Von Karl Doemens, 17.08.09, 00:24h, aktualisiert 17.08.09, 00:30h
Lockerer!
Wenn das nur auf Kommando ginge.
Seit mehr als einer halben Stunde klammert sich Frank-Walter Steinmeier an seinem Stehpult im drückend heißen Studio fest. Die Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Und gelacht hat der Kanzlerkandidat der SPD inmitten von 100 sorgsam ausgewählten Gästen noch kein einziges Mal.
Dazu freilich besteht in der RTL-Sendung „Zuschauer fragen – Frank-Walter Steinmeier antwortet“ anfangs auch wenig Anlass. Kaum hat der Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel pflichtgemäß erklärt, dass Wahlkampf „Spaß“ mache, da konfrontiert ihn die Regie mit einem Hertie-Verkäufer, der gerade seinen Job verloren hat. Nichts wäre nun schlimmer, als abgehoben über den Strukturwandel im Einzelhandel zu referieren. Also sucht Steinmeier den direkten zwischenmenschlichen Dialog.
„Wie ist Ihre familiäre Situation?“, will Steinmeier wissen. Der Mann hat Lebensgefährtin, Kinder und ein Haus. „Wie lange waren Sie dabei?“ 30 Jahre. „Wie ist denn Ihre Belastungssituation?“ Der Mann muss monatlich 1300 Euro Hypothek abtragen. Mit jeder Frage sucht Steinmeier einen Ausweg, doch mit jeder Antwort wird die persönliche Misere immer deutlicher.
Angela Merkel hat an derselben Stelle vor drei Monaten einem jungen Arbeitslosen burschikos geraten, er solle sich halt um einen Job als Pfleger bemühen. Doch dafür ist Steinmeier zu seriös. „Was ist das denn für ein Finanzierungsinstitut?“, hakt er noch mal nach. Es fehlt nicht viel, und er würde dem Mann persönlich das Geld vorstrecken. Aber so funktioniert Politik nun einmal nicht. Und so funktioniert auch keine Talkshow. Steinmeier weiß das. Er spürt den Druck, anders zu sein, locker und offensiv – und verkrampft doch weiter.
Einer jungen Frau, die sich vergeblich um einen Job in der von Steinmeier gepriesenen Kreativ-Branche bemüht, erzählt er etwas vom Urheberrecht und der Altersabsicherung für Klein-Selbständige. Dem Mittelständler antwortet er ernsthaft: „Wenn Sie meine Rede gehört haben, die ich vor kurzem gehalten habe, haben Sie gehört, dass der Mittelstand darin eine große Rolle spielte.“ Aha!
Der Drang, während der Werbepause wegzuzappen, ist groß. Doch wer ihm widersteht, der kann nach einer Transformationsphase einen ganz anderen Frank-Walter Steinmeier erleben. Zwar braucht er zunächst noch eine kleine Ewigkeit, um ziemlich indirekt zu sagen, dass die Mehrwertsteuer nicht steigen soll. Auch schießt er sich mit dem Hinweis, dass Gesundheitsministerin Ulla Schmidt „diese Tage aus anderen Gründen in den Schlagzeilen war“, um Haaresbreite ein grandioses Eigentor.
Doch dann kommt Jürgen Ergenzinger, der seit 1983 SPD-Mitglied ist und über die „Verletzungen“ der Agenda 2010 klagt. „Ich bin Sozialdemokrat und auch Gewerkschafter wie Du“, wechselt Steinmeier vom Diplomatensprech in den vertraulichen Ton: „Wir müssen doch nicht die Gefechte von gestern schlagen.“
Steinmeier: Mut erforderlich
Steinmeier erklärt, im Jahr 2003 sei eine „Umkehr“ und auch „ein bisschen Mut“ erforderlich gewesen. Mit den Reformen habe die SPD die Voraussetzung für den Abbau der Arbeitslosigkeit geschaffen. Nun stehe sie für das Konjunkturprogramm, das Schulstarterpaket und den Kinderbonus, während der CSU-Wirtschaftsminister die „alten Gassenhower des Neoliberalismus“ anstimme. Das überzeugt den Genossen zwar nicht restlos. Aber endlich hat sich Steinmeier aus der Defensive befreit.
Im Disput mit einer jungen Nichtwählerin, die ein plebiszitäres System fordert, entwickelt der Minister dann eine spürbare intellektuelle Streitlust. Ausgerechnet in der Schweiz habe es am längsten gedauert, bis Frauen wählen durften, hält er ihr entgegen. Und dass es unlogisch sei, für direkte Demokratie zu plädieren, dann aber andere über sich entscheiden zu lassen. „Darüber würde ich gerne mit Ihnen noch einmal diskutieren“, sagt Steinmeier und lacht verschmitzt. Man glaubt es ihm. Er hat sich aus seinem Kokon befreit. Nun können ihm auch die Publikumsfragen zu seiner Tochter und seinen Haaren nichts anhaben. Ein Kind genüge nicht, um die Alterung Deutschlands aufzuhalten, meldet sich ein Publikumsgast zu Wort. Bevor er noch zu einem zweifelhaften Vortrag ausholen kann, kontert Steinmeier: „Das war keine Frage, sondern eine Aufforderung. Sie verstehen, dass ich das zuhause besprechen muss.“ Der Saal lacht und applaudiert kräftig.
„Im Gegensatz zu Gerhard Schröder“, setzt der nächste Gast hinterhältig an, scheine Steinmeier ja „wenigstens“ in Würde zu ergrauen. „Im Gegenteil“, fällt ihm der Weißhaarige grinsend ins Wort: „Ich färbe jeden Tag nach, weil das Schwarz immer durchkommt.“ Na also! Geht doch! Wenn er jetzt noch das Sakko aufknöpfen und die Hand in die Hosentasche stecken würde, wie er es sonst gerne macht, würde der Kandidat richtig locker wirken.
Doch leider ist die Sendung zu Ende.
Auch bei RTL unter 5 Prozent
17.08.2009 | 12.59 Uhr | hdb
Schade, kaum einer hat gesehen wie gelassen der Kanzlerkandidat RTL ein Quotendesaster bescherte.
810.000 Zuschauer!
http://tinyurl.com/p278z7
Wenn er denn auch nur einmal...
17.08.2009 | 00.39 Uhr | paul.krickel
geantwortet hätte!
So als Phrasendrescher isser wie alle , nur Antworten blieb der Mensch schuldig und frug nur statt zu antworten.
Ab in die…
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