Erstellt 05.09.09, 14:59h, aktualisiert 05.09.09, 15:04h
Der Heidelberger Soziologe Jan Eckard sieht einen der Gründe für die wachsende Zahl später Mutterschaften in den langen Ausbildungszeiten der Frauen und ihrem wachsenden Anteil in der Arbeitswelt. Dies zeige sich auch darin, dass gerade in den Universitätsstädten des Landes wie Heidelberg oder Tübingen die Zahl der Spätgebärenden in den vergangenen Jahren stark angestiegen sei.
Der Soziologe nennt aber auch die Männer als entscheidenden Faktor: "Vor allem gebildete Paare warten mit einer Schwangerschaft, bis auch der Mann seine Ausbildungszeit abgeschlossen hat." Der Staat könne mit einer guten Familien- und Bildungspolitik die finanziellen Bedingungen verbessern, etwa durch die Bestrebungen, die Studienzeit mit Hilfe der Bachelor- und Masterstudiengänge zu verkürzen.
Auch die veränderten Beziehungen zwischen den Geschlechtern seien bestimmend, nicht nur bei Akademikerinnen: "Partnerschaften sind instabiler geworden", sagt Eckard. "Daher warten viele Frauen mit einer Schwangerschaft auch bewusst solange, bis sie glauben den richtigen Partner gefunden zu haben." Gesellschaftliche Entwicklungen wie die Instabilität von Partnerschaften lägen eben nicht im Einflussbereich der Politik.
Dieser "Aufschubprozess" hat für Eckard Vor- und Nachteile. Immerhin sinke statistisch gesehen das Risiko von Kinderarmut, wenn Eltern gut ausgebildet seien, führt er an. Andererseits verlangsame sich dadurch das ohnehin geringe Bevölkerungswachstum.
Auch die Herausforderungen, denen sich ältere Mütter - und ihre normalerweise ebenfalls älteren Männer - später stellen müssen, sind schwierig zu bewältigen. Diese Erfahrung hat zum Beispiel der Diplom-Psychologe Heinz-Christoph Schlager von der Erziehungsberatung der Caritas in Heidelberg gemacht. Er hat beobachtet, dass ältere Eltern oft Schwierigkeiten haben, wenn ihre Sprösslinge in die Pubertät kommen. Da könne es auch schon an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit gehen, denn der Dauerkonflikt mit Teenagern erfordere nicht nur ein erhebliches Maß an Frustrationstoleranz, sondern auch Klarheit und Konsequenz. "Das ist anstrengend, und mit zunehmendem Alter fällt es nicht gerade leichter, die Extravaganzen eines pubertierenden Teenagers zu tolerieren", berichtet Schlager.
Andererseits seien die Beziehungen von Eltern in höherem Alter in der Regel stabiler, was wiederum den Kindern zugutekomme. Schlager gibt weiter zu bedenken, dass die Familien aufgrund der Altersunterschiede kleiner werden, da die betagten Großeltern früher aus dem Leben der Kinder verschwinden. Doch gerade Oma und Opa seien etwa als Ratgeber ein wertvolles Korrektiv, zumal ältere Mütter und Väter seinen Beobachtungen zufolge ihre Kinder allzu übertrieben vor den Härten des Alltags schützen wollten.
Christof Sohn, der ärztliche Direktor der Frauenklinik in Heidelberg, findet die momentane Entwicklung aus medizinischer Sicht noch in Ordnung: "Sowohl die Diagnostik als auch die Geburtshilfe sind in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden", sagt der Mediziner. Daher könnten die größten Risiken, nämlich ein möglicher genetischer Defekt beim Kind aber auch eine drohende Frühgeburt, heute besser erkannt werden als noch vor einigen Jahren. Dennoch könnte auch die beste Medizin nicht den Lauf der biologischen Uhr ändern. "Vom 40. Lebensjahr an wird es schwieriger, ein gesundes Kind zu bekommen, das sollte man beachten", warnt Sohn. Frauen in diesem Alter benötigten auch zunehmend medizinische Hilfe, um überhaupt schwanger zu werden. (ddp)
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