Schriftgröße

Meisner ./. Dawkins

Der Kaplan des Teufels

Von Michael Hesse, 02.11.09, 22:19h, aktualisiert 02.11.09, 23:46h

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner verwechselt bei seiner Kritik am Evolutionsbiologen Richard Dawkins Darwinismus mit Nationalsozialismus. Dawkins' atheistische Weltanschauung mag radikal sein, aber mit NS-Ideologie hat sie nichts zu tun.

Meisner
Bild vergrößern
Kardinal Meisner (l.) und Richard Dawkins. (Bild: dpa)
Meisner
Bild verkleinern
Kardinal Meisner (l.) und Richard Dawkins. (Bild: dpa)
Ist er der gefährlichste Mann Großbritanniens? Gemeint ist der Zoologe Richard Dawkins. Weltweit erregt er als Evolutionsbiologe Aufmerksamkeit, provoziert Gläubige mit evolutionstheoretischen Einlassungen, verdammt die Religion und hält die Entwicklung der Welt für einen ziellosen und ungesteuerten Prozess. Sich selbst bezeichnet er als einen „Kaplan des Teufels“.

Dawkins Lehren gehen dem Kölner Kardinal Joachim Meisner gegen den Strich. Er vermutet, dass die Kernthesen des britischen Evolutionstheoretikers der Ideologie des Nationalsozialismus nahestehen. Und in einem Atemzug werden die Theorien des australischen Philosophen Peter Singer gleich mit unter NS-Ideologieverdacht gestellt.

Menschen besitzen keine Gene, sondern umgekehrt

Der grauhaarige Lockenkopf Dawkins ist ein Meister der Selbstdarstellung und Vertreter eines schillernden, selbstgewissen Neodarwinismus, der sich an den Universitäten in England und den USA ausbreitet. Seine Thesen beinhalten einen direkten Angriff auf die Religion. Bereits 1976 stellte er die evolutionstheoretischen Analysen auf den Kopf, als er erklärte, dass nicht der Mensch Gene, sondern die Gene ihren Menschen haben. In dem Buch „Das egoistische Gen“ zergliederte er die Evolution auf der Ebene der Gene und kam dabei zu dem Schluss, dass die Gene ihr Überleben im Kampf ums Dasein am besten realisieren, indem sie sich die passenden Organismen selbst schaffen.

In der Welt geht es nicht um die Realisierung des Glücks von menschlichen oder tierischen Individuen, sondern allein um die Erhaltung und Vermehrung der Gene. Wer hierin freilich einen Zug des Sozialdarwinismus zu erkennen meint, der eine Analogie zum Denken der Nazis nahelegen würde, unterliegt einem Missverständnis. Dawkins geht es nicht um die Arterhaltung eines Volkes, wie es die NS-Ideologie propagiert. Ihm geht es um die Gene. Bei ihnen allein lebt der Grundsatz des Krieges aller gegen alle fort, den der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin, in der Tradition des Philosophen Thomas Hobbes formuliert hatte. Nur die Gene befinden sich im steten Kampf ums Dasein. Nur jene überleben, die sich den besten Organismus ausgesucht haben, lehrt Dawkins, der in Oxford „Professor of the Public Understanding of Science“ ist.

Landauf, landab hält der Biologe Vorträge und schreibt Bücher über „Die Wissenschaft der Religion“ und „Die Religion der Wissenschaft“. Wie kommt einer wie er, der sich auf die Evolutionslehre konzentrieren sollte, darauf, der Religion den Krieg zu erklären? Denn dass er dieser das Wasser abgraben will, daran lässt er keinen Zweifel. Dawkins gehört einem Kreis von Skeptikern an, er ist Mitglied der britischen „Skeptics Society“, und er sieht sich der Förderung humanistischer und atheistischer Weltanschauungen verpflichtet. Darin impliziert ist die Ablehnung von sogenannten teleologischen Konzepten, die hinter der Artenentwicklung eine Zielgerichtetheit erkennen wollen. Genau das aber lehrt die Kirche.

Kontaminiertes Thema Euthanasie

Diesem Gedanken widerspricht Dawkins in seinem Buch „Der blinde Uhrmacher“ (1987): Darin bestreitet er die christliche Vorstellung, die Natur funktioniere wie ein Uhrwerk, welches einen Uhrmacher - also einen Gott - voraussetze. Dawkins, 1941 in Nairobi (Kenia) geboren, hat Fundamentalisten und Fortschrittsfeinden den Krieg erklärt. Die Hirne von Eiferern, davon ist er nicht abzubringen, seien durch ein evolutionär überflüssiges Gottesvirus „verseucht“. Das ist die Kernthese seines vor kurzem erschienenen Hauptwerkes „Gotteswahn“.

Der australische Philosoph Peter Singer ist ein Befürworter von Euthanasie in eng begrenzten Fällen. Seit der Euthanasie im Nationalsozialismus unschuldige Behinderte zum Opfer fielen, ist dieser Begriff in Deutschland mit schweren moralischen Belastungen versehen. Singer geht es um das Leid von alten und kranken Menschen. Eine seiner umstrittenen Thesen: Wer verhindern will, dass Menschen durch schwere Behinderungen später kaum ein menschenwürdiges Leben führen können, kann Abtreibungen nicht ablehnen. Singer geht es um die Glücksmaximierung der möglichst größten Zahl an Menschen. Diese Theorie ist die in den angelsächsischen Ländern vorherrschende Morallehre. Sie hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Sie verlangt, in jeder Handlung den Nutzen aller zu berücksichtigen. Der Mensch wird so zum Altruismus gezwungen. Singers Konzeption dieser Lehre wie auch Dawkins Evolutionstherie mag man kritisieren. Mit NS-Ideologie haben sie nichts zu tun.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Anzeige


Hintergrund


Der satirische Wochenrückblick


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Bildergalerien


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Die andere Meinung


Dienste