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Lieblingsplätze

Tunnel führt zurück in die Antike

Von Petra Recktenwald, 04.08.09, 16:57h, aktualisiert 20.10.09, 17:56h

Andrew MacNeille bewundert die Ingenieurkunst der Römer und hat seinen Lieblingsplatz unter der Erde gefunden: Dem begehbaren Rest einer imposanten und fast 2000 Jahre alten Abwasserröhre.

Andrew MacNeille
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Stadtführer Andrew MacNeille hat seinen Lieblingsplatz unter der Erde gefunden: In der römischen Wasserleitung. (Bild: Rakoczy)
Andrew MacNeille
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Stadtführer Andrew MacNeille hat seinen Lieblingsplatz unter der Erde gefunden: In der römischen Wasserleitung. (Bild: Rakoczy)
Köln - Ab und zu tröpfelt es von der gewölbten Decke, auf dem Boden haben sich drei winzige Pfützen gebildet. Der düstere, unterirdische Gang führt mehr als 100 Meter geradeaus, nur punktuell erleuchtet durch wenige Strahler. Im Kreis der Lichtkegel kriecht grünes Moos über die Wände. Eigentlich die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm. Doch verflüchtigt sich der Fröstelfaktor schnell, wenn Stadtführer Andrew MacNeille von der ursprünglichen Funktion des fast 2000 Jahre alten Tunnels erzählt - dem begehbaren Überbleibsel einer imposanten Abwasserröhre. „Sie war Teil eines perfekt konstruierten Kanalsystems, das sich schachbrettartig unter dem römischen Köln erstreckte und Schmutzwasser vor allem in den Rhein führte“, erläutert der 43-Jährige.

Heute ist der bis zu 2,50 Meter hohe Tunnel über die Museumsanlage in der Kleinen Budengasse erreichbar, die rund um die monumentalen Fundamente des „Praetoriums“ entstanden ist. In diesem Palast residierte einst der römische Statthalter - Köln war stolze Hauptstadt der Provinz Niedergermanien. Die Römer hatten die Ubiersiedlung seit der Zeitenwende ausgebaut. „Das unterirdische Kanalnetz dürfte aber erst um das Jahr 80 nach Christus entstanden sein“, so der Stadtführer. Weil die erstaunlich gut erhaltene Wasserleitung so anschaulich von den bautechnischen Leistungen der antiken Meister-Konstrukteure erzählt, bezeichnet MacNeille sie gar als seinen Lieblingsort, den er auch während seiner Führung „Brot und Spiele: So lebten die Kölner zur Römerzeit“ vorstellt. „Hier wird die Antike lebendig“, sagt der promovierte Kunsthistoriker, der zwar in New York geboren, aber am Rhein aufgewachsen ist. „Schließlich sehen die Mauern noch genauso aus wie vor zwei Jahrtausenden. Bis auf ein paar geflickte Stellen.“

Die kühle Luft hier unten, etwa neun Meter unter Straßenniveau, riecht ein bisschen abgestanden. Sie ist jedoch weit angenehmer als der Gestank, den gurgelnde Abwasserfluten einst durchs Bauwerk aus Tuffstein spülten. Denn an die Kanalröhren der Colonia Claudia Ara Agrippinensium waren eben auch öffentliche Toilettenanlagen angeschlossen - „gastliche Orte übrigens, wo man sich damals gerne traf und ganz ungeniert beieinander saß“, so der Stadtführer. In die unterirdischen Leitungen floss außerdem Schmutzbrühe aus Gewerbebetrieben und Privathäusern, die häufig einen eigenen Abfluss hatten.

Eine Errungenschaft, die bereits im Mittelalter wieder in Vergessenheit geraten war. Da nämlich kippten die Kölner den Inhalt ihres Kübels einfach aus dem Fenster, in den Graben vor der Stadtmauer oder in den Pfuhl - solch offene Wasserlachen fanden sich an mehreren Stellen im Stadtgebiet. „Die mangelnde Hygiene steigerte das Seuchenrisiko erheblich“, erklärt der Stadtführer.

Bei den Römern dagegen liefen sowohl Entsorgung als auch Wasserzufuhr in geordneten Bahnen. Über den technischen Aufwand, den sie dabei betrieben, staunt Andrew MacNeille immer wieder aufs Neue. Da vor allem frisches Quellwasser aus der Nordeifel wegen seines kalkigen Bouquets ganz nach dem Geschmack der antiken Gourmets war, musste eine lange „Pipeline“ her, die das köstliche Nass nach Köln brachte. „Damit das Wasser immer fließen konnte, hatte die Leitung ein leichtes, aber stetiges Gefälle von einem Promille“, erläutert MacNeille. Der Kanal musste über 90 Kilometer in vielen Windungen durchs unebene Gelände geführt werden, um diesen Effekt zu erreichen. „Eine Meisterleistung der römischen Ingenieure“, so der Stadtführer. In der Beziehung konnte ihnen so schnell keiner das Wasser reichen.



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