Erstellt 06.10.09, 11:56h
Küttler hatte zwei Tage vor dem Massenprotest mit Einwohnern über die Fälschung der Kommunalwahlen diskutiert. Der Andrang war enorm. Kurz darauf lag in seinem Briefkasten ein Zettel: "Sonnabend, 15 Uhr, Demonstration für Bürgerrechte auf dem Theaterplatz". Wer hinter der "Initiative zur Demokratischen Umgestaltung" steckte, sei bis heute unklar.
Und die ansonsten immer gut informierte Staatssicherheit war nicht auf dem Laufenden: Statt der erwarteten paar hundert Menschen drängten sich Tausende in der Innenstadt. "Das Regime war vollkommen überrascht", sagt Küttler. Trotz Einschüchterungsversuchen sei es weitgehend friedlich geblieben. Ganz anders war die Lage in Ost-Berlin.
In der DDR-Hauptstadt wurden am selben Abend zahlreiche Menschen verletzt oder festgenommen. Die Staatsmacht zeigte Härte und fuhr am DDR-Jahrestag Wasserwerfer gegen Demonstranten auf. Schlagstöcke wurden eingesetzt, während die Oberen im Palast der Republik den Jahrestag feierten. Am 7. und 8. Oktober kam es zu einer Orgie der Gewalt von Staatssicherheit und Polizei vor der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Trotz zahlreicher Festnahmen versammelten sich die Menschen dort immer wieder.
Mit Kerzen seien sie der Staatsführung entgegengetreten, erinnert sich die damalige Oppositionelle und heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler. Aus dem Mut weniger sei eine Massenbewegung erwachsen. "Die Revolution fand in der ganzen DDR statt." Auch in anderen Städten seien Proteste brutal beendet worden.
In Plauen hingegen verkrochen sich die Oberen im Rathaus. "Die SED-Führer waren zu ängstlich, sich dem Volk zu stellen", sagt Historiker Connelly. Doch während westliche Journalisten aus Ost-Berlin berichteten, bekamen sie von dem Massenprotest in Plauen nur wenig mit. Erst ein paar Tage später berichtete die Lokalzeitung im bayerischen Hof, gerade 30 Kilometer von Plauen entfernt. Da hatten die Bilder der Leipziger Montagsdemonstration bereits westliche Fernsehanstalten erreicht. Allerdings sind sich die Experten einig, dass die Plauener den Boden für Leipzig bereiteten.
Falls es in Plauen zu Gewalt gekommen wäre, hätte es die Demonstration am 9. Oktober in Leipzig nicht gegeben, sagt Historiker Connelly. "Dann hätte es keine friedliche Herbstrevolution gegeben." Superintendent Küttler war sich bereits am 7. Oktober sicher, dass das Ende der DDR unausweichlich ist. In einem Fax an die Landeskirchenzentrale in Dresden schrieb er: "Ich habe einen solchen Ausbruch von Freiheitswillen in der Bevölkerung erlebt, das wird sich nicht wieder zurückdrängen lassen."
Stolz sind die Bürger der Stadt auch 20 Jahre nach dem Mauerfall. "Das war eine emotional sehr prägende Zeit", sagt Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) stellvertretend. "Plauen ist in die Geschichte eingegangen", meint er selbstbewusst. Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat den Anteil der Plauener an der friedlichen Revolution gewürdigt: "Sie waren die ersten, die massenhaft gegen das SED-Regime demonstriert haben, noch vor den Dresdnern und Leipzigern."
Bundespräsident Horst Köhler reist zu dem Jubiläum aus Berlin an. Dann soll in der Stadt der Plauener Spitze der Grundstein für ein Denkmal gelegt werden. "Das ging wieder vom Volk aus", sagt Oberbürgermeister Oberdorfer. Einen Seitenhieb auf die geplanten und staatlich geförderten Einheitsdenkmäler kann er sich nicht verkneifen. "Das ist hier nicht so wie in Berlin und Leipzig, wo Steuermillionen ausgegeben werden." (dpa)
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