Von Uwe Spoerl, 04.11.09, 21:34h
Um 22.15 Uhr beschert die aufwändige Dokumentation „Wie geht's, Deutschland?“ mehr als nur eine Fernsehfassung des gleichnamigen Buchs von Michael Jürgs aus dem Jahr 2008. Der ehemalige Stern-Chefredakteur drehte zusammen mit Claudia Bissinger monatelang seine Recherchen weiter. Für ihren durchaus kinotauglichen 90-Minuten-Streifen fanden sie bemerkenswerte neue Spuren von Gewinnern und Verlierern der Einheit, von wachsamen Träumern und verbohrten Ewiggestrigen.
Fast unsäglich wird dabei die Wiederbegegnung mit dem aus der Öffentlichkeit verschollenen politischen Ziehvater von Angela Merkel: Wolfgang Schnur ist die wohl tragischste Figur der deutschen Wiedervereinigung. Als Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbruch galt der Jurist und Kirchenmann lange als designierter Ministerpräsident einer erneuerten DDR. Doch da wurde er als „Inoffizieller Mitarbeiter“ der Stasi enttarnt, der Verräter fiel in Ungnade, verlor alle Freunde, später auch seine Zulassung als Rechtsanwalt, geriet in Vergessenheit. Bis heute sieht sich Schnur nicht als Täter, sondern ungebrochen als Opfer und rechtfertigt seine Rolle. Es ist sein erster Fernsehauftritt seit vielen Jahren - und für Autor Jürgs „das einzige Interview, an dessen Ende es dem Team und mir richtig schlecht ging“. Im Prinzip geht's Deutschland natürlich bedeutend besser. Ein besonderes Highlight ist die Wiederbegegnung mit den „Helden im Dresdner Herbst“, die den Ost-West-Dialog einleiteten und klug ein Blutbad verhinderten.
Daneben belegt der Film den wirtschaftlichen Aufbruch im thüringischen Mittelstand. Jürgs fand sogar im brandenburgischen Jugendknast Impulse dafür, wie Neonazis zur Besinnung kommen können. Mit persönlichen Einsichten überraschen Angela Merkel, Marianne Birthler, Lothar de Maizière, Matthias Platzeck, Egon Bahr, Gregor Gysi, Rainer Eppelmann, Jan Josef Liefers und Günther Jauch.
„Maybrit Illner, 20 Jahre Mauerfall: Einheit ja! - Gerechtigkeit nein?“ ZDF, 21.00 Uhr. „Wie geht's, Deutschland? - Bilanz einer Einheit“ von Michael Jürgs und Claudia Bissinger, 22.15 Uhr.
@chrisselbo
06.11.2009 | 10.42 Uhr | NinjaGirl
Das ist leider nicht der einzige Fall, in dem die Geschichtsschreibung diskret in Richtung Stasi-Perspektive verzerrt wird. Man sehe nur mal, wie…
Einheit
05.11.2009 | 09.57 Uhr | chrisselbo
Es ist doch im Grunde ein Hohn, dass in den letzten Wochen immer wieder der Name Genscher und dessen Verdienste um die deutsche Einheit fallen!…
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige