Von Marli Feldvoß, 02.11.09, 19:32h
Ken Loach lässt keinen kalt: Journalisten, Fußballfans, Atomwaffengegner, Protestbewegte aller Art, vor allem nicht die Mitarbeiter auf dem Set. Alle loben den Mann ohne Allüren, seine Höflichkeit. Nur die kleinen Tricks, mit denen er seine Schauspieler zu Höchstleistungen anspornt, um seine Auffassung von Realismus aus ihnen herauszukitzeln, tanzen aus der Reihe. Von Anfang an ließ der Regisseur seine Schäfchen wie blind auf ihre Rolle los, ohne dass sie genau über Drehbuch oder Dialoge informiert worden wären. Hauptsache: authentisch.
Nur bei seinem neuesten Film „Looking For Eric“ war das Herangehen, zumindest was Mitspieler und Fußballgenie Eric Cantona betrifft, ein anderes. Von ihm stammt die Ursprungsidee, und er wusste genau, dass Loach für Manchester United durch dick und dünn gehen würde. „Looking for Eric“ nimmt im Gesamtwerk Loachs auch darin eine Sonderstellung ein, dass man ihm uneingeschränkt das Prädikat „Feelgoodmovie“ erteilen kann. Ken Loach, der unermüdliche Chronist des Widerstands, zeigt sich überraschend von seiner beschwingten Seite. Vielleicht kam ihm die leichtlebige Idee Cantonas auch deshalb gelegen, weil er sich von seinem letzten und bisher grausamsten Film „The Wind That Shakes the Barley“ erholen wollte. Der hatte ihm in Cannes die Goldene Palme eingebracht.
Hauptdarsteller Steve Evets alias Eric Bishop ist allerdings ein typischer Loach-Charakter: ein guter Kumpel, der sich auf die Solidarität und Kameradschaft seiner Kollegen verlassen kann. Alle sind verspätete „Helden der Arbeiterklasse“, die in neoliberalistischen Zeiten längst aufgerieben ist. Zu seinen Filmvorgängern gehören Peter Mullen alias Joe, arbeitslos, „trocken“, fußballbegeistert, unvergessen in „My Name is Joe“ (1998) oder die Gleisarbeiter aus „The Navigators“ (2001), der Bauarbeiter aus „Riff Raff“ (1991) oder der verzweifelte Vater aus „Raining Stones“ (1993), der seiner kleinen Tochter wenigstens ein passables Kleid für die Erstkommunion beschaffen will.
Undogmatischer Marxist„Giving a voice to a class“ - Ken Loach hört einfach nicht auf, der guten alten Arbeiterklasse eine Stimme zu geben. Er ist heute ein Fossil; fast der einzige, der den britischen „Kitchen-sink-Realismus“ der 50er Jahre nicht vergessen hat, der seinen ganz eigenen „kritischen Realismus“ entwickelt hat. Dass Loach, auch darin ein Fossil, aus dem versprengten Kreis der Linken herausragt, ein undogmatischer Marxist, der vor keiner Polemik zurückschreckt - das hat ihm nur in den berüchtigten Thatcher-Jahren geschadet.
Das internationale Comeback mit dem in Cannes prämierten Politthriller „Hidden Agenda“ (1990), der einen höchst umstrittenen Blick auf die IRA in Nordirland wirft, wurde dann zum Auftakt einer neuen Loach- Ära. Der Verfechter der kleinen Leute schreckte fortan auch nicht vor den Schauplätzen der hohen Politik oder vor den Schlachtfeldern des 20. Jahrhunderts zurück.
Wer hätte das gedacht, dass den am 1936 in Nuneaton in der Grafschaft Warwickshire geborenen Elektrikersohn Kenneth Loach ein derart bewegtes Künstlerleben erwartete. Die Leidenschaft fürs Theater fing schon während des Jurastudiums in Oxford an. Nach einer kurzen „Lehrzeit“ als Schauspieler kam er in den frühen 60ern zum Fernsehen, erntete Preise für seine sozialkritischen Regiearbeiten, löste mit seiner Serie „The Wednesday Play“ sogar eine Reform der britischen Obdachlosengesetze aus.
Der Kämpfer bleibtLoachs Durchbruch kam mit seinem zweiten, sehr poetischen Kinofilm „Kes“ (1970), der Geschichte eines Arbeiterjungen, der einen jungen Falken findet und großzieht, dabei unvergessliche Momente von Freiheit und Lebenssinn erlebt. Viele halten „Kes“ für seinen besten Film überhaupt. Für seinen erfolgreichsten Film „Land and Freedom“ (1995) ging er nach Spanien, für seinen grausamsten „The Wind That Shakes the Barley“ (2005 / 6) nach Irland, um der Wahrheit über die internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg sowie über die der englischen Militärs im besetzten Irland nachzuspüren. Der Cannes-Sieger „The Wind That Shakes the Barley“ ist nicht sein bester, aber vielleicht sein radikalster Film, der mehr als jeder andere vom humanitären Geist eines Regisseurs getragen ist, der sich nicht scheut, mit dem eisernen Besen vor der Haustür der eigenen historischen Vergangenheit zu fegen.
Bei der Preisverleihung hob der hagere hoch gewachsene Mann die geballte Faust - nur sein Smoking war protokollgerecht. Wer bei Altersweisheit an lebensmüde Milde denkt, der wird bei Ken Loach nie fündig werden. Er ist und bleibt ein Kämpfer.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Protest gegen Urheberrechtsabkommen ACTA - 2000 demonstrieren in FrankfurtBundesweit Proteste gegen Urheberrechtspakt - „Legt ACTA ad acta“

EXPRESS
Reus, Hanke, Arango treffen - 3:0! Fohlen führen Schalke vorMenschlicher Starenkasten - Franzose macht sich über Blitzer lustig

Spiegel Online
Fotostrecke: Gladbach überzeugt gegen SchalkeHeimsieg der Borussia: Gladbach deklassiert Schalke