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BAP-Setlist

Nach „Jraduss“ ist vielleicht Schluss

Von Martin Oehlen, 10.09.09, 14:56h, aktualisiert 10.09.09, 16:06h

Die Band spielt am Freitagabend auf dem Kölner Roncalliplatz. Sänger Wolfgang Niedecken erläutert vorab, welche Songs BAP in welcher Reihenfolge zu Gehör bringen und welche Bedeutung die einzelnen Titel für ihn haben.

Wolfgang Niedecken
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BAP-Chef Wolfgang Niedecken. (Bild: dpa)
Wolfgang Niedecken
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BAP-Chef Wolfgang Niedecken. (Bild: dpa)
Intro: Zo Foos noh Kölle - Das ist für mich die Kölner Lokalhymne schlechthin. Dieses Lied von Willi Ostermann hat mich schon immer angerührt: "Ich hann, un dat litt mer em Senn, ming Muttersprooch noch nit verloore . . ." Ich denke da auch an die Vätergeneration, die den Text in der Gefangenschaft, im Krieg, in der Fremde gesungen hat. Wir spielen die erste Aufnahme von Thomas Liessem, das knistert noch richtig. Dann wird angezählt für:

1 Nemm mich met - Die Nummer hat sich bei allen Open Airs als erstes Lied bewährt. Dabei war das nie ein "Greatest Hit" - aber wir sind ja sowieso keine Hit-Band, sondern eine Album-Band. Normalerweise beginnen wir jedes Tour-Konzert mit einem Song vom jeweils neuesten Album. Auf der aktuellen "Pandora"-Tour war das bisher "Wat für e' Booch" oder eben "Pandora". Um klarzumachen: Wir kommen mit neuem Material. Doch ein Open Air hat eigene Gesetze. Dann in den Applaus hinein:

2 Musik, die nit stührt - Das ist vom neuen Album. Ein Statement gegen Dudelfunk und Mainstream. Das Schwerste ist: Die neuen Songs sollen nicht mehr als ein Drittel des Konzerts ausmachen - obwohl man gerade die spielen möchte. Aber die Vernunft sagt: Das geht wegen des Publikums nicht. Anschließend die erste Ansage.

3 Wat für e Booch - Das Bob-Dylan-Motto "Songs sind Träume" zieht sich durch das ganze Programm. Gilt auch für diesen Jack-Kerouac-Song. Hier gibt es für mich den stimmlich schwierigsten Moment: Vorher war ich mit der Stimme weit unten - jetzt geht es gleich sehr weit oben los. Ich bin immer froh, wenn ich das hinter mir habe. Vom Tempo schließt sich jetzt wunderbar an:

4 Rövver noh Tanger - Reisen, Fernweh - da ist vieles drin. Seit Jahren ist das beim Soundcheck die erste Nummer: Weil da alles an Instrumenten vorkommt, was wir brauchen.

5 Duude Bloome - Hier steigt Anne de Wolff mit ihrer Geige ein. Schöne Country-Nummer.

6 Rita, mir zwei - Passt nahtlos. War 1999 die erste Single-Auskopplung vom ersten Album ("Tonfilm") in der neuen Besetzung.

7 Morje fröh doheim - Gott sei Dank eine Nummer, die im Radio funktioniert hat. Warum? Man versteht auf Anhieb viel vom Text und kann sich mit dem Typen in der Geschichte identifizieren.

8 Ruut, wiess, blau querjestriefte Frau - Beginnt mit dem Kintopp-Klavier. Der Song geht immer gut. Wenn man ein Programm abschmeckt, fragt man sich ja, was gibt man und was kriegt man dafür. Also - mit diesem und dem nächsten Song hole ich mir die Erlaubnis ab für eine etwas schwierigere Nummer wie "Novembermorje".

9 Wellenreiter - Noch ein Zückerchen. Da gebe ich nur das erste Wort vor und lasse dann das Publikum singen: "N' Abend..."

10 Novembermorje - Eine Nummer für die härtesten Fans. Und ein Song für Michael Buthe, der am 15. November 1994 gestorben ist. Der hatte mich einmal gebeten, bei einer Ausstellungseröffnung in Stuttgart zu spielen. Unfassbar - der ist auf mich zugekommen. Der Mann war wirklich komplett verzaubert - in jeder Hinsicht. Im Moment sind Werke von ihm in Remagen zu sehen.

11 Helden - Das explodiert geradezu. "Helden" hat den Nachteil, dass es "Für immer jung" rausgeschmissen hat. Mehr als drei Coverversionen pro Konzert sind nicht drin. Und es kommen ja noch "Millione Meile" und "Hurricane". Vor vielen Jahren ist es uns bei einem Open Air mal passiert, dass wir acht Cover-Versionen gespielt haben. Das geht gar nicht. Das sieht ja so aus, als hätten wir nichts Eigenes.

12 Aff un zo - Eines unserer kölschen Mantras, genauso wie: 13 Et ess, wie 't ess - Artikel 1 des kölschen Grundgesetzes. Kommt munter daher, wird aber sehr ernst. Ein sehr erwachsenes Liebeslied mit der Haltung, die auch der Dylan-Song "When the deal goes down" hat: Wenn alles den Bach runtergeht, bin ich bei dir.

14 Unter Krahnebäume - Hat sich mittlerweile als "Klassiker" etabliert. Geht zurück auf den Text "Straßen wie diese" von Heinrich Böll. Ja, einer von drei literarischen Hinweisen im Programm: Erst Kerouac, hier Böll und später John Steinbeck/Joseph Conrad.

15 Noh Gulu - Diese Nummer über Kinder und Kindersoldaten in Afrika ordentlich zu platzieren war ungeheuer schwer, aber sie muss sein. Das ist der emotionale Tiefpunkt des Konzerts. Den Song haben wir auch schon mal als letzte Nummer gespielt. Aber man kann die Leute nicht mit so einem Hammer nach Hause schicken. Und am Anfang musst du ja erst einmal in die Gänge kommen, musst das Einverständnis haben, um eine solche Nummer zu spielen. Ich finde: Das ist jetzt die ideale Stelle - in der Mitte und nach "Unter Krahnebäume". Natürlich sage ich hier und da was, weil ich verbindlich bin, und natürlich muss ich hier und da was sagen, weil ich nicht davon ausgehen kann, dass jeder jeden Text auf Anhieb versteht. Auch deshalb ist "Noh Gulu" für mich eine emotionale Hürde in jedem Konzert: Ich muss die Ansage knapp, aber eindringlich rüberbringen.

16 Kristallnaach - Passt sehr gut hinter "Noh Gulu". Früher habe ich das Publikum immer gebeten, hier nicht mitzuklatschen. Das wurde oft missverstanden. Dabei ging es mir nicht um die Andacht, sondern darum, dass das Mitklatschen immer im falschen Takt losging. Heute ist das kein Problem mehr, weil die meisten in der Band einen "Klick" im Ohr haben, der den richtigen Takt vorgibt.

17 Diego Paz - Ein Souvenir von der Argentinien-Reise, eine Erinnerung an den Falkland-Krieg. Hier spielen sich vor allem Helmut Krumminga (Gitarre) und Michael Nass (Keyboards) die Bälle zu. 18 Millione Meile - Der dritte Song in Folge, der mit dem Jahr 1982 zu tun hat: "Kristallnaach" ist vom 82er Album, "Diego Paz" spielt 82 und Rory Gallagher, von dem "Millione Meile" ist, habe ich 82 beim Konzert auf der Loreley kennen gelernt. Werner Kopal hat hier sein großes Bass-Solo.

19 Alexandra - "Alexandra" rief im Februar vor 25 Jahren ein Mädchen, als ich meinen neugeborenen Sohn Severin durch den Römerpark in Köln fuhr. Diesen inbrünstigen Ruf habe ich dann in ein Liebeslied umgemünzt. An den Römerpark muss ich oft denken, wenn es um "Alexandra" geht. Für diese Nummer ist jetzt "Ne schöne Jrooß" rausgeflogen. Das ist immer eine sehr subjektive Entscheidung. Da frage ich die Band, wonach ihr zumute ist.

20 Deshalv spill mer he - Das Lied haben wir für unser Konzert in der DDR geschrieben - und wegen dieses Liedes wurde das Konzert abgesagt. Wir haben das nach dem Mauerfall lange in der Mottenkiste gelassen, weil wir nicht rechthaberisch herumlaufen wollten. Jetzt ist es richtig - 20 Jahre nach dem Mauerfall. Das knallt richtig rein. Weil die Nummer a cappella losgeht, muss ich bei der kurzen Ansage daran denken, mir vorher das E zu holen. In den neuen Bundesländern habe ich auch schon gesehen, wie Leute bei dem Song Tränen in den Augen hatten. Damit hören wir erst einmal auf.

21 Für 'ne Moment - Zum ersten Zugabenblock komme ich alleine auf die Bühne zurück. Die Nummer widme ich all denen, mit denen ich angefangen habe - und damit meine ich nicht nur die Kollegen vom ersten Album. An der Autobahn 555 von Köln nach Bonn hatten wir im Wiegehäuschen des Kalksandsteinwerkes Hersel unseren Proberaum. Weil es wieder um die Sprache geht, bedanke ich mich außerhalb von Köln beim Publikum dafür, dass es seit über 30 Jahren so tut, als würde es mich verstehen. Beim Stichwort "merkwürdije Band" kommt dann die Band auf die Bühne - für mich die Gelegenheit, alle vorzustellen.

22 Hurricane/Stell dir vüür - Beim Intro des Dylan-Songs stelle ich Anne de Wolff vor, die hier auch ihr Solo hat. Der Song geht dann über in "Stell dir vüür" - das ist ein Bekenntnis für die Gema, woher die Anfangs-Akkorde unseres Songs tatsächlich kommen.

23 Nix wie bessher - Darin behaupten wir, dass alles mit "Love me tender" von Elvis anfing. Aber das ist dichterische Freiheit. In Wahrheit fing für BAP alles mit "Like A Rolling Stone" von Dylan an.

24 Verdamp lang her - Wir schwenken endgültig in die Zielgerade ein. Unser bekanntester Song, der immer geht, der uns viele Türen geöffnet hat und der es einst nur mit Mühe aufs Album geschafft hat. Ein Stück, das ich immer sehr intensiv erlebe. Das ist mir noch nie auf den Wecker gegangen. Ich habe dazu natürlich einen besonders emotionalen Bezug, aber alle in der Band spielen das gerne. Mir geht es so, dass ich jedes Mal - und sei es auch nur für einen kurzen Moment - nah bei meinem Vater bin. Und das ist gut.

25 Band en der Stadt - Schöne Geschichte auf der Tour: Eine norwegische Familie bat uns im schönsten Smörebröd-Deutsch, den Song in Meersburg zu spielen. Denn den mögen ihre Kinder - und damit würden sie die dann zum Konzert nach Meersburg locken, das ungefähr auf ihrem Weg in den Urlaub nach Italien lag. Haben wir gemacht. War ein Riesenspaß, weil alle im Publikum Bescheid wussten. Für mich persönlich ist das natürlich die Erinnerung an den 30. März 1967 - die Stones in der Kölner Sporthalle.

26 Bahnhofskino - Erzählt einen Alptraum. Mit vielen Bezügen zur Gegenwart. Da kämpfe ich schon mal gegen den Kloß im Hals. Bei so was muss man aufpassen: Du sollst ja auf der Bühne nicht deine Seele strippen, sondern Geschichten erzählen. Musikalisch einer der anspruchsvollsten Songs: Der ist - nach dem Motto "Darf's ein Achtel mehr sein" - sehr schnell, mit ausgefuchsten Abschlägen zwischendurch. Unser Schlagzeuger Jürgen Zöller leistet hier Schwerstarbeit im Maschinenraum - eigentlich eine Zumutung für ihn, dass die Nummer so spät im Programm kommt.

27 Bahndamm- Das erste, verdeckte Liebeslied an meine Frau Tina. Eine Nummer, die wir vollkommen entschlackt haben. Jetzt macht sie riesig Spaß.

28 Du kanns zaubre - Es hat mal eine Untersuchung gegeben, welches der beliebteste Bap-Song ist. Ich weiß nicht, ob die empirischen Ansprüchen genügte. Aber das Ergebnis war: Das ist nicht "Verdamp lang her", sondern "Du kanns zaubre". Sehr viele haben dazu eine emotionale Bindung - völliges Verliebtsein auf Wolke sieben.

29 ? - Drei Titel stehen für die letzte Zugabe zur Auswahl. "Jraaduss" ist die sichere Bank. Damit schickt man die Leute glücklich nach Hause; die Nummer ist älter als das erste Album, aber erst auf dem dritten erschienen. "Für immer jung" wäre die vierte Cover-Version, was dagegen spricht; dafür spricht, dass die Strophen auf unsere Gäste verteilt werden können. "Schluss, aus, ok" ist die künstlerisch wertvollste Variante; auch schön, weil alle Bandmitglieder vorne an der Bühne stehen können, mein Favorit.

Outro: We'll meet again - Wie es weitergeht? Noch ein Konzert in Hanau und eines in der Schweiz. Dann ist Schluss. Und dann geht es wieder weiter: Material sammeln.



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