Schriftgröße

„Zimmer frei“-Kritik

Satire-Alarm in der Wohngemeinschaft

Von Martin Weber, 21.10.09, 08:46h, aktualisiert 21.10.09, 10:33h

Revolution im Zentralkomitee des WDR: Nach anfänglichen Bedenken hat die größte Anstalt innerhalb der ARD die „Zimmer frei!“-Ausgabe mit dem Satiriker Martin Sonneborn jetzt doch gesendet. Unser Autor hat sie gesehen.

Titanic-
Bild vergrößern
Martin Sonneborn mit der Kanzlerkandidatin seiner "Partei". (Bild: dpa)
Titanic-
Bild verkleinern
Martin Sonneborn mit der Kanzlerkandidatin seiner "Partei". (Bild: dpa)
Kleine Quizfrage vorab: Von wem stammt das folgende, vorübergehend um zwei Wörter gekürzte Zitat: „Trotz einer in 500 Sendungen unstrittig erworbenen Unterhaltungskompetenz möchte die Redaktion dem Urteil der Zuschauerinnen und Zuschauer nicht vorgreifen. Daher haben wir uns für die Ausstrahlung entschieden und freuen uns weiterhin auf angeregte Diskussionen.“ Stammt das Statement a) von Margot Honecker, die sich zum Format „Ein Kessel Buntes“ äußert – oder stammt es b) von der Fernsehdirektorin einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt im Jahr 2009?

Eine knifflige Frage, fürwahr. Aber wenn man die temporär entfernten zwei Wörter wieder hinzufügt, wird’s sonnenklar. „Zimmer frei!“ lauten diese (vor der „Redaktion“), und nachdem das nun geklärt ist, kann man getrost feststellen: Es handelt sich um eine Aussage von Verena Kulenkampff, der Fernsehdirektorin des WDR.

Was war geschehen? Im Sommer 2009 war Martin Sonneborn, von Beruf Satiriker, Ex-Chefredakteur der „TITANIC“ und aktuell Bundesvorsitzender von „Die Partei“, zu Gast bei „Zimmer frei!“. Anfang Oktober sollte die Folge mit Sonneborn ausgestrahlt werden, und auf diese Ausstrahlung verzichtete der WDR. Zunächst jedenfalls und mit der Begründung, dass die Sendung den Qualitätsansprüchen nicht genüge. Dass die Folge mit Sonneborn nun doch gesendet wurde, ist zweifellos richtig.

Im Vorprogramm von Domian

Ein bisschen ärgerlich ist die späte Sendezeit (nach der Extra-Ausgabe von „Zimmer frei!“ kamen nur noch der Telefonseelsorger Domian und die Wiederholungen der Lokalzeit vom Vorabend). Nachgerade ulkig aber ist die Liberalitäts-Medaille, die sich der WDR nun selbst an die Brust heftet. Erst nach zahlreichen Anfragen und Protesten seitens der Zuschauer wurde die Folge ins Programm gehievt; insofern wollte der Sender selbstverständlich dem Urteil Zuschauer vorgreifen. Frei nach dem Motto: Was lustig und unterhaltsam ist, bestimmen immer noch wir.

Besonders unterhaltsam war die Folge mit Martin Sonneborn allerdings de facto nicht. Was aber keinesfalls an Sonneborn lag. Sondern an der gestandenen Journalistin Christine Westermann, die partout nicht bereit war, sich für eine Stunde auf Sonneborns Humor einzulassen. „Muss man intelligent sein, um Ironie zu verstehen?“, wollte sie von Sonneborn wissen, und der gab sich in seiner Parteiuniform, einem grauen 49-Euro-Anzug von C&A, zementstaubtrocken und fiel während der Sendung nicht ein einziges Mal aus seiner Rolle als Fake-Politiker.

Intelligenz kann nicht schaden

Dass er diese Rolle weitaus besser ausfüllt und vor allem noch konsequenter durchhielt als andere Rollenspieler wie Atze Schröder (schlimm), Paul Panzer (schlimm) und Horst Schlämmer (leidlich lustig), passte Frau Westermann nicht in den Kram – und insofern konnte sie auch auf Sonneborns Antwort nicht rausgeben. „Ich glaube nicht“, sagte der, „aber Intelligenz schadet ja auch in anderen Bereichen nichts. Habe ich zumindest gehört.“

Sonneborn, ein Freund der deutschen Grammatik und ein Meister der deutlichen Artikulation, setzte weiter auf seine zementstaubtrockene Sicht der Dinge und sagte unter anderem: „Ich habe versprochen, zeit meines Lebens keinen Einfluss mehr auf die Vergabe von Fußweltmeisterschaften zu nehmen durch die Vergabe von Präsentkörben.“ Und Frau Westermann? War auch in ihrer Zweierrunde mit dem Gast ausführlich zickig und schwer beleidigt, dass Sonneborn auch da seine Kunstfigur des Parteipolitikers nicht auf Stand-by stellen wollte. Professionell ist das nicht, und kläglich wurde es, als sie dieses Gespräch abbrach. Die Lobhudelei für Sonneborn übernahm übrigens Friedrich Nowottny, Ex-Intendant und längst der Godfather des WDR. Seiner Laudatio konnte man entnehmen: Der Mann weiß, was Ironie ist. Mehr noch: Er beherrscht sie, genau wie Sonneborn, aus dem Effeff. Und dem WDR, der unter „Unterhaltungskompetenz“ auch Gestalten wie Guido Cantz, Bernd Stelter und Ingo Oschmann versteht, möchten wir dringend ein „TITANIC“-Abo ans Herz legen. Am besten lebenslänglich, und direkt an die Postadresse von Frau Kulenkampff.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste