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Japan - Aufenthalt

Wie ein Tokio-Puzzle aus 1000 Teilen

Von Karin Grunewald, 10.11.09, 15:56h, aktualisiert 10.11.09, 15:58h

Marie Ulrich aus Kürten hat als Jugendbotschafterin der Robert-Bosch-Stiftung Japan besucht. 14 Tage waren die insgesamt neun Jugendlichen aus ganz Deutschland im Land der Geishas und der Teezeremonie zu Gast.

Marie Ulrich Japan
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Marie Ulrich war in Japan. (Bild: Neumann)
Marie Ulrich Japan
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Marie Ulrich war in Japan. (Bild: Neumann)
Teezeremonie
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Sie nahm an einer Teezeremonie teil. (Bild: privat)
Teezeremonie
Kürten - „Gaikokujin, Gaikokujin“, tuschelte es um Marie Ulrich herum, egal wo sie sich in Tokio blicken ließ. „Ausländischer Mensch“ heißt das so häufig geflüsterte Wort, und die 18-Jährige als solchen zu erkennen, dürfte für keinen der zwölf Millionen Einwohner Mühe gekostet haben. Blond und 1,78 groß fällt sie auf in der Menge der eher kleinen, schwarzhaarigen Japaner.

Marie Ulrich aus Kürten ist eine von zehn Jugendlichen, die die Robert Bosch Stiftung deutschlandweit ausgewählt hatte, um für zwei Wochen als „Jugendbotschafter“ nach Japan zu reisen. Von der Reise mitgebracht hat die Schülerin des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Bergisch Gladbach Botschaften und Eindrücke, die weit über Sushi und Manga-Comics hinausgehen. Zehn Tage lebten die Oberstufenschüler in einem Hostel in Tokio, vier Tage bei einer Gastfamilie. Das Programm, das die Robert Bosch Stiftung zusammen mit der Austauschorganisation „Youth for Understanding“ organisiert hatte, war dicht.

Marie Ulrich erzählt von ihren Eindrücken ohne Punkt und Komma. Die Sätze sprudeln nur so. Sie weiß das und entschuldigt sich zwischendurch: „Es war so viel - ich kann dann nicht aufhören.“ Muss sie auch nicht, denn ihre Erzählung ist spannend, unterhaltsam, der Funke der Begeisterung springt über. Als würde sie ein „1000-Teile-Puzzle Tokio“ legen, entsteht bei ihren Zuhörern Bildchen für Bildchen eine fremde Welt: das Geschäftszentrum Shibuya, an dessen Hauptkreuzung pro Ampelphase bis zu 15 000 Menschen die Straßen überqueren. „Wie der Times Square in New York“, sagt Ulrich, „aber fünfmal größer und lauter“. Straßen, die so eng sind, dass kaum zwei Autos aneinander vorbeifahren können. Wohngegenden am Stadtrand mit „kleinen japanischen Häuschen an kleinen japanischen Häuschen und dazwischen Gemüsefelder“.

Bescheidene Menschen

Am meisten erzählt die Schülerin von den Menschen, die sie beobachtet und kennen gelernt hat, und die sie allerorts freundlich aufgenommen haben. „Die Japaner sind unheimlich bescheiden“, sagt sie. Am Goethe-Institut wurde ihr eine Frau vorgestellt, die „ein bisschen in Deutschland Klavier studiert“ habe. Später erfuhr sie, dass die ausgebildete Konzertpianistin bereits zehn CDs aufgenommen hatte. Gleiches galt für die Hausfrau, die „ein bisschen was mit Aktien macht“ und damit mehr Geld verdient als ihr Mann.

Puzzleteil Hausfrau.

Das sei in Japan eine angesehene Beschäftigung - ob mit Kindern oder ohne. „Die Frau ist das Oberhaupt der Familie“, erzählt Ulrich, und die Frau habe die volle finanzielle Gewalt. „Der Mann bekommt dann vielleicht nur ein Taschengeld von seinem Gehalt ausgezahlt. Das fand ich richtig richtig lustig.“

Geschlafen habe sie nicht viel, erzählt Marie Ulrich. Vielleicht vier oder fünf Stunden pro Nacht. Um 23 Uhr schloss das Hostel seine Pforten, doch dann schrieben die Jungbotschafter Berichte, tauschten sich aus und gingen duschen. „Die Japaner schlafen nachts auch wenig“, ist Marie Ulrichs Beobachtung, „dafür aber sonst überall.“ Hauptsächlich in der U-Bahn. Die Anfahrtswege zum Arbeitsplatz in Tokio sind lang. Wie die Japaner es schaffen, kurz vor der Station aufzuwachen, an der sie aussteigen müssen, ist ihr ein Rätsel. Puzzlestück U-Bahn.

„Geniales System“, findet Ulrich. Alle drei Minuten, immer pünktlich.

Auch wenn es nicht Bedingung der Robert Bosch Stiftung war, hatte Marie Ulrich bereits zwei Jahre Japanisch gelernt. Nachdem sie das Fach an ihrer alten Schule in Königswinter belegt hatte, führte sie es nach dem Wechsel nach Gladbach am Japanischen Kulturinstitut in Köln fort. Diese Kenntnisse hätten sehr dazu beigetragen, Kontakte zu knüpfen. „Die Japaner sind sehr zögerlich mit dem Einsatz von Englisch“, erzählt Marie Ulrich. Auch ihre Gastmutter sprach nur Japanisch mit ihr. Puzzlestück Englisch.

Im Englischunterricht der Japanischen Schule habe sie sich „den Mund fusselig geredet“. Als sie den Schülern eine Frage stellte, stieß sie auf ratlose Gesichter. „Das sind sie nicht gewöhnt. Der Lehrer doziert nur.“ Puzzlestück Gastmutter. „Sie hat mich mit in den Supermarkt genommen“, erzählt Ulrich und schwärmt von der Fischtheke, die „riesig und absolut geruchlos“ sei. „Jeder Japaner würde wahrscheinlich an einer deutschen Fischtheke schreiend wegrennen“, sagt sie.

Das Puzzle wächst und wächst. Politik, Universitäten und Schule, Kultur, Religion, Ladenöffnungszeiten bis 23 Uhr, der mühsame Kalligraphie-Unterricht, die „modebewussten Japaner mit Markenhandtaschen“, bei denen „mit Jogginghose rausgehen undenkbar“ sei, die aber mit Mundschutz herumliefen aus Panik vor der Schweinegrippe. Marie Ulrich selbst hat sich nur eine Krankheit eingefangen: das „Japan-Virus“. Nach dem Abitur im nächsten Jahr will sie Japanologie und Wirtschaft studieren, und zwar „mit möglichst viel Auslandsaufenthalt“. Es bleiben wenig Zweifel, dass sie dieses Vorhaben problemlos umsetzen wird - vorausgesetzt sie lernt noch die Sache mit dem Aufwachen vor der richtigen U-Bahn-Station.



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