Von Susanne Rohlfing, 29.08.09, 12:35h, aktualisiert 29.08.09, 15:06h
Das ist die Farbe, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner aktuellen Studie zum demografischen Wandel in Deutschland für Gegenden gewählt hat, die zwischen 2007 und 2025 einen Bevölkerungsrückgang von mehr als 15 Prozent zu erwarten haben (siehe Grafik auf Seite 6). Schlimmer geht’s nicht. Köln ist hellblau und somit besser dran. Es droht lediglich eine Schrumpfung von null bis fünf Prozent. Im Demografie-Bericht der Bertelsmann Stiftung wird zwischen 2006 und 2025 gar ein Zuwachs von 5,8 Prozent erwartet (siehe Grafik S. 7). Nebenan, in den Kreisen Siegburg und Bergheim, sagt auch das Berlin-Institut Zuwächse von fünf bis zehn Prozent voraus. Die Farbe: orange. Rund um München, Berlin, Freiburg und südlich von Mainz ist die Zukunft nicht nur rosig, sondern leuchtend rot. Die deutschen Boomregionen dürfen auf Zuwächse von zehn bis über 15 Prozent hoffen.
Kerstin Arndt, die Bürgermeisterin von Rochlitz, hat in diesem Jahr bislang 19 Glückwunschkarten zur Geburt eines Kindes in ihrer Gemeinde geschrieben. „Willkommen im Nest“ steht darauf. Das Nest der Familie ist gemeint, nicht das Nest Rochlitz. Arndt hätte gerne mehr Karten geschrieben. Aber da geht es Rochlitz wie vielen Gemeinden, vor allem den ländlichen im Osten: Die wenigen jungen Leute bekommen noch weniger Kinder. Dafür kann Arndt von sich sagen: „Ich war schon zu vielen 90. Geburtstagen in diesem Jahr.“ 29 Prozent ihrer Bürger sind älter als 65 Jahre. „Das ist ganz schön heftig“, sagt die FDP-Politikerin. Damit sei Rochlitz die drittälteste Stadt in Sachsen.
Ein Latz für den kleinen Fratz
Überalterung und Bevölkerungsschwund drohen aber nicht nur dem Osten des Landes, sondern fast der gesamten Bundesrepublik, ja ganz Europa. Mittel- bis dunkelblau sind auch Regionen im Ruhrgebiet und im Saarland eingefärbt. Oder der Hochsauerlandkreis. Hier hat Bestwig im Ruhr- und im Valmetal laut Demografiebericht der Bertelsmann Stiftung zwischen 1999 und 2006 drei Prozent seiner Bevölkerung verloren – knapp 12.000 Menschen leben heute noch in der Gemeinde. Bis 2025 droht ein weiterer Rückgang um 8,8 Prozent. Damit ist Bestwig deutlich besser dran als Rochlitz (29 Prozent), aber Sorgen macht man sich auch hier. Bürgermeister Ralf Péus (CDU) verschickt seit diesem Sommer ebenso wie seine Kollegin im Osten des Landes Glückwunschkarten zur Geburt eines Kindes. Dazu gibt es einen „Latz für den kleinen Fratz“. Ein grün-weißes Lätzchen, auf dem zwei Kinderfüße durch eine Eierschale zu brechen scheinen und auf dem steht: „Willkommen im Leben, Willkommen in der Gemeinde Bestwig“. „Unsere zwölf Kommunen sind ganz unterschiedlich betroffen“, sagt Georg Middel aus dem Fachbereich Strukturförderung und Regionalentwicklung der Kreisverwaltung.
Das Hauptproblem werde die voranschreitende Verschiebung der Altersklassen sein. Man rechne von 2007 bis 2017 mit einem Rückgang der Schülerzahlen um 25 Prozent. Damit schrumpfe auch die Anzahl der Nutzer des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs, und es stelle sich die dringende Frage: „Wie bezahlen wir den in Zukunft?“ Überall im Hochsauerlandkreis wird nun an Konzepten gearbeitet, um den demografischen Wandel gut überstehen zu können. Um attraktiver zu sein als andere ländliche Gebiete. Teil des Konzeptes ist etwa, dass auch die entlegendsten Dörfer seit knapp zwei Jahren über Richtfunk mit Breitbandinternetzugängen versorgt werden.
Die Gemeinde Bestwig hat mit Jörg Fröhling einen umtriebigen Mitarbeiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bestwig geht mit der Zeit, es ist wichtig, sich gut darzustellen. Der Mann, der die Welt von der Attraktivität Bestwigs überzeugen soll, hat sein Büro in einem modernen Rathaus, auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert. Der Ortskern liegt nicht wie in Rochlitz an einem hübschen Marktplatz, sondern schmiegt sich rechts und links an die B 7. 22 000 Autos donnern hier pro Tag durch. Fröhlings Schreibtisch ist picobello aufgeräumt, ein Laptop und ein weiterer Computer stehen bereit für den Werbefeldzug. Der demografische Wandel sei noch nicht allgegenwärtig in der Region, sagt Fröhling. Aber die Bevölkerungs-Prognosen bedrohten die kommunale Infrastruktur, den Finanzhaushalt – die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde. „Das sind Probleme, denen wir uns stellen müssen.“
Es sind Probleme, die eben nicht allein den Osten des Landes betreffen. Die Regionen dort schreiten lediglich voran, weil sie bereits seit der Wiedervereinigung besonders stark betroffen sind. Über 1,7 Millionen Menschen verließen seither die inzwischen gar nicht mehr so neuen Bundesländer. Der Osten macht jetzt schon durch, was anderen deutschen und europäischen Gebieten noch bevor steht: Überalterung wegen Kindermangel und Abwanderung wegen Arbeitsmangel. Ein Teufelskreis der Tristesse. Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts fordert deshalb in der „FAZ“: „Die deutschen Schrumpfgebiete sind die Testfelder für die Welt von morgen.“ Eine Welt, in der Arbeit und Kinder Luxus sind. Eine Welt, in der Mut und Innovation zählen. Eine Welt, die Anpacker braucht. Menschen, die den unausweichlichen Wandel gestalten, anstatt sich ihm einfach nur auszuliefern. Für die Wissenschaftler des Berlin-Instituts sind die Menschen, die es zur Innovation treibt, der „Alles-oder-Nichts-Faktor“. Sie sind wichtiger, als alle staatlichen Subventionen es sein können. Die Bürgermeisterin von Rochlitz wünschte, unter ihren Bürgern wären mehr solcher Menschen. Rochlitz hat zwischen 1990 und 2008 24,2 Prozent seiner Bevölkerung verloren. „Und das ist noch lange nicht das Ende“, sagt Kerstin Arndt. Es wird wohl noch schlimmer kommen.
Der Geruch gibt ihr Recht. Er strömt aus zu vielen Häusern. Und dann die Schaufenster. Beste Lage am Marktplatz. Hier müsste das Herz aller Kauflustigen höher schlagen. Stattdessen: ein Sportgeschäft mit altmodischen Aerobicschuhen hinter schmierigen Fenstern; Boutiquen, in denen unförmige, geblümte Blusen langweilig aufgereiht nebeneinander hängen; eine Kneipe, aus deren dunklem Eingang wieder dieser unverkennbare Geruch dringt. „Viele haben resigniert, sie sagen sich, dass ja eh keiner kommt, wer soll hier schon was kaufen“, sagt Arndt. Und sie kritisiert: „Es fehlt das auf die Leute zu gehen, für die Kunden da sein. Es fehlt das Peppige.“ Westliche Marktwirtschaft mit einem belebenden Konkurrenzkampf hat sich auch 20 Jahre nach der Wende noch nicht durchgesetzt. Kerstin Arndt versteht das nicht. „Bei uns liegt das Geld auf der Straße, die Leute merken es nur nicht.“ Optimismus müsse her. Leute, die das Beste aus der Situation machten.
Dorfeigener Sender im Pfarrhaus
Pfarrer Johannes Möller ist so einer. Auch wenn er sagt: „Es kann einem Angst und Bange werden, wenn man in die Zukunft guckt.“ Er lebt in dem 200-Seelen-Dorf Syhra in der Nähe von Rochlitz und ist der zweite Pfarrer im Kirchenspiel Geithainer Land. Mit seinem Kollegen ist er für sieben Kirchen zuständig, vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit von acht Pfarrern erledigt. Wäre Johannes Möller nicht ein so positiv denkender Mensch, würde ihn der Frust wohl längst lähmen. Nebenan im Dorf Kolka gebe es kein einziges Kind mehr, sagt Möller. Und auch Syhra verändere sich. „Viele sind alt geworden und von den innovativen Typen sind viele verschwunden.“ Zurück bleiben abbruchreife Häuser. „Die werden tot gelebt und sterben mit den Leuten.“ Wie die Zuversicht.
Dann sagt Möller: „Aber zu verzagen, bringt ja nichts. Es tut dem eigenen Gemüt besser, mit dem, was da ist, etwas auf die Beine zu stellen.“ Das hat er gemacht. In dem großen Pfarrhaus, das er mit seiner Frau und den vier Kindern bewohnt, gibt es unter dem Dach ein Computer-Kabinett und zwei Aufenthaltsräume für Jugendliche. Hier wird das Programm für den dorfeigenen Fernsehsender IKS, den „Infokanal Syhra“, produziert. Hier wird Musik gemacht, hier trifft man sich und heckt Ideen aus. Wie den geplanten Pilgerweg vorbei an den Kirchen der Region. Wie die Aktion „Abendbrot im Abendrot“. Drei Mal pro Woche gibt es im nahe gelegenen Städtchen Geithain – das Rochlitz sehr ähnelt, allerdings noch mehr leer stehende Häuser hat – ein über Spenden finanziertes Abendessen für Kinder. 30 Kinder kämen inzwischen regelmäßig, sagt Möller. „Die haben nichts mit Kirche zu tun, die haben einfach nur Hunger.“ Das Land braucht Arbeit. Und weil die nicht vom Himmel fällt, braucht es Menschen, die Arbeit schaffen.
Der demografische Wandel kommt. Er lässt sich nicht stoppen. Wir stecken ja schon mitten drin. Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hat zwar Verständnis für Tiefensees Reaktion auf die Politikvorschläge des Berlin-Instituts. „Herr Tiefensee kann nicht sagen, wir schließen jetzt ein paar Dörfer, das ist politisch sehr heikel“, sagt Rembrandt, „es verstößt auch gegen das Grundgesetz“. Ob das Prinzip der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ allerdings auf Dauer durchgehalten werden könne, sei fraglich, betont der Wissenschaftler. „Die Bevölkerung wird schrumpfen und damit werden einige Gebiete als Verlierer dastehen.“ Ein geordneter Rückbau oder eine geordnete Um- und Ansiedlung könnten nötig werden und sinnvoll sein. „Aber es ist bislang noch nicht in sehr viele Richtungen gedacht worden“, sagt Rembrandt. Wie es richtig gemacht wird, wisse niemand. Es sei aber höchste Zeit, das heraus zu finden. Deshalb lohnt sich der Blick auf Menschen, die etwas versuchen. Auf Menschen, die Vorbilder sein können für alle, denen dieselben Probleme drohen.
Kaffeesatz
10.11.2009 | 17.45 Uhr | Kalter Kaffee
Es ist immer wieder erstaunlich, wie heutzutage Journalisten einfach "Studie" wiedergeben, ohne selber nachzudenken oder wenigstens zu prüfen. Wer…
Rochlitz liegt nicht in der Provinz!
21.09.2009 | 16.53 Uhr | Cory
Da ich beide Städte, sowohl Rochlitz als auch Köln, kenne, kann ich diesen Artikel nur als arrogant und schlecht recherchiert bewerten. Rochlitz ist…
Endstation Rochlitz
21.09.2009 | 01.44 Uhr | ClaudiaRu
Hallo Ksta-Team,
kann nicht anders als diesen schlecht recherchierten Artikel kommentieren. Ich bin selbst in Rochlitz geboren und aufgewachsen,…
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