Von Alice Ahlers, 18.09.09, 15:54h, aktualisiert 18.11.09, 13:56h
Zum Glück geht es im wahren Leben nicht ganz so zu wie in Hollywood. Sonst müssten wir ja ständig übereinander herfallen. Das Bruttosozialprodukt läge am Boden, die Wäsche stapelte sich im Korb, die Windeln würden überquellen, die Rechnungen wären nicht bezahlt. Ein Blick genügt, und schon wären wir wieder bei der Sache. Auf dem Küchenboden, ohne einen blauen Fleck, auf dem gläsernen Bürotisch, ohne Angst vor der Sekretärin, mitten im Wald, ohne Ameisen-Phobie, vor, neben, über oder unter dem Bett – nur bloß nicht drin. Wäre ja langweilig. Ganz schön anstrengend so ein heißes Sexleben.
Eine Studie jagt die andere
Gesehen haben wir alles schon. Jedes Tabu ist längst gebrochen, jedes Klischee wurde schon einmal gezeigt, beschrieben und gestöhnt. Eine Studie jagt die andere, verkündet Erkenntnisse wie: Millionäre haben besseren Sex. Ein gutes Liebesleben hält den Ehemann treu. Sex macht glücklich, gesund und jung. Die Deutschen tun es zweimal die Woche. Heino sogar dreimal. Ganz ohne Viagra.
Viel zu viel für den Geschmack von Richard David Precht. Der Philosoph und Buchautor meint: Wir sind völlig „oversexed". Filme wie „Basic Instinct", dieser ganze sexualisierte Alltag hätten unsere Ansprüche an die Erotik unrealistisch und maßlos gemacht. Atemberaubend schön wollten wir sein, stets prickelnd und aufregend wollten wir es haben, und Sharon Stone habe uns diktiert: Die Frau sitzt oben, stöhnt zur Decke und wirft die Haare in den Nacken wie bei der Eispickel-Nummer in „Basic Instinct". Ob wir das nun bequem finden oder nicht.
Natürlich wollen wir manchmal so sein. So sexy, so stark, so unwiderstehlich. Ein bisschen Angelina steckt doch in jedem von uns. Und hätte nicht jeder gerne was von Brad? Da gucken wir uns eben auch schon mal was ab. Bewusst oder unbewusst. Aber wer braucht schon einen Eispickel, wer wünscht sich schon jemanden, der den eigenen Po doubelt, wenn es im echten Leben jemanden gibt, der auch einfach mal nur neben uns einschlafen kann, der sich von Schlafbrillen und Wollsocken nicht gleich abturnen lässt, der bei der Tantra-Stellung genauso doof aussieht wie wir und für den das Bett einfach ist, was es ist: einer der besten Orte auf der ganzen Welt.
Wann war denn das letzte Mal? Schon was länger her.
Und das, obwohl da nicht immer alles glattläuft. Agent 007 ist dem Gangster gerade auf der Spur, da nähert sich die Hand von der anderen Seite des Bettes. Moment mal! Hallo? Ist doch gerade so spannend. Na gut. Wann war denn das letzte Mal? Schon was länger her. Letzte Woche? Oder sind es schon zwei? Agent 007 ringt mit Ehegewissen. Irgendwo muss er doch sein der animalische Trieb? Der kämpft gerade mit den Akten, die heute auf dem Schreibtisch lagen und auch morgen dort noch warten. Mit Zahlen und Tabellen aus dem Büro, die einfach nicht aus dem Kopf gehen. Wie erotisch. Wo bleibt sie denn bloß, die verdammte Lust? Wann klingelt morgen noch mal der Wecker? Großhirn, bitte abschalten. Blut an Sexualzentrum, gehen lassen, fallen lassen. Gedankenstopp! Klappt nicht.
Warum es im Bett nicht läuft, das kann viele Gründe haben. Der einfachste: Menschen sind keine Maschinen. Und dass nicht bei allen ständig die Luft brennt, zeigen schon die zahlreichen Sex-Ratgeber, die es auf dem Markt so gibt. Wäre die Liebe ein einziges Feuerwerk, gäbe es die nämlich alle gar nicht. Für jedes Problem gibt’s da einen Tipp. „Die perfekte Liebhaberin" und der „Der perfekte Liebhaber" sind schon seit Jahren ein Beststeller und auch andere Bücher verkaufen sich gut. Nur eine Auswahl: „Der Erotik-Knigge", „Perfekt lieben!", „Wie Frauen Männer verführen", „Die Kunst des Dirty-Talk", „Schon wieder zu früh", „Profi-Tipps für heiße Nächte", „Guter Sex trotz Liebe", „Aphrodisiaka. Der geheime Liebeszauber". Männermagazine geben Auskunft unter der Kategorie „Penis im Einsatz", für den Notfall gibt es die Hotline mit prompter Beratung.
Trotzdem sind wir manchmal ziemlich ratlos. Und dann hilft nur noch eins: schnödes Reden. Kein „Uh" und „Ah", sondern Klartext. So unsexy das klingt: Informationsaustausch. Dann ringt man nach Worten, die man in keinem Sex-Shop kaufen kann, die sich nicht ergooglen lassen, für die es keinen Souffleur gibt. Du, äh, mhh, jaaa … Können wir vielleicht mal …? Wie klang das jetzt? Doof? Peinlich? Verkrampft? Auch wenn es nicht immer Spaß macht, über Sex zu reden – meistens geht es gut aus. Denn im Gegensatz zu den Hollywood-Paaren haben wir kein Drehbuch, das uns sagt, was dem anderen gefällt. Was Demi Moore mag, mag Daniela noch lange nicht. Wo Sharon Stone schnurrt, schläft Sabine ein. Was Scarlett Johansson so reißt, macht Ingo nicht heiß. Wo Michael Douglas akrobatisch in Stellung geht, kippt Holger einfach um.
Karrierehoch und Sextief
Das Hamburger Institut für Männergesundheit stellte in einer Langzeituntersuchung fest, dass Männer weniger Sex haben als früher. Die Gründe dafür seien mehr Stress im Job und höherer Leistungsdruck. Karrierehoch und Sextief haben nach Ansicht des Mediziners Professor Frank Sommer einiges miteinander zu tun: „Es gibt soziologische Studien, die aussagen, dass der Mensch heute im Job die dreifache Leistung von der bringen soll, die er vor zehn Jahren gebracht hat", sagt Sommer. Am Abend sei die Energie da einfach aufgebraucht, man ist schlicht ausgepowert. Das Gleiche gilt auch für Frauen, sagt Beatrice Poschenrieder in ihrem Buch „Langsam reiten Cowboy – Sex für Faule und Gestresste". Sie müssten heute viel häufiger Karriere, Kinder und Haushalt unter einen Hut bringen. Manche Paare müssten sich geradezu zum Sex verabreden. Lieben nach Stundenplan. Husch, husch – wenn die Kinder mal gerade nicht da sind.
Im Alltag geht die Leidenschaft dann auf Sparflamme, das Liebesleben dümpelt so dahin. „Werden wir uns wiedersehen?", haucht die Frau im Fernsehen dem Liebhaber nach einer stürmischen Nacht ins Ohr. Die Seidenlaken sind zerwühlt, die Champagner-Gläser noch halbvoll, er schon auf dem Sprung aus dem Hotel Ritz, bereit für die nächste gefährliche Gangsterjagd, während sie hoffend, sehnend und verlangend zurückbleibt. Wird sie ihn wiedersehen? Mann, ist das spannend.
Der Alltag ist es meist weniger. Klar wird sie ihn wiedersehen. Ihren Mann aus dem wahren Leben. Morgen beim Frühstückstisch beim täglichen Filterkaffee, wenn die Zeitung nicht vor dem Gesicht klebt und der Zug nicht schon um sechs zum Arbeitsplatz pendelt, zwischen Kinderkrankheiten, Bäuerchen und Schwangerschafts-Rückbildungs-Gymnastik, während Angelina für Brad natürlich auch mit dem dicksten Baby-Bauch auf Erden noch eine Sex-Göttin bleibt.
Eigentlich wissen wir’s doch: Potenzstrotzende Kerle und Ladys, jederzeit bereit, das sind wir alle nicht. Auch wenn wir manchmal einfach so tun. Zum Beispiel bei sogenannten Umfragen der Sorte „Wie häufig haben Sie Sex?" oder „Wie oft kommen Sie?". Zwar füllt man da oft einen anonymen Fragebogen aus, muss also keinem persönlich was beweisen. Doch dass Menschen nicht nur anderen, sondern vor allem auch sich selbst gerne etwas vormachen, ist Psychologen hinlänglich bekannt. Ein Institut befragte einmal Paare zu ihrem Liebesleben – voneinander getrennt. „Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?". Zuerst antwortet sie: „Vor zwei Wochen." Später er: „Gestern". Ups.
Sex macht Locker
20.09.2009 | 12.11 Uhr | Polka
Da geht jemand hin und befindet den Artikel als nutzlose Zeitverschwendung. Deshalb lässt er sich dazu hinreißen, ihn auch noch zu Kommentieren, nach…
Sex macht Locker
20.09.2009 | 12.09 Uhr | Polka
Da geht jemand hin und befindet den Artikel als nutzlose Zeitverschwendung. Deshalb lässt er sich dazu hinreißen, ihn auch noch zu Kommentieren, nach…
"Zeilenhonorar" für dieses Thema...
19.09.2009 | 18.04 Uhr | michaschreibt
...scheint es wirklich gutes zu geben bei diesem Thema, das romantisch überwölbt allgegenwärtiger Kasse-Macher ist. Auffällig ist die Flut von…
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