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Interview mit Jürgen Nimptsch

Die Bürger sollen öfter gefragt werden

Erstellt 28.10.09, 18:47h

Jürgen Nimptsch ist Bonns neuer Oberbürgermeister. Viele Leute auf der Straße erkennen in schon, obwohl er erst am Donnerstag vereidigt wird. Im Interview spricht er über den Traumjob und seine Rolle im Rat.

Jürgen Nimptsch
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Der neue Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch wird am Donnerstag im Stadtrat offiziell vereidigt. (Bild: Frommann)
Jürgen Nimptsch
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Der neue Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch wird am Donnerstag im Stadtrat offiziell vereidigt. (Bild: Frommann)
Bonn - Sagen die Leute auf der Straße eigentlich schon Herr Oberbürgermeister zu Ihnen?

Jürgen Nimptsch: Ja. Vor allem, wenn sie mich auf dem Marktplatz sehen. Dann winke ich oder sage Guten Tag, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Dann sage ich auch, lassen Sie das bitte weg, sagen Sie Herr Nimptsch zu mir.

Was hat sie in den ersten Tagen als OB am meisten beeindruckt?

Als die Kinder meiner Schule am Samstag auf dem Markt mit mir als Oberbürgermeister die Kinderhymne gesungen haben. Da habe ich gemerkt, wie nah mir diese Kinder noch sind.

Hand aufs Herz: Ist Oberbürgermeister wirklich ein Traumjob? Oder haben Sie es bereits bereut, OB zu sein?

Nein. Der Job ist wirklich toll. Eine ziemlich dichte, aber auch sehr große Herausforderung.

Der Stadtrat wird so bunt wie nie, ihre SPD spielt womöglich keine große Rolle. Wie stellen Sie sich Ihre Rolle vor, die Sie als Moderator interpretieren?

Ich habe allen Fraktionen das Angebot gemacht, in alle Fraktionssitzungen zu gehen. Wir haben im Verwaltungsvorstand verabredet, dass wir uns als Team sehen und nicht jeder nur sein Ressort sieht, sondern wir uns so abstimmen, damit die wichtigen Fragen der Stadt auch von jedem getragen werden.

Und die Zusammenarbeit mit den Ratsmitgliedern?

Ich begrüße alle sehr herzlich, mit Ausnahme des einen (der Vertreter der rechtspopulistischen ProNRW, die Red.), zu dem ich in meiner Antrittsrede heute etwas sagen werde.

Wie soll die Rats- und Verwaltungsarbeit inhaltlich laufen?

Die Ratsarbeit wird sich an den Sachthemen orientieren, zu denen es natürlich auch unterschiedliche Meinungen gibt. Es wird darauf ankommen, ob sie sich im Vorfeld vereinen lassen. Der Rat war ja auch in der Vergangenheit an vielen Stellen in der Lage, sich auf etwas Gemeinsames zu verständigen. Das ist auch eine Aufgabe der Verwaltung, dem Rat das schon vorher zu ermöglichen.

Also gibt es dann künftig weniger Streitereien im Rat?

Auf Streit, der sich aus Fraktionsbildung ableitet, habe ich eigentlich keine Lust. In den nächsten drei Jahren wäre es hilfreich, an einem Strang zu ziehen. Und wenn es dann wieder ans Wählen geht, kann man meinetwegen auch wieder die parteipolitischen Unterschiede deutlich machen. Die Bürger, glaube ich, haben auch kein Interesse an Zank und Streit von Politikern in diesen schweren Zeiten.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichnen?

Partnerschaftlich. Zur Not weiß ich aber auch, wie ich Machtinstrumente einsetzen kann.

Planen Sie Veränderungen im Kreis Ihrer Beigeordneten?

Nein. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir uns auf ein gemeinsames Leitbild einigen, damit man nicht an Grundsatzfragen immer wieder neu anfangen muss.

Wenn Sie Stadtdirektor Volker Kregel ins Rathaus holen, ist das durch die Hintertür ein Wiedereinführen der alten Doppelspitze OB und Oberstadtdirektor?

Ich hole mir den Stadtdirektor nicht ins Rathaus. Das ließe der auch nicht mit sich machen. Beim ersten Kennenlerngespräch, das war mehrstündig, haben wir beide uns darauf verständigt, dass ein langes, gemeinsames Arbeiten für die Stadt Bonn nur hilfreich sein kann. Und deswegen werden unsere Büros zukünftig nah beieinander liegen.

Stimmt da die Chemie?

Ja, auf jeden Fall. Hockeyspieler wie er und Leichtathleten wie ich können sich gut vertragen. Dass wir aus zwei unterschiedlichen politischen Lagern kommen, spielt eine Rolle, verliert aber im Tagesgeschäft an Bedeutung.

Stichwort Stadtplanung: Sie haben viele „unvollendete Baustellen“ geerbt, neben dem WCCB auch Bahnhofsvorplatz, Haus der Bildung, sanierungsbedürftige Oper, Viktoria-Karrée, Bäderkonzept. Was hat für Sie Priorität?

Erstmal ist mir ja ganz viel Fertiges hinterlassen worden. Von den anderen Dingen wird wahrscheinlich relativ zügig zu entscheiden sein, wie der Rat es mit dem Investor der Südüberbauung hält, der am Bahnhof abreißen und neu bauen will.

Die Stadt Bonn hat rund 1,25 Milliarden Euro Schulden, pro Kopf also fast 4000 Euro. Ab 2011 müssen pro Jahr 70 bis 90 Millionen Euro ausgeglichen werden. Wie wollen Sie das schaffen?

Es werden wohl bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr sein, die wir 2011 und 2012 weniger ausgeben können. Ich will dem Rat für eine Bürgerbefragung im Mai eine Liste vorlegen, die ein höheres Einsparvolumen vorsieht und in der dann alle Einsparmöglichkeiten genannt werden. Dann können die Bürger ihre Prioritäten setzen und sagen: Das will ich auf jeden Fall behalten. Und dann muss der Rat aufgrund dieses Votums entscheiden.

Wird auch der Bonn-Ausweis auf dieser Liste stehen?

Ja. Alles wird darauf stehen, wo wir prinzipiell sparen können.

Zurück zur Bürgerbefragung. Eigentlich sind doch aber Sie gewählt worden, um Entscheidungen zu treffen.

Ich bin gewählt worden von 56 Prozent der Wahlberechtigten, das gilt für den Rat in gleicher Weise. 100 000 Bonner sind nicht zur Wahl gegangen. Das ist nicht mehr so weit weg von einer Mehrheit, die nicht wählen geht. Ich will keine schweizerischen Verhältnisse, sondern die Demokratie stärken. Und deshalb kann ich die Bürger nicht nur alle fünf Jahre um ihr Kreuzchen bitten, sondern ich muss sie zwischendurch auch fragen. Wenn wir nur auf den Gedanken setzen, wer nicht wählt, hat eben Pech gehabt, besteht die Gefahr, dass wir irgendwann eben nicht mehr von der Mehrheit gewählt sind. Das halte ich für bedenklich.

Welches sind für Sie die Ansatzpunkte, um die Zusammenarbeit zwischen Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis zu verbessern?

Der wichtigste ist, dass sich die Menschen, die Verantwortung tragen, regelmäßig treffen und Themen miteinander besprechen. Diese Bedingungen schaffen wir jetzt.

Beim Thema Verkehrspolitik, insbesondere der Südtangente, liegen Sie aber ja wohl weit auseinander. . .

Das ist sicher im Moment so. Insofern kann man nur sagen, dass in diesem Jahrhundert gar nichts ausgeschlossen werden kann. Aber in der Amtszeit des Oberbürgermeisters und des Landrats wird sich in dieser Frage nichts ereignen. Für den, der dieses Projekt will, besteht die einzige Chance in einer gemeinsamen Struktur von Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis, so wie es Aachen-Stadt und Aachen-Land tun. Dann entscheiden auch die Menschen in Eitorf und Ruppichteroth darüber, auf welchem Weg sie nach Bonn kommen. Aber das ist ferne Zukunftsmusik.

Das kann Ihnen mit der Bonner Universität nicht passieren...

Der Rektor der Universität und ich haben eine enge Zusammenarbeit verabredet. Um nur ein Beispiel zu nennen. Es darf nicht sein, dass wir beide auf einem Partnerschaftsbesuch in Oxford sind und wissen das gar nicht voneinander.

Sie wollen in Ihrer Amtszeit für Transparenz und Offenheit stehen. Verraten Sie uns doch mal ein Geheimnis, das wir bisher nicht kennen.

Sie wissen doch schon so viel von mir. Ich will darüber nachdenken. Ich sage aber nichts, was meine Frau aus der Zeitung erfährt. Sie ist schon am Arbeitsplatz und von ihren Freundinnen gefragt worden: Na, hast Du aus der Zeitung erfahren, dass er jetzt keinen Urlaub mehr macht? Ich könnte Ihnen aber jetzt ein Geheimnis verraten: Die Fraktionen im Stadtrat erhalten heute Abend von mir ein Begrüßungsgeschenk. Aber mehr sage ich nicht.

Mit dem neuen Bonner Stadtoberhaupt sprachen Lisa Inhoffen, Rolf Kleinfeld, Bernd Leyendecker und Andreas Tyrock.



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