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9. November

Das deutsche Datum

Von Tobias Kaufmann, 06.11.09, 13:59h

Der 9. November scheint in der deutschen Geschichte ein besonderer Schicksalstag zu sein. An dem Datum rief Philipp Scheidemann die Republik aus, putschte Hitler in München und fand die Reichspogromnacht statt. Zufall oder Schicksal?

Philipp Scheidemann
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9. November 1918: Philipp Scheidemann ruft die Republik aus. (Bild: PA/dpa)
Philipp Scheidemann
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9. November 1918: Philipp Scheidemann ruft die Republik aus. (Bild: PA/dpa)
Hitler-Putsch
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9. November 1923: SA-Truppen beim Hitler-Putsch. (bild: PA/dpa)
Reichspogromnacht
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9. November 1938: Reichspogromnacht. (Bild: ddp)
Hitler-Putsch
Reichspogromnacht
Schicksalstag. Mit diesem Begriff ist der 9. November in Deutschland beladen, zugleich hoffnungsvoll pathetisch und unheilschwanger. Dabei ist es weniger das Schicksal als menschliches Wirken, das dieses 365stel eines Jahres zum deutschen Datum gemacht hat. Dass es der 9. November 1848 war, an dem der in Köln geborene Demokrat Robert Blum in Wien als Fanal der scheiternden bürgerlichen Revolte erschossen wird, ist reiner Zufall.

Ebenso, dass Reichskanzler Max von Baden nicht am 8. oder 10., sondern am 9. November 1918 eigenmächtig beschließt, den Kaiser abdanken zu lassen. In den Mittagsstunden ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus, den ersten wirklich großen Demokratie-Versuch auf deutschem Boden. Wenig später greift Karl Liebknecht ein, indem er die Räterepublik für geboren erklärt. Da schon, mit Rückblick auf 1848 und in der Dämmerung des endenden ersten Weltkriegs scheint der 9. November symbolisch zu werden für den Kampf zwischen freiheitlichem Ideal und rechts- und linksextremer Reaktion in Deutschland.

Die 9.-November-Einschnitte beginnen, sich aufeinander zu beziehen, folgerichtig zu werden - kein Ereignis ist mehr denkbar ohne seinen Vorgänger. Es ist kein Zufall, dass sich 1923, in der tiefen Krise der Weimarer Republik, Adolf Hitler ausgerechnet in der Nacht auf den 9. November zum Putsch in München entschließt. Er will fünf Jahre nach der Weltkriegsschmach - an der aus Sicht der Republikfeinde die Republikaner schuld sind - seiner „nationalen Revolution“ zum Sieg verhelfen. Am übernächsten Morgen ist der Versuch kläglich gescheitert. Die Müncher Polizei hat den Haufen Nazis auseinander getrieben, Hitler landet im Zuchthaus.

Doch der nationalsozialistische Triumph ist nur verschoben, nicht verhindert. Weitere 12 Jahre später sitzen sie an allen Schaltstellen der Macht. Im Gedenken in die getöteten Kameraden von 1923 erklimmen Hitlers Horden in der Reichspogromnacht am 9. November die vorletzte Stufe zur Vernichtung der deutschen Juden. Synagogen gehen in Flammen auf, Geschäfte werden geplündert, Menschen ermordet und verschleppt. Die deutsche Mehrheit steht daneben.

Erst am 9. November 1989 kippt die Bilanz dieses historischen Tages scheinbar zurück ins Positive. Die friedliche Revolution überwindet die Mauern der DDR, die Folge des von den Nazis angezettelten Weltkriegs und der stalinistischen Unterwerfung Osteuropas sind. Dabei ist auch hier der Zufall im Spiel: Günter Schabowski sagt bei der Pressekonferenz am historischen Tag das Falsche, in die Enge getrieben von der Frage eines italienischen Journalisten, dessen Eltern polnische Juden waren.

Man könnte es als Versöhnung von allem mit allem sehen, als deutsches Happy-End.

Doch so wie die Nazis daran scheiterten, frühere November-Zäsuren zu tilgen, so hebt das eine Ereignis das andere nicht auf. Das Novemberpogrom von 1938 wird als deutscher Tiefpunkt neben dem Höhepunkt von 1989 stehen bleiben. Es gibt kein Ende der Geschichte, auch nicht, wenn es wie Schicksal klingt.



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