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GutenMorgenKöln

In der Arnulfstraße oben sitzt ein Affe

Von Christian Leinweber, 09.11.09, 08:50h, aktualisiert 09.11.09, 08:55h

Die Arnulfstraße in Sülz ist zwar sehr kurz und ruhig, aber Schauplatz vieler Begegnungen. Wer Geborgenheit sucht, findet sie hier mitten in der Großstadt.

Arnulfstraße
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Ob schmucker Altbau oder farbenfroher Anstrich. (Bild: Max Grönert)
Arnulfstraße
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Ob schmucker Altbau oder farbenfroher Anstrich. (Bild: Max Grönert)
Sülz - Ein Tag in der Arnulfstraße beginnt immer mit Musik. Zumindest für mich. Da ist dieser Morgen keine Ausnahme. Meine Stereoanlage läuft auf Hochtouren, und meine Herzensband Hüsker Dü singt „New Day Rising“ - „Ein neuer Tag bricht an“. Passend dazu strahlt auch noch die Sonne durch die Fenster. „Home, sweet Home“, denke ich und lächle in meine Tasse Kaffee. Manchmal gleicht mein Leben wirklich einer schlechten Margarine-Werbung. Aber besser so, als Stress am Stück.

In den 15 Jahren, die ich nun schon hier lebe, ist mir meine Arnulfstraße ans Herz gewachsen. Warum? Weil sie mir die Angst vor der Einsamkeit in der Großstadt genommen hat. Wer wie ich in einem 800-Einwohner-Dorf im Hessischen Hinterland aufgewachsen ist, weiß bestimmt, wovon ich spreche. Anonymität ist auf Dauer nichts für mich. Ich brauche den Austausch mit Freunden und Nachbarn, und sei es nur für einen kurzen Plausch auf der Straße.

Heute hab' ich frei, und bei dem Wetter hält mich auch nichts in der Wohnung. Kaum habe ich die Tür abgeschlossen, steht auch schon Frau Graunke mit einem Teller frisch gebackenem Apfelkuchen vor mir. Es gibt wenige Dinge, für die ich Straftaten begehen würde, Apfelkuchen gehört definitiv dazu. Ich bedanke mich höflich und entschuldige mich für die laute Musik. „An sich mag ich solche Sachen ja nicht“, strahlt mich Frau Graunke an, „aber was Sie da hören, gefällt mir richtig gut.“ Wer hat eigentlich behauptet, dass nur junge Leute Punkmusik mögen?

Die Handwerker machen Pause

Die Arnulfstraße ist um die Mittagszeit noch ruhiger als sonst. Die Handwerker, die lautstark die Nachbarhäuser renovieren, machen Essenspause auf der Berrenrather Straße um die Ecke. Dort gibt es genug Imbisse, und nur, wer die Arnulfstraße nie verlässt, droht zu verhungern. Obwohl: so ganz stimmt das nicht. Neben erwähntem Kuchen versorgen mich meine Nachbarn nämlich auch mit gegrillten Fleischspezialitäten und Süßigkeiten zu Nikolaus und Ostern. Die hängen dann liebevoll drapiert an meiner Wohnungstür. Die Süßigkeiten, nicht das Fleisch.

Auf der Straße begegnet mir eine Nachbarin, die schon seit 1944 hier wohnt. Da fällt mir eine Frage ein, die sie vielleicht beantworten könnte. Ein langer Riss zieht sich an der hinteren Wand meines Hauses entlang: „Wo kommt der her?“ Da erzählt sie mir die Geschichte von der Bombe, die kurz nach dem Krieg unter dem Nachbarhaus gefunden wurde. Der Sprengkörper ließ sich nicht entschärfen und musste gezündet werden. Die Wucht der Detonation war wohl so stark, dass die Gardinen von den Fenstern flogen, Scheiben klirrten und das Haus einen Riss bekam.

Vor gut vier Jahren, an einem Abend im Dezember, hätte übrigens beinahe eine weitere Explosion die Arnulfstraße erschüttert. Ich saß in meiner Wohnung, als plötzlich der Strom ausfiel. Alles dunkel, der Plattenspieler kam unerwartet zum Halt. Da hörte ich auch schon den Tumult auf der Straße: Ein Großaufgebot an Feuerwehrwagen stand da, und Mitarbeiter der Gas- und Wasserwerke sprachen mit den Anwohnern. „Die würde ich an deiner Stelle ausmachen“, sagte mein Nachbar Thomas und zeigte auf meine Zigarette. „Riechst Du denn nichts?“ Nein, dank allergiegeplagter Nase roch ich nichts. Doch Tatsache war - es stank nach Gas. Eine Hauptleitung war gebrochen.

Zum Glück habe ich Nachbarn, auf deren Geruchssinn ich zählen kann. Wahre Lebensretter sind das. So wie mein Hausarzt, Doktor Pandjscheri, den ich heute zufällig vor seiner Praxis treffe. „Vor ein paar Tagen lief eine Frau durch die Straße, die immer wieder einen Namen schrie“, erzählt er. „Sie hat ihr vierjähriges Mädchen gesucht.“ Doktor Pandjscheri fragte einen Nachbarn, ob er die Kleine gesehen habe. Hatte er, sogar nur eine Straße weiter. Doktor Pandjscheri machte sich sofort auf die Suche, fand die Ausreißerin und brachte sie zu ihrer Mutter. „Die Frau sagte kein Wort, nahm mich nur weinend in den Arm. Das war sehr emotional.“

Hier bin ich nicht verlassen

Auch mir kommen ein paar Tränen, so bewegend schildert der Held die Begebenheit. Und ich merke wieder: In der Arnulfstraße bin ich nicht verlassen, ich muss nur laut genug rufen. Ein paar Schritte weiter stehe ich auf der sternförmigen Kreuzung, wo Konrad- und Remigiusstraße die Arnulfstraße überschneiden. Mit einem Freund war ich mal auf dem Dach des Uni-Centers; von dort sieht erkennt man den Stern genau. Immer, wenn ich an dieser Kreuzung vorbeigehe, fällt mir das „Kosmetikinstitut“ an der Ecke auf. Bis heute weiß ich nicht genau, was dort eigentlich passiert. „Institut“ klingt irgendwie nach Universität. Kann man dort einen Doktor-Titel in „Schönheitsmasken“ machen? Oder „Peeling-Professor“ werden?

Irgendwann werde ich das mal erkunden. Aber jetzt mach' ich mich weiter auf den Weg zum südlichen Ende der Arnulfstraße, dort, wo das beschauliche Leben schlagartig im Großstadtlärm untergeht. Denn hier verläuft die Luxemburger Straße, und auf der ist tagsüber immer sehr viel Verkehr. Dafür gibt es zwei Eck-Lokale: das Restaurant „Malve“ und einen Irish Pub. Eigentlich gehören beide Kneipen, zumindest laut Postadresse, zur Luxemburger. Aber zum einen ragen sie weit in die Arnulfstraße hinein, zum anderen sollten so nette Lokalitäten nicht einer Straße allein gehören dürfen. Das wäre egoistisch.

Trotzdem sollte ich langsam zusehen, dass ich nach Hause komme. Denn gleich ist Feierabend, dann heißt es wieder: Arnulfstraße, das Krisengebiet - friedliebende Nachbarn werden zu nervösen Parkplatzsuchern, ein Überqueren der Fahrbahn zum Spießrutenlauf. „Die donnern mit ihren Autos aber auch manchmal hier durch, als ginge es um ihr Leben“, beschwert sich mein Nachbar Frank dann. Fast bin ich wieder an meiner Haustür angelangt, da huscht etwas Schwarzes an mir vorbei. Eine Ratte? Oder doch wieder der Affe?

"Haben Sie meinen Affen gesehen?

Ja, richtig gelesen, einen Affen gab es hier auch mal. Der turnte über die Dächer der Häuser, während eine entnervte Dame bei meinen Nachbarn klingelte und fragte: „Haben Sie meinen Affen gesehen?“ Ich frage mich nur: Wie kommt der Affe hierher? Und was treibt ihn auf die Dächer? Vielleicht der Mangel an Palmen in der Arnulfstraße?

Hätte sich das Tier unseren Garten als Fluchtziel ausgesucht, es wäre fündig geworden. Hier gibt es zumindest Yuccapalmen. Und Haselkorkenzieher. Überhaupt ist der Garten, den Herr und Frau Graunke mit viel Liebe pflegen, ein wahres Prachtstück. Im Sommer kann ich mir hier wunderbar die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und muss nicht zum Grüngürtel laufen. Apropos laufen: für heute hatte ich genug Bewegung, also ab aufs Sofa und noch ein bisschen wehmütige Country-Musik gehört. Der Vollmond steht über der Straße und die letzten Lichter in den Wohnungen gehen aus. Jetzt genieße ich die Ruhe und die Einsamkeit, fühle mich geborgen. Denn hier ist mein Zuhause, mein „Dorf“, die Arnulfstraße in Sülz.



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