein, was er als Projektleiter bei Siemens, Bereich Technik, nicht sein darf: ein Mann in kniehohen, schnallenbewehrten Stiefeln und mit Händen, deren Finger bis zu den Kuppen mit schweren Silberringen geschmückt sind. Eine schwarze Militärkappe thront auf seinem Kopf; die Schweißerbrille, die über dem Schirm sitzt, ist mit Eisenstacheln geschmückt. Mehr als zwei Stunden hat Manfred W. heute Morgen für das Outfit gebraucht, über dessen Preis wir hier nicht reden wollen. Am zweiten Tage des Festivals wird er wieder ein anderer sein, vielleicht Samt und Seide und Schnabelschuhe tragen. Und Montag? Jetzt ist Jetzt.

Yvonne Sch. aus Bamberg hat nur eine Stunde gebraucht, um ihre Netzstrümpfe und die langen Handschuhe anzulegen und dieses zarte Gespinst von Hütchen auf dem schwarzen Haar zu befestigen. „Reine Routine“, sagt die 28-Jährige, die mit Manfred und Irina W. nach Köln gereist ist. Seit sie 14, 15 ist, gehört sie zur Szene, und daran hat auch ihr Job „in der Fotovoltaik-Branche“ nichts geändert. Nein, in „voller Montur“ gehe sie nicht ins Büro, eine abgespeckte Version indes gehört längst zu Yvonnes Alltag. Der Chef hat sich dran gewöhnt.

Ein anderer sein, einen Abend lang, ein Wochenende nur - der Kölner kennt Phänomene wie diese. Heftiger Regen schnürt vom Himmel. Schirme in Form gigantischer Spinnennetze werden aufgespannt. Männer in Plateau-Stiefeln, die untere Gesichtshälfte hinter ledernem Mundschutz verborgen, flüchten sich unter das Dach der „Großstadthexen“. Neben ihnen frieren Frauen mit hochgeschnürten Brüsten in engen, schwarzen Lederkorsagen. „Herzlich willkommen bei unserer Verkaufsveranstaltung“, schnarrt der Vertreter der „Fachhandlung in Düsseldorf für Esoterik für Rheinland und Ruhrgebiet“ und verteilt zuckersüße Fruchtbonbons an die Wartenden: „Jemand Tupperdosen?“

Auf den Verkaufstischen der „Großstadthexen“ liegen Räucherstäbchen, Amulette und Schmuck aus „Heil- und Energiesteinen“. Andere Stände bieten keltischen und neuseeländischen Maori-Schmuck an, selbst das Digeridoo der australischen Ureinwohner ist im Angebot. Mitunter wähnt man sich beim Herumschlendern zwischen den zahlreichen Verkaufsstände fast auf einer Esoterikmesse, wären da nicht die Schweißerbrillen mit den aufgemalten Totenköpfen. Die Lederkorsagen und die knallbunten Cyberloxx, die Kunstfaserlocken der Cyberindustrial-Szene, kaum unter 50 Euro zu haben.

Längst hat auch die Schwarze Szene eine blühende Devotionalienindustrie hervorgebracht, die alle Ansprüche bedient. „Die Szene ist zu mir gekommen, nicht ich zu ihr“, stellt Gudrun Schön von „Trollart“ aus Biebertal in Hessen richtig. Sie verkauft selbstgenähte Ratten aus Pannesamt und Drachen mit verstellbaren Flügeln für alle, die an Feen und Trolle glauben. Gothic-Anhänger Volker vertreibt in seinem Online-Shop „Blackview Porcellan“ seit vier Jahren „Hardcore Porzellan“: schwarze Becher mit Aufdrucken wie „Vergebung ist das erste Anzeichen von Altersschwäche“. Die Geschäfte gehen gut.



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