Von Christian Bos, 17.09.09, 14:12h
Zwar hat diese Individualisierung schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht. Doch trägt seitdem die Globalisierung zur Namensvielfalt bei. Schon im Jahr 1994, so Gerhards, stammten 65 Prozent der hierzulande vergebenen Namen nicht aus dem christlichen oder deutschen Kulturkreis. Sondern aus nordischen Göttersagen, amerikanischen Fernsehserien, indianischen Überlieferungen, englischen Romanzyklen, indischen Dynastien oder deutschen Monaten.
Heute wählen wir also aus einer Vielzahl an Vornamen, wenigstens 50 000 schätzen Experten. Eine Zahl, welche die Namenswahl fast beliebig erscheinen lässt. Also blättern wir durch Namensbücher, klicken uns durch CD-Roms, schauen uns Namensportale im Netz an. Die müssten wir für den ollen Wilhelm kaum bemühen. Aber wir wollen ja etwas Besonderes für unser Kind, etwas Einzigartiges. Und öffnen die Büchse der Pandora: Charis, Oke, Linnea, Younes, Tomma, Melek, Lientje, Ruwen, Jördis, Fokko und noch Dutzende andere Namen mit Seltenheitsgarantie schlägt etwa "www.beliebte-vornamen.de" vor. Aber klingen die nicht zu gespreizt? Löst Fokko nicht in der anglophonen Welt Heiterkeitsstürme aus? Und wie selten sind diese Namen wirklich in einer Welt, in der wir jede mögliche Namenskombination erst mal googeln? Schon um zu gucken, was das für Leute sind, die so heißen. Was die mit ihrem Leben gemacht haben. Und nicht zuletzt: Ob der Domain-Name noch zu vergeben ist.
Ich weiß wovon ich rede. Ich bin selbst in freudiger Erwartung, beziehungsweise meine Frau und ich. Oder eigentlich: Ich habe die freudige Erwartung. Meine Frau hat die Arbeit. Und unsere Freunde haben den Spaß. Sich immer absurdere Namenskombinationen fürs kommende Kind auszudenken. Hugo Bos, natürlich. Bob Bos, Buffy Bos, Boris Bos. Käthe, Günther, Donnertrud. Das arme Kind. Aber das Vornamen-Brainstorming ist einfach zu reizvoll. Ein Spiel, das jeder gerne spielt. So lange er nicht selber einen Namen zu vergeben hat.
Robert Böhm jedenfalls war völlig überrumpelt von dem riesigen Presseecho auf seine Studie. Der Psychologie-Diplomand der TU Chemnitz hatte zusammen mit einer Kommilitonin unsere Wahrnehmung von Vornamen untersucht. "Ein Vorname sagt mehr als 1000 Worte" nannten sie die Studie, bei der 149 Probanden je 30 typisch deutsche weibliche und männliche Vornamen vorgelegt wurden. Die ihnen unbekannten Träger dieser Vornamen sollten die Testpersonen dann einschätzen: Nach Alter, Attraktivität, Intelligenz und Religiosität. Die Kurzfassung: Nennen Sie Ihr Kind nicht Birgit, Petra, Silke, Simone, Dirk, Holger oder Olaf, wenn Ihnen das Urteil Ihrer Mitmenschen wichtig ist.
Aber so einfach ist es dann doch nicht. In vielen Presseberichten wurde Böhm der Ratschlag in den Mund gelegt, dass sich Eltern am besten an Namen halten sollten, welche die Probanden als "zeitlos" einstuften. Anna, Jana, Christian, Michael oder Alexander. Falsch zitiert. Robert Böhm erklärt, warum er leider nicht mit gutem Rat dienen kann: "Unsere »zeitlosen« Namen ergeben sich ja aus der statistischen Auswertung des vorhandenen Materials. Wir können schlicht nicht wissen, wie sich diese Namen in Zukunft entwickeln." Ein Name, der heute als zeitlos empfunden wird, kann morgen wieder zum Modenamen aufsteigen und übermorgen als altbacken gelten.
Immerhin: die Studie hat eindrucksvoll gezeigt, was wir mit einem Vornamen verbinden, wenn wir keine anderen Informationen haben. "Schauen wir uns eine Liste von weiblichen Vornamen an: »Elfriede, Hannelore, Ingeborg, Lydia, Sieglinde, Uta und Waltraud«", erklärt Böhms Professor Udo Rudolph. "Und jetzt lese ich Ihnen eine andere Liste vor: »Anna, Julia, Katharina, Laura, Lena, Lisa, Sophie und Sarah.« Sie merken sofort, dass Sie die eine Liste mit älteren und die andere mit jüngeren Personen assoziieren."
Auch die befragten Personen waren sich hier in der Regel völlig einig. "Das liegt daran, dass Vornamen wie Hannelore, Elfriede oder Ingeborg in den vergangenen zehn Jahren so gut wie keinem Kind mehr gegeben werden", sagt Rudolph. "Aber in den 50er und 60er Jahren waren die sehr beliebt. Also wissen wir automatisch, das sind eher ältere Personen." Nicht ganz so eindeutig verhält sich das bei der Einschätzung von Attraktivität, Intelligenz. Aber wer das Glück hat, dass sein Vorname als attraktiv empfunden wird, kann auch mit einem gewissen Intelligenz-Vorschuss rechnen. "Wir sprechen da vom so genannten Halo-Effekt", sagt Böhm. "Halo" ist Englisch für Heiligenschein. "Die Attraktivitätswahrnehmung strahlt auf die Intelligenz-Wahrnehmung ab." Gut für Katharina, Lena, Lea, Sophie, Felix, Jan, Jonas, Niklas und Maximilian. Schlecht für Olaf.
Und Jacqueline und Chantal. Denn, wie Udo Rudolph sagt " es gibt eindeutig Zusammenhänge zwischen verschiedenen Vornamen und dem sozioökonomischen wie auch dem Bildungsniveau der Eltern."
Schließlich verraten Vornamen vor allem etwas über die Namensgeber. Der Psychologe Bernd Reuschenbach leitet ein Forschungsprojekt, das Eltern bei der Suche nach Kindernamen helfen will (siehe Kasten). "Viele Eltern wissen nicht, dass es Soziale-Brennpunkt-Namen gibt", sagt Reuschenbach. "Warum das so ist, dass bestimmte Eltern um das »Chantal«-Problem wissen und andere nicht, können wir nicht sagen. Aber Schichtunterschiede fallen bei der Namensauswahl viel stärker ins Gewicht, als etwa regionale Unterschiede." In Amerika, erzählt Udo Rudolph, beschäftigen sich auch Politikwissenschaftler und Bildungsforscher mit Vornamen. Und haben herausgefunden, dass die Vornamen-Vorlieben sich ungefähr alle zehn Jahre verändern. Genau wie in Deutschland. Die Erklärung der US-Forscher dürfte auch für deutsche Namenspräferenzen gelten: am beliebtesten sind Vornamen, die einen hohen sozioökonomischen Status genießen. "Und wenn viele Leute mit einem geringen sozioökonomischen Stand bestimmte Vornamen wählen", so Rudolph, "dann verändert sich natürlich die Verteilung." Im Klartext: auch der bildungsbeflissenste Name von heute kann die Chantal von morgen sein.
Mein Kind ist jedenfalls noch namenlos. Dabei sollte ich als Vater mich beeilen. Denn Bernd Reuschenbach hat festgestellt, "dass bei Eltern, die sich erst im Wochenbett auf einen Namen festlegen, der Mann nicht mehr viel zu sagen hat".
Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie einen "passenden" Namen. Reuschenbach berichtet von einem Versuch, bei dem zwei Bilder von zwei ganz ähnlich aussehenden Jungen nebeneinander gehalten wurden. "Die Probanden sollten dann einen Jungen »Tim«, den anderen »Tom« taufen. Eigentlich müsste die Verteilung 50/50 ausfallen. Tat sie aber nicht. Stattdessen tauften die meisten Menschen den linken Jungen »Tim» und den rechten »Tom«." Ein bestimmter Name kann also wirklich besser zu einer bestimmten Person passen. Nur weiß noch niemand, warum. "Für das Kind", schließt Reuschenbach, "bleibt ein Restrisiko."
Das kann auch ich nicht ausschließen. Aber Sue werden wir unser Baby auf keinen Fall nennen. Wenn es ein Junge wird.
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