Erstellt 03.11.09, 18:43h, aktualisiert 03.11.09, 18:46h
HANS JOACHIM SCHELLNHUBER: Wenn die Industrieländer in Kopenhagen mit der Haltung auftreten, nur sie hätten ein Recht auf Wachstum, wäre es nur zu verständlich, wenn sich Länder wie Indien einem substanziellen globalen Abkommen verweigerten. Dies aber wäre fatal, denn ohne die Mitwirkung der Entwicklungs- und Schwellenländern wird Klimaschutz keinen Erfolg haben. Ich bin mir sicher: Wenn bei diesen Ländern nur der geringste Verdacht aufkommt, die Industrieländer wollten sich ihrer historischen Klimaverantwortung entziehen, werden die Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Blockademacht nutzen. Dann sitzen wir alle im sinkenden Boot.
Was könnte in Kopenhagen herauskommen?
Wenn alles perfekt läuft, führt Kopenhagen zu einem völkerrechtlich bindenden Vertrag, der die beiden wesentlichen Herausforderungen des Klimawandels anspricht: Die Staaten werden miteinander vereinbaren, die Erderwärmung zu begrenzen, möglichst auf unter zwei Grad Celsius weltweit, und hierzu konkrete Schritte vereinbaren, das heißt klare Reduktionsziele, funktionsfähige Mechanismen, eine gerechte Lastenverteilung. Wünschen würde ich mir den Einstieg in einen globalen Emissionshandel. Außerdem würden die Staaten Maßnahmen vereinbaren, die es auch den ökonomisch schwächsten Mitgliedstaaten ermöglichen, sich an die Folgen der Erwärmung anzupassen. Denn Anpassung wird auch bei begrenztem Klimawandel noch erforderlich sein.
Ist der Kampf gegen den Klimawandel nicht zu teuer?
Nein. Den Kampf gegen den Klimawandel aufzugeben ist viel teurer - nur zahlen dann nicht wir, sondern unsere Kinder die Rechnung. Leider investieren Menschen ungern heute, wenn die Früchte erst morgen zu ernten sind. Und noch schwieriger wird es, wenn gar nicht sie selbst, sondern spätere Generationen profitieren werden. Immerhin: Kurzfristige Vorteile bringt Klimaschutz den Volkswirtschaften, die sich am zügigsten für die „grünen“ Weltmärkte der Zukunft aufstellen. Hier hat Deutschland eine große Chance.
Es sieht noch schlechter aus als 2001 noch angenommen wurde. Reicht da die Zwei-Grad-Marke überhaupt noch aus?
Diese Marke ist im Grunde ein fauler Kompromiss. Der grönländische Eisschild und das Eis der Westantarktis schmelzen bereits schneller als die Wissenschaft es erwartet hatte. Zudem ist die zunehmende Versauerung der Ozeane Besorgnis erregend. Viel von dem CO landet ja gar nicht in der Atmosphäre, wie oftmals angenommen wird, sondern geht direkt in die Ozeane. Dies führt zu erheblichen Säurewirkungen, die für viele wichtige Organismen Gift sind. Besonders Korallenriffe leiden darunter. Doch schon die Zwei-Grad-Linie ist nur mit größter Anstrengung zu halten.
Sie sagen, die Welt wird sich 2050 vollkommen verändert haben, wenn wir jetzt nichts tun.
Die Wissenschaft kann mittlerweile ziemlich sicher abschätzen, dass die Veränderungen dramatisch sein werden. Aber ich weigere mich einfach zu akzeptieren, dass es so kommt. Da so viel auf dem Spiel steht, muss man die Chance einfach nutzen, auch wenn sie noch so klein erscheint. Oft heißt es in Bezug auf Kopenhagen, man solle sich von den Maximalforderungen verabschieden, da ohnehin nicht mehr viel erreicht werden könne. Nur: Mit der schlichten Physik des Klimas kann man nicht verhandeln. Wer schon heute nicht mehr auf Kopenhagen setzt, der gibt die kleine Restchance vorschnell auf. Für den rechtzeitigen Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zählt jedes Jahr.
In der Wirtschaftskrise setzen die Politiker auf Wachstum. Zum Schaden des Klimas?
Der Glaube, das Wachstum des BIP sei der alleinige und wichtigste Maßstab, den Wohlstand zu messen, ist mir zu eng. Stattdessen sollten wir den Entwicklungsstand unserer Gesellschaft an einem gesunden Bevölkerungswachstum, besserer Bildung, weniger Armut, einer sauberen Umwelt oder dem seelischen Wohlbefinden von Menschen messen. Alles andere führt uns auf Dauer nicht nur in die Irre, sondern ins Verderben.
Der Klimawandel führt zu einer ungerechten Verteilung der Lasten. Was wartet auf Deutschland?
Die Länder, die am meisten zum Klimawandel beitragen wie die USA oder die mitteleuropäischen Staaten, kommen vergleichsweise gut weg. Mitteleuropa liegt sozusagen an der Wasserscheide der Klimawirkungen. Aber auch hierzulande würden wir in ein Zeitalter übergehen, in dem uns in jeden zweiten Sommer Hitzewellen erwarteten. Unser Klima wäre richtig mediterran. Das klingt zunächst ganz gut, doch: Sich hierauf einzustellen, wird teuer. Schauen Sie sich etwa unsere Städte an. Die sind auf solche Verhältnisse gar nicht ausgerichtet. Dennoch wäre Mitteleuropa vom Klimawandel weit weniger betroffen als die Länder, die am wenigsten zu ihm beigetragen haben. Das ist die bösartige Ironie der Geschichte.
Das Gespräch führte Michael Hesse.
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