Schriftgröße

Experten-Interview

„Nicht das Ende der Romantik“

Erstellt 31.07.09, 21:03h

Hans-Peter Blossfeld ist Professor für Soziologie. Er lehrt an der Universität Bamberg und leitet dort das Forschungsprojekt „Prozesse der Partnerwahl bei Online-Kontaktbörsen“.

KÖLNER STADT-ANZEIGER Herr Blossfeld, wie sieht der durchschnittliche Nutzer von Online-Dating-Portalen aus?

HANS-PETER BLOSSFELD Es hängt von der Plattform ab, denn diese sind ja häufig bereits selektiv, aber man kann generell sagen, dass Suchende im Internet eher jünger, hochgebildet und männlich sind. Das hängt damit zusammen, dass Hochgebildete häufiger Computer nutzen und auch eher mit Serviceangeboten für den Computer umgehen können und wollen.

Gibt es Unterschiede in der Art und Weise, wie sich Frauen und Männer präsentieren?

BLOSSFELD Ja, es gibt Unterschiede, und die folgen überraschenderweise einem traditionellen Muster. Als Mann präsentiert man sich eher in Bezug auf Status, Einkommen und Bildung, was dem Ernährermodell entgegenkommt. Und Frauen präsentieren sich umgekehrt eher in Bezug auf Attraktivität und andere Faktoren, die auch auf traditionelle Muster hindeuten.

Welchen Einfluss hat die Tatsache, dass der erste persönliche Eindruck beim Kennenlernen im Internet entfällt?

BLOSSFELD Dieser Eindruck fehlt ja nur zunächst. Denn wenn es das Ziel ist, jemanden zu finden und auch im realen Leben zu treffen, und das nicht nur eine virtuelle Beziehung sein soll, dann kommen diese Dinge in einer späteren Phase auch zum Tragen. Aber natürlich ist es so, dass man eingeschränkte Kanäle hat – man riecht nicht, man spürt nicht, man hat eine ganze Reihe von nichtsprachlichen Kommunikationsdimensionen nicht zur Verfügung.

Wie wirkt sich das aus?

BLOSSFELD Man überlegt sich in der Präsentation der eigenen Person sehr genau, wie man sich darstellt. Aber das ist im Alltag nicht anders. Wenn man ausgeht, in eine Disco oder ein Lokal, dann versucht man ja auch, sich im besten Licht zu präsentieren, und genauso ist es auch im Internet. Auch hier versucht man, positive Dinge nach vorne zu stellen und andere in den Hintergrund zu rücken. Genau wie im normalen Leben schwindelt man ein bisschen, um besser dazustehen. Aber das gibt es nicht nur im Internet, dort hat man allerdings eine größere Chance zu betrügen. Aber wenn es wirklich darum geht, einen Partner zu finden, dann wird dieses Betrügen natürlich früher oder später offensichtlich und von daher ist es keine erfolgreiche Strategie.

In einer Partnerbörse kann man Beruf, Bildungsstand, Verdienst, Hobbys usw. im Vorfeld abklären. Hat das Muster „Gegensätze ziehen sich an“ ausgedient? Hätten sich Aschenputtel und ihr Prinz auch im Internet kennengelernt?

BLOSSFELD Wohl eher nicht. Bildung, Einkommen und sozialer Status werden ganz klar nicht gegen Schönheit getauscht. Der Hauptmechanismus ist eindeutig „Gleich und Gleich gesellt sich gerne“. Leute mit ähnlicher Bildung, mit ähnlichem Niveau, mit ähnlichen Interessen und Beruf fühlen sich eher voneinander angezogen. Da spielen mehrere Mechanismen eine Rolle. Zum einen versteht man sich mit jemandem, der einem ähnlich ist, von vorneherein besser, ohne über alles reden zu müssen. Es gibt ein stillschweigend geteiltes Vorwissen, das man nicht im Detail buchstabieren muss. Bei unterschiedlichen Persönlichkeiten kann es eben auch zu Missverständnissen und Konflikten kommen. Diese Wahrscheinlichkeit wird dadurch reduziert, dass man jemanden sucht, der einem ähnlich ist. Die ganze Kommunikation wird sonst kostenaufwendiger, und die Überraschungen sind größer, und das wollen die meisten vermeiden. Das ist der Hauptmechanismus.

Aber es gibt doch bestimmt Abweichungen von diesem „Gleich und Gleich gesellt sich gern“?

BLOSSFELD Wenn Frauen und Männer von diesem Hauptmechanismus abweichen, dann kann man feststellen, dass Männer immer noch häu-fig Partnerinnen suchen und kontaktieren, die unter ihrem Niveau liegen. Sie schreiben eher Frauen an, die eine niedrigere Bildung haben. Bei Frauen ist das nicht der Fall. Sie kontaktieren Männer mit niedrigem Bildungsabschluss, die unter ihrer Augenhöhe liegen, eher nicht. Männer wiederum haben eine Scheu, Frauen zu kontaktieren, die über ihrem Bildungsniveau liegen, antworten aber, wenn sie angeschrie-ben werden. Der eigentliche Widerstand liegt eher bei den Frauen als bei den Männern, wenn es um solche Prozesse geht.

Das bedeutet?

BLOSSFELD Die Frauen sind die härtere Nuss, die es zu knacken gilt. Die Widerstände sind bei Männern geringer. Bei Frauen gibt es da eine sehr starke normative Distanz. Es liegt eher an Frauen als an Männern, wenn eine solche Beziehung nicht zustande kommt. Das ist ein interessantes Phänomen, denn die Frauen manövrieren sich zunehmend in problematische Situationen. Sie überholen die Männer in der Bildung, und wenn noch ein Teil der Männer Frauen wählt, die unter ihrem Niveau liegen, dann fehlen diese Männer auch noch. Das führt zu einer Diskrepanz bei den hochqualifizierten Frauen, die immer größer wird zwischen denjenigen, die suchen und denjenigen, die gefun-den werden können. Frauen, die hochqualifiziert sind, bleiben eher Single, als dass sie sich auf eine Beziehung einlassen, die nicht auf gleicher Augenhöhe stattfindet.

Ein wenig gleicht die Suche in einer Partnerbörse der Auswahl aus einem Katalog. Läutet das Internet bei der Partnersuche das Ende der Romantik ein?

BLOSSFELD Das ist sicher nicht das Ende der Romantik. Romantische Beziehungen haben immer noch eine große Bedeutung. Ich denke aber, dass Romantik erst in einer späteren Phase der Beziehung bedeutsam wird. Man wählt erst nach genauen Kriterien aus und sucht dann die Romantik in der Beziehung. Es ist für die meisten immer noch ein wichtiges Lebensziel, dass man mit jemandem nicht nur aus materiellen Gründen zusammenlebt. Im Alltag ist das genauso, dessen sind sich die Leute einfach nur nicht so bewusst. Sie bewegen sich in relativ strukturierten Netzwerken, gehen in bestimmte Kneipen, machen bestimmte Freizeitaktivitäten, treffen sich in bestimmten Zirkeln, und da trifft man eben auch nur sehr ausgewählte Leute. Die Selektion im Alltag funktioniert nach ähnlichen Kriterien, die sind nur nicht so offensichtlich. Im Internet ist die Suche einfach etwas bewusster und nicht so zufällig – oder besser gesagt scheinbar zufällig.

Warum empfinden es viele immer noch als seltsam, im Internet nach einem Partner zu suchen?

BLOSSFELD Es hat damit zu tun, dass man zugibt, im Alltag nicht in der Lage zu sein, jemanden zu finden. Das ist das Problem. In dem Au-genblick, in dem man sagt, dass man im Internet jemanden gefunden hat, macht man ja auch deutlich, dass man jemanden gesucht hat. Und wenn man im Internet gesucht hat, dann bedeutet das, dass man unter normalen Alltagsumständen niemanden gefunden hat. Das empfinden viele als eine negative Auszeichnung.

Sind die Unterschiede zwischen Online-Dating und „normalem“ Kennenlernen dann überhaupt so groß, wie sie uns vorkommen?

BLOSSFELD Ich glaube nicht. Von der Grundstruktur her ähnelt die Partnersuche im Internet der im Alltag sehr. Der einzige Unterschied ist, dass es einem im Alltag eher zufällig vorkommt, was da passiert, man ruft sich nicht ins Bewusstsein, dass man bestimmte Orte aufsucht und bestimmte Netzwerke hat. Aber in Wirklichkeit ist die Partnersuche auch dort hoch sozial strukturiert, das kann man klar nachweisen. Beim Internet ist dieser Punkt lediglich expliziter. Es ist nicht der Fall, dass das Internet etwas Demokratisches ist, das die Gleichheit und den Austausch zwischen verschiedenen sozialen Schichten fördert.

INTERVIEW: ANNE BURGMER



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Ausflugstipps


WAS.WANN.WO.


Das Magazin auf Facebook

Das Magazin auf Facebook

Extra


Serie


Mode und Design



Kolumne


Kolumne


Aktion


ksta-blogs.de


Dienste



Die 5 beliebtesten Pausenspiele

Mahjongg Fortuna
Zuma
Zuma »
1507 Spieler
Bookworm
Bookworm »
1263 Spieler
Bubble Shooter
Bubble Shooter »
1034 Spieler
Bejeweled 2
Bejeweled 2 »
956 Spieler

Stadtmenschen Community