Erstellt 15.08.09, 12:08h
Keine leichte Aufgabe: Der klassische Straßenwahlkampf mit Plakatekleben, Flugblättern und Infoständen fällt flach. Statt dessen setzen Jungjohann und seine Mitstreiter auf das Internet, auf Netzwerke wie Facebook, YouTube und Twitter - und darauf, dass sich Deutsche in den USA spätestens bei den wirklich wichtigen Fragen des Alltags zusammenfinden: Wo bekomme ich Körnerbrot her? Oder: Wo gibt es deutsches Bier? In Internet-Foren, in denen solche Fragen diskutiert werden, werben die US-Wahlkämpfer ebenfalls für die Grünen. Die Öko-Partei ist die erste mit einer eigenen Wahlkampagne in Übersee.
Jungjohann arbeitet für die Grünen-nahe Heinrich-Böll Stiftung und lebt seit zwei Jahren in Washington. 2008 gründete er sieben Gleichgesinnten einen Grünen-Ortsverband in der US-Hauptstadt. Keine andere Partei hat einen solchen festen Ableger in den USA. Inzwischen hat der Ortsverband 15 Mitglieder.
Brach liegendes Wählerpotenzial in Übersee
Auf ihrer Facebook-Seite rekrutieren die Washingtoner Grünen die Wähler ganz nach amerikanischem Vorbild - mit einer Uncle Sam-Figur und den Worten "I want you for Bundestagswahl 09". 275 "Freunde" haben sie in dem Portal inzwischen gewonnen, beim Kurzmitteilungsdienst Twitter verfolgen knapp über 300 Nutzer regelmäßig, was die deutschen US-Grünen zu berichten haben. Dazu kommt der eigene Internetauftritt, und ein Video bei YouTube ist auch schon in Planung.
Die Wahlbeteiligung der Deutschen in den USA sei bei der vergangenen Bundestagswahl 2005 "erschreckend niedrig" gewesen, beklagt sich Jungjohann. Nur knapp über 5000 Auslandsdeutsche gaben laut Bundeswahlleiter damals ihre Stimme aus den USA ab. Das Potenzial sei viel größer, sagt Jungjohann. Schätzungen zufolge leben rund 200.000 Deutsche in den Vereinigten Staaten, genaue Zahlen gibt es nicht. 10.000 Stimmen wollen Jungjohann und die übrigen Übersee-Wahlkämpfer in den USA nun für die Grünen holen.
Auslandsdeutsche ohne festen deutschen Wohnsitz haben bis zum 6. September Zeit, sich für die Bundestagswahl anzumelden. Dazu müssen sie einen Eintrag in das Wählerverzeichnis ihrer letzten Heimatgemeinde in Deutschland beantragen. "Das hört sich trivial an, aber daran sind viele bislang wirklich gescheitert", sagt Jungjohann. Er zählt selbst zu den Gescheiterten. Bei der Europawahl im Juni verpasste er die Frist und verschenkte damit seine Stimme. Nun erklären er und seine Mitstreiter den Deutschen in den USA per Internet, wie die Wahl aus der Ferne funktioniert.
Wahlkampf unter der Balearensonne
Auch die FDP will sich die Stimmen im Ausland nicht entgehen lassen. In Deutschlands 17. Bundesland, auf Mallorca, buhlen Hendrik Lührssen und sein Zwillingsbruder Helge um liberale Anhänger. Wahlkampf "in lockerer mediterraner Atmosphäre" nennen sie das. "Wir kleben hier keine Plakate", betont Hendrik Lührssen. Statt dessen lädt der FDP-Ortsverband Mallorca Interessierte zur "Bürgersprechstunde" mit FDP-Politikern aus Deutschland. Eine Infobroschüre zur Wahl aus dem Ausland ist auch in Arbeit.
30.000 bis 50.000 Deutsche lebten dauerhaft auf der spanischen Ferieninsel, sagt Lührssen, 100.000 seien es inklusive der Deutschen, die ein Ferienhaus dort haben. Hinzu kommen die allsommerlichen Urlauber-Massen. "Das ist ein großes Stimmenpotenzial", meint Lührssen. Stände an der Strandpromenade bauen die Brüder trotzdem nicht auf, auf "laute" Veranstaltungen verzichten sie. "Wir wollen die Mallorquiner mit dem Wahlkampf nicht nerven", sagt er.
Neben Mallorca hat die FDP auch in Brüssel, Paris und London Ortsverbände. In Brüssel sind die Grünen und die CDU ebenfalls mit organisierten Gruppen vertreten. Die SPD hat feste Ableger in Brüssel, Luxemburg und Johannesburg. Überall dort gibt es einzelne Aktionen und Informationen zur Wahl, aber keine richtigen Kampagnen. Zu teuer sei das und zu schwierig zu organisieren, heißt es bei den Parteien. Die CSU und die Linke haben überhaupt keine Ortsverbände außerhalb Deutschlands. Auch für die Grünen und die FDP steht der Auslandswahlkampf nicht im Vordergrund. Froh sind die Berliner Parteizentralen trotzdem über die Bemühungen in Washington und auf Mallorca. FDP-Sprecher Wulf Oehme betont: "Jede Stimme zählt." (ddp)
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