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Schweinegrippe

Zweifel an angeblichem Elite-Impfstoff

Von Irene Meichsner und Volker Stollorz, 20.10.09, 18:06h, aktualisiert 27.10.09, 16:37h

Der vermeintliche Elite-Impfstoff Celvapan, mit dem Angehörige von Bundeswehr und Bundesbehörden gegen die Schweinegrippe geschützt werden sollen, ist weniger erprobt als das für die Bevölkerung vorgesehene Pandemrix.

In der Diskussion über eine "Zweiklassen-Medizin" am Beispiel verschiedener Impfstoffe gegen die Schweinegrippe wird die Arbeit der Hersteller ausgeblendet. Dabei gibt es über sie etwas Positives zusagen: so schnell einen Impfstoff zu entwickeln, ist eine Leistung. Möglich wurde sie durch das Konzept des "Musterimpfstoffs", das im Zuge der Bedrohung durch die Vogelgrippe entwickelt wurde. Es sieht vor, dass die Hersteller beim Notfall einer Pandemie gewissermaßen nicht "von Null" beginnen müssen.

So gewinnt man Zeit. Denn noch bevor es tatsächlich zu einer Pandemie komme, werde bereits "am Beispiel von einzelnen Influenzavirussubtypen (z. B. dem Vogelgrippevirus H5N1) die grundsätzliche Eignung zur Bekämpfung einer Pandemie gezeigt und eine Zulassung ausgesprochen", erklärt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, die deutsche Zulassungsbehörde für Impfstoffe: Diese Zulassung müsse dann, wenn der "tatsächliche Pandemievirusstamm" bekannt ist, nur noch "entsprechend angepasst werden". Auf dieser Grundlage haben alle Hersteller bei der Schweinegrippe ihre beschleunigte Zulassung erhalten.

Trotzdem werden aus den Zulassungsunterlagen im Hinblick auf die Menge und Qualität der vorliegenden Daten deutliche Unterschiede erkennbar. Dabei schneidet "Celvapan", der neue Impfstoff von Baxter, der unter anderem um für deutsche Soldaten bestellt wurde, nicht unbedingt am besten ab - auch wenn er ohne die umstrittenen Wirkungsverstärker ("Adjuvanzien") auskommt. Die Sache ist komplizierter, der vermeintliche Premium-Impfstoff ist nicht zwingend auch der Bessere.

Komplizierte Sachlage

So handelt es sich bei "Celvapan" um einen inaktivierten "Ganzvirus"-Impfstoff - im Prinzip heikler als die sonst üblichen "Spaltimpfstoffe", die nur inaktive Teile des Krankheitserregers erhalten. Herangezüchtet wird Celvapan auf Säugetierzellen - ein neues, weniger erprobtes Verfahren als die bisherigen Methoden, bei denen Grippe-Impfstoffe auf Hühnereiern herangezüchtet werden. In Europa sind drei Pandemie-Impfstoffe zugelassen. Zwei enthalten Adjuvanzien, einer wächst auf Zellkulturen.

In einer Bewertung hält sich das PEI zurück. Doch zwischen den Zeilen schimmert durchaus eine Prioritätensetzung durch. "Schon vor über einer Woche wurde entschieden", heißt es in einer Stellungnahme vom Wochenende, "dass diejenigen Mitarbeiter des Paul-Ehrlich-Instituts, die im Rahmen des PEI-Pandemie-Plans zu den vorrangig zu impfenden Personengruppen zählen, Pandemrix erhalten werden." Hintergrund ist allem Anschein nach die bessere Datenlage. Das PEI verweist bei Pandemrix von Glaxo auf "Daten von 5000 Probanden", ohne dass besonders auffällige Nebenwirkungen beobachtet worden seien. "Dazu kommen Daten von mehr als 20 000 Probanden aus klinischen Studien mit einem saisonalen Impfstoff, der den Verstärker AS03 enthält (wie in Pandemrix)."

Zum Vergleich: Den Zulassungsunterlagen der EMEA zufolge kann Baxter bei der Frage nach Nebenwirkungen seines neuartigen "Ganzvirus"-Impfstoffs nur auf klinische Studien an 606 Probanden berufen, die mit dem Muster-Impfstoff auf Basis eines Vogelgrippe-Virus H5N1 durchgeführt wurden - 326 von ihnen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren sowie 280 im Alter von über 60 Jahren. Die meisten Reaktionen seien "leichter Natur, von kurzer Dauer und qualitativ ähnlich den Reaktionen" gewesen, die durch saisonale Grippe-Impfstoffe hervorgerufen werden.

Kaum Daten über Kinder

Weil keiner der Schweinegrippe-Impfstoffe so gründlich getestet wurde wie ein regulärer Impfstoff, ist eine engmaschige Überwachung vorgesehen. Dies gilt speziell auch für Kinder, für die kaum klinische Daten vorliegen. Was die Schwangeren angeht, empfiehlt die Ständige Impfkommission mittlerweile weder Vakzine mit Adjuvanzien noch den neuartigen Impfstoff von Baxter.

Als Alternative käme der Impfstoff des französischen Herstellers Sanofi-Pasteur in Frage, der ohne Wirkverstärker auskommt und von den USA und Frankreich weitgehend aufgekauft wurde. In Deutschland hofft man, durch neue Verhandlungen etwa 350 000 Impfdosen ohne Adjuvanzien zu bekommen, die dann bevorzugt an Schwangere verteilt würden. Damit ist nicht vor November zu rechnen.

Allerdings fällt diese zeitliche Verzögerung kaum ins Gewicht. Denn wer in diesen Tagen behauptet, dass eine Impfkampagne mit 50 Millionen Dosen beginne, streut den Menschen Sand in die Augen. Die Hersteller können die Nachfrage nicht befriedigen. Zunächst sollen vom Glaxo-Werk in Dresden aus rund 1,3 Millionen Portionen ausgeliefert werden. Danach wird pro Woche ungefähr eine ähnliche Menge folgen. Bis die 50 Millionen bestellten Impfportionen vollständig ausgeliefert sind, dürften also in jedem Fall noch einige Monate verstreichen.



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