Von Thorsten Keller, 11.09.09, 15:06h, aktualisiert 11.09.09, 15:10h
Es ist ein bizarrer Zufall, der Tucker und Annie in Nick Hornbys neuem Roman „Juliet, Naked“ zusammenführt. Annie lebt seit 15 Jahren – viel Routine, wenig Leidenschaft - mit ihrem Freund Duncan zusammen, doch im Grunde sitzt Tucker als unsichtbarer Dritter mit an Tisch und Bett. Duncan ist einer der führenden „Crowologen“: Er tauscht in Internet-Foren fleißig Gerüchte aus, reist auf Crowes Spuren durch die Staaten und stellt als Erster eine euphorische Besprechung von „Juliet, Naked“ (die CD, nicht der Roman) ins Netz.
Tuckers Rückkehr
„Juliet“, das letzte Lebenszeichen von Tucker Crowe auf Tonträger, gilt seinen Fans als ultimatives „Trennungsalbum“ – so wie Bob Dylans „Blood On The Tracks“ – „Juliet, Naked“ sind die unfertigen Rohfassungen dieser Songs. Annie stellt, in Opposition zu ihrem Freund, einen geschliffenen Verriss auf die Website, woraufhin sich Tucker Crowe persönlich zu Wort meldet: Danke, du bist anders als all die Spinner da draußen – endlich jemand, der mich versteht. Und so kommt Tucker Crowe wieder ans Licht, aus dem Dunst des Hörensagens und der Verwechslungen. Er kann Annies Frage gut nachvollziehen, ist er selbst doch ein Experte für vergeudete Lebenszeit, weggeworfenes Talent und zerstörte Beziehungen. Im Laufe der Jahre hat er mit vier Frauen fünf Kinder gezeugt – allerdings nicht mit seiner sagenumwobenen Muse Juliet.
Nick Hornbys erster Roman „High Fidelity“, der sich um einen Schallplattenladen im Norden Londons und die Frauengeschichten seines Besitzers Rob Fleming drehte, bildet gewissermaßen den Resonanzboden für das neue Buch. Es gibt zwar keine Top-Five-Listen, doch die Besucher und Verkäufer von „Championship Vinyl“ tauchen, als spezialistische Sektierer und Über-Fans von Tucker Crowe, wieder auf. Und auch das zentrale Paar im Roman, Annie und Duncan, erinnert durchaus an Laura und Rob aus„High Fidelity“ - etwa zehn Jahre älter, und aus Islington in ein tristes, verschlafenes Seebad im Nordosten Englands verbannt.
Die weitere Handlung von „Juliet, Naked“ ist rasch erzählt: Duncan und Annie trennen sich, Annies E-Mail-Korrespondenz mit Tucker gipfelt in einer persönlichen Begegnung, was aus Duncans Sicht nur eine geschmacklose Retourkutsche sein kann: Der Mittfünfziger, der ihm da an Annies Seite am Strand begegnet, sieht doch mit dem echten Tucker Crowe aus dem Internet überhaupt nicht ähnlich!
Annies Neuanfang mit Tucker, eine Romanze mit märchenhaften Zügen, wäre alleine etwas dünn für einen 360-Seiten-Roman. Und „Juliet, Naked“ verliert auch erheblich an Schwung, als das Mysterium Tucker Crowe tatsächlich britischen Boden betritt. Dass sich Idole entzaubern, wenn wir ihnen im Alltag nur nahe genug kommen – diese Erkenntnis gewinnt man auch als „Bunte“-Leser beim Friseur. Hornby ist in diesem Roman am besten, wenn er seinem Leitmotiv aus „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ folgt, dem obsessiven männlichen Fan-Verhalten. Nur, dass es diesmal eine „Freak 2.0“-Geschichte geworden ist.
Nick Hornby: „Juliet, Naked“; deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann, Kiepenheuer&Witsch, 360 Seiten, 19.95 Euro
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