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Kultur-Journalistin Iris Radisch

Karriere-Quarantäne

Erstellt 21.08.09, 11:07h

Iris Radisch
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Kulturjournalistin Iris Radisch. (Bild: AV)
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Kulturjournalistin Iris Radisch. (Bild: AV)
Wir tun meistens so, als wäre das Gespenst erlegt, verscheucht, endgültig im Sarg versenkt. Es ist endlich vorbei. Das Patriarchat, der alte Schlawiner, hat sich zur Ruhe begeben, und wir sind frei. Einverstanden, ein paar Korrekturen im Gehaltsgefälle, das wäre noch schön. Auch ein paar mehr von uns in den DAX-Vorständen, überhaupt in den Vorständen von was auch immer, das könnte nicht schaden. Aber sonst? Eigentlich ist es doch geschafft. Manche befürchten schon: mehr als geschafft.

Die Propaganda – den Frauen geht es viel zu gut, die jungen Mädchen stehen bereit, die Welt zu übernehmen, die Männer versinken in der Krise – täuscht über eine wichtige Kleinigkeit hinweg: über die Lebenswirklichkeit der Frauen im Herzen Europas.

Um einen Eindruck von der Lebenswirklichkeit dieser Frauen zu erhalten, ist es hilfreich, morgens zwischen sechs und sieben Uhr einen europäischen Flughafen zu besuchen. Hier kommt eine Frau sich vor wie in einem jemenitischen Teehaus. Also ziemlich einsam. Wer hier aufbricht, um sein Tagwerk in den europäischen Nachbarstädten zu vollbringen, trägt ausnahmslos Schlips und dunkelblauen Anzug. Die Welt – um das zu erkennen, braucht man an so einem Morgen keine Statistik – wird von Männern regiert. Von Männern, die sich mit Männern verständigen, die sich mit Männern treffen, die mit Männern reisen, die eine männliche Welt vollkommen für sich allein haben. Einverstanden, wir haben eine Bundeskanzlerin. Ja, das freut mich sehr. Dass es so was gibt auf der Welt und meine Töchter das für normal halten, ist eine Revolution. Es gibt berühmte, mächtige Erbinnen von Medien- und Verlagsimperien. Na ja. Es gibt einflussreiche Fernsehmoderatorinnen. Kann schon sein, aber noch ist keine über fünfzig. Wir haben eine weltbekannte Feministin, die keine unter fünfzig neben sich duldet. Und das ist sie auch schon, unsere versammelte hochberühmte Frauenmacht.

Die Frauen sind nicht da. Und es ist nicht ihre Schuld, dass sie nicht da sind. Es ist auch nicht die Schuld ihrer Kinder, die ihnen ja gar nicht so zahlreich an der Anzugjacke hängen. Es ist die Schuld der Männer, die Frauen fördern, wenn sie jung sind (Kohls Mädchen) und bremsen, wenn sie erfahren und älter werden (gläserne Decke). Und das alles nicht etwa, weil sie sich in ihren jemenitischen Teehäusern so über alle Maßen geborgen fühlen, sondern weil am Ende doch lieber wieder das auf den Tisch kommt, was man schon kennt. Das spricht für die Frauen, die sich offenbar immer noch nicht in die besseren Männer verwandelt haben und den Männern noch immer fremd und im Tiefsten unheimlich geblieben sind.

An diesem tiefsten Punkt der Gleichberechtigungsdebatte hilft kein gutes Zureden, hilft kein Klagen und kein Bitten. Die natürliche Andersartigkeit des Weibes, früher von misogynen Theoretikern verhöhnt, heute von ultrakonservativen Wirrköpfen gefeiert, ist der letzte, uneinnehmbare Grund, aus dem die Männer sich noch immer lieber in ihren gläsernen Teehäusern verschanzen, als mit uns Frauen von gleich zu gleich zu verhandeln. Sie kennen uns nicht und wollen uns jenseits des erweiterten Balz- und Brutpflegebereichs auch lieber nicht näher kennenlernen. Ein altes Lamento. Dabei hat sich so viel verändert. Im Keller und im Mittelbau. Dafür bedanken wir uns auch ganz artig.

Seit vielen Jahrtausenden ist es den Frauen auf der Welt nicht so gut gegangen wie uns heute in der westlichen Welt. Es ist schön, dass wir inzwischen arbeiten gehen dürfen, ohne den Ehemann zu fragen. Es ist auch schön, dass wir als Mütter arbeiten dürfen, weil wirklich ab und zu ein Kindergartenplatz bis 12.30 Uhr zur Verfügung steht. Danke, vielen Dank. Nicht zu vergessen sei auch das Wahlrecht, wahrlich viele tausend Jahre lang keine Selbstverständlichkeit, wir wissen das fraglos zu schätzen. Auch, dass die Vergewaltigung in der Ehe inzwischen verboten ist und wir nicht wie im Jemen mit acht Jahren zwangsverheiratet werden dürfen. Und ein besonders großes Dankeschön vor allem dafür, dass wir zur Schule gehen und sogar seit ein paar kurzen Jahren in der jahrtausendealten Geschichte der männlichen Kultur studieren, malen, komponieren und publizieren dürfen. Das alles ist ein großes Geschenk der Männer an uns Frauen, an dem nicht herumgenörgelt werden soll. Danke für alles.

Der Dachausbau fehlt

Was uns jetzt noch schmerzlich fehlt, ist der Dachausbau. Die oberen Etagen. Da wo heute die burschikose Kanzlerin, aber mit Sicherheit bald wieder ein feucht gekämmter Kanzler sitzt, dessen Weibchen bei Empfängen Kostüm und Handtasche tragen wird. Die übrigen mächtigen Frauen in Deutschland, von denen in geheuchelter Ehrerbietung gern schwadroniert wird, bewähren sich in Wahrheit beinahe alle in den alten Stammesgebieten der holden Weiblichkeit: Schauspiel, Familie, Mode, Salon (heute Talkshow). Und zwar ausnahmslos von Mannes Gnaden. Dass eine angeblich so mächtige Fernsehfrau wie die sechsundsechzigjährige Fernsehmoderatorin Elke Heidenreich wie ein unartiges Mädchen getadelt wird (Reich-Ranicki: „Elke hat sich miserabel benommen“), folgt genauso der Männerlogik wie die Vermarktung der Charlotte Roche, die auf dem Höhepunkt ihrer Bestsellerkampagne für das „Zeit“-Magazin als brav-verludertes Pinup-Girl in beschmierten Unterhosen posierte. Nichts, könnte man verzweifelt meinen, gelingt uns Frauen in der männlichen Zirkusmanege aus eigener Kraft.

Jederzeit, sobald wir nur zu heftig, zu vorlaut oder auch nur zu faltig werden, kann unser Auftritt durch die Zirkusdirektion beendet werden. „Niemand“, hat mir die polnische Autorin Olga Tokarczuk gesagt, die vorzugsweise allein zwischen China, Indien und Neuseeland reiste, „niemand ist so unsichtbar auf der Welt wie eine über vierzig Jahre alte Frau“. Jeder sieht durch sie hindurch. Keiner hört ihr zu, es sei denn, man will ihr etwas verkaufen. Olga Tokarczuk hält diese soziale Burka, unter der die alternde Frau für die Öffentlichkeit verschwindet, für einen Vorteil. Die Frau kann sich endlich frei, unbelästigt und unbeobachtet bewegen. Sie wird nicht länger angesprochen, angepfiffen und verfolgt.

Das mag stimmen. Aber diese Freiheit hat einen hohen Preis: die soziale Bedeutungslosigkeit der Frau jenseits der magischen Fertili-tätsgrenze, hinter der die von jungen Frauen als Förderung missverstandenen männlichen Balz- und Schutzinstinkte versiegen. Das natürli-che Ende dieser „Frauenförderung“ ist die berufliche Stagnation, die für die arbeitenden Frauen zwischen vierzig und sechzig für gewöhn-lich zu einer Karriere-Quarantäne wird. Sie dürfen, wenn sie Glück haben, da bleiben, wo sie sind, solange sie nicht stören. Die meisten weiblichen Karrieren enden, wo sie begonnen haben – in der Dekoration.

Was aus alldem folgt, hat einen hässlichen Namen: Quote klingt wie Behindertenparkplatz. Quote war das Eingeständnis der Schwäche. Aber schwach ist im Gegenteil nur die Analyse unserer Lage, die schlechter ist, als das meiste, was über sie behauptet wird. Die Scheu vor der Quote ist einer unserer größten Fehler. Ohne eine zur Not mit der alten Suffragetten-Unfreundlichkeit erkämpfte Teilung der Macht zwischen Männern und Frauen wird es morgens um halb sieben auf dem Zürcher Flughafen noch ein paar Jahrtausende lang wie im jemenitischen Teehaus aussehen.



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