Von Peter Pauls, 19.09.09, 00:23h, aktualisiert 19.09.09, 00:24h
Statistisch, so hören wir in diesen Tagen, seien Gewalt und Kriminalität auf dem Rückzug. Statistisch also müssten wir uns sicher fühlen. Warum nur deckt sich das nicht mit der Wirklichkeit? Warum nennen Bürger bei einer Befragung unserer Zeitung als wichtigste Aufgabe der Kölner Kommunalpolitik, sie müsse für Sicherheit sorgen? Wenn verunsicherte Menschen nach schärferen Gesetzen fragen, so werden sie, durchaus begründet, belehrt, dass eine solche Maßnahme Gewalt und Kriminalität nicht Einhalt gebietet. Beim Bürger bleibt der Eindruck, ihm werde unterstellt, zu halluzinieren.
Aber wie ist es denn? Zeigen wir es an, wenn der kleine Geldbeutel mit 30,– Euro gestohlen wird? Wenn ein Betrunkener zuschlägt und außer einem blauen Fleck nur eine innere Zerrüttung bleibt? Zeigen wir es an, wenn jemand seine schmutzigen Schuhe auf das Polster in der Straßenbahn legt und jeden anpöbelt, der ihm das untersagen möchte? Man tut es in der Regel nicht. Und so ist diese Gesellschaft in Teilen durchsetzt von Regel- und Gesetzesverstößen, die längst in vielen Bereichen Alltag geworden sind. Auf diesem Boden gedeihen Exzesse und ihr Entstehen ist eher zufällig.
Ein junger Student kommt in Köln dem Wunsch eines Passanten nach einer Zigarette nicht nach und wird deshalb niedergestochen. Sein Leben verdankt er blankem Zufall. Wo landet die Klinge? Ist schnell ein Arzt bei der Hand? Die Beliebigkeit eines Stichs, Schlages oder Tritts entscheiden über Leben oder Tod, über bundesweite Schlagzeilen oder regionales Aufsehen.
Rituale bürgerten sich ein
Es haben sich Rituale eingebürgert, die nach einem Schema ablaufen, wenn es zu einem besonders folgenschweren Ausbruch von Gewalt kommt. Dem Wunsch nach härteren Strafen steht die Entgegnung gegenüber, das führe zu nichts. Die Kanzlerin fordert mehr Polizei, während die Länder an ebendieser Stelle sparen. Der Ruf wird laut, Computerspiele und Gewaltvideos zu verbieten. Man könnte, so gleichförmig sind sie stets, die Reaktionen speichern und sie beim nächsten Mal abspielen. Zum Schema gehört auch, dass nichts anders wird, obwohl diese vermeintlichen Einzelfälle systemisch verbunden sind.
Spätestens der Tod von Dominik Brunner muss einiges lehren. Man wird des Gefühls der Unsicherheit nicht Herr, indem man ihm die Legitimität abspricht und es verneint. Eine konsequente Erziehung zu Zivilcourage sollte in der Schule ansetzen, will trainiert sein und besteht darin, hinschauen, hinterfragen und nachfassen zu lehren. Oder was ist Zivilcourage sonst? Im Osten Deutschlands hat es nach schweren Übergriffen ermutigende Ansätze aus der Bürgergesellschaft gegeben, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen. Dies war insoweit einfach, als mit den dortigen Neonazis ein fest umrissenes Gegenüber vorhanden war. Das ist im Westen anders. Doch auch hier gilt es mitunter, öffentlichen Raum zurückzugewinnen.
Dominik Brunner ist nicht gestorben, weil er Zivilcourage zeigte. Vielmehr starb er, weil die nicht wussten, wie man Zivilcourage zeigt, die seinem Sterben tatenlos zusahen.
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