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9. November in Bremen

Bemerkenswert anderes Gedenken

Von Han-Philipp Hein, 13.11.09, 15:00h

Ausgerechnet am 9. November referiert ein türkische Imam im Bremer Rathaus über Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Tenor: Die Israelis sind schuld - und die geschichtsschwangere deutsche Politik im Nahen Osten.

Bremer Rathaus
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Das Bremer Rathaus - mit einer menschlichen Roland-Figur, 5. November 2009. (Bild: ddp)
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Das Bremer Rathaus - mit einer menschlichen Roland-Figur, 5. November 2009. (Bild: ddp)
BREMEN - Gedenkveranstaltungen zum 9. November 1938 sind keine Mitleidsrituale mehr - das ist in diesem Jahr deutlich geworden. In der Frankfurter Paulskirche kritisierte die Soziologin Necla Kelek die „verantwortungslose Geschichtsvergessenheit“ türkischer Einwanderer. Kelek nannte als Beispiel dafür, dass auch die Muslime mit der Geschichte der Judenvernichtung verbunden seien, den Mufti von Jerusalem - er wurde 1943 Mitglied der SS.

In Bremen dagegen sprach einer der Einwanderer, die Kelek wohl meinte. Mehmet Kilinc, Imam und Vorsitzender der „Schura Bremen“, eines islamischen Dachverbands, hatte es sich am Schreibtisch des Bremer Senatspräsidenten Jens Böhrnsen (SPD) gemütlich gemacht. Die Senatskanzlei hatte das Rathaus zur „Nacht der Jugend“ zur Verfügung gestellt. Unter dem Motto „I have a Dream“ sollte es „ein Ort der Begegnung sein, aber auch des Nachdenkens und Diskutierens über aktuelle Fragen“, organisiert von Jugendlichen.

Kilinc hielt im Büro Böhrnsens, amtierender Bundesratspräsident, ein Referat über „Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen“. Tenor: Schuld sind die Israelis. An einem 9. November behauptete im Bremer Rathaus ein Redner vor Jugendlichen unwidersprochen, Judenfeindschaft unter Muslimen gebe es, weil „in Deutschland unter Bezugnahme auf die Judenverfolgung im Dritten Reich allzu schnell jede Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichgesetzt wird“.

Der Imam ist im kleinsten Bundesland ein wichtiger Vertreter der Muslime. Die Politik sucht das Gespräch mit ihm. Böhrnsen selbst war nicht in seinem Büro, als Kilinc mit Israel abrechnete und den Deutschen vorwarf: „Viele Muslime fühlen sich zudem durch die bedingungslose und blinde Unterstützung Israels durch die deutsche Politik, die seit Jahrzehnten mit Hinweis auf die deutsche Geschichte über die Leiden muslimischer und auch christlicher Palästinenser und Araber hinwegsetzt, verletzt.“

Dass die Gründung des Judenstaats durch den Nazi-Terror einen entscheidenden Impuls bekam, spielt im Vortrag des Imams am Jahrestag der Pogromnacht keine Rolle. Stattdessen: „Viele Juden, gerade unter den Nachfahren der Opfer des Holocausts haben die Kriegsverbrechen der israelischen Regierung verurteilt, weil sie genau die & universalistische Lehre aus der deutschen Geschichte gezogen haben. Nie wieder irgendeine Form von Massakern, ethnischen Säuberungen und Vertreibungen zulassen.“ Die Gleichsetzung der israelischen mit der NS-Politik kommt zwar dem Programm der Senatskanzlei nach, „auf bemerkenswert andere Art an die so genannte Reichspogromnacht“ zu erinnern - aber so war's wohl nicht gemeint.

Senatssprecher Hermann Kleen teilte am Donnerstag mit: „Bürgermeister Böhrnsen hat bei zahlreichen Anlässen seine klare solidarische Haltung zu Israel und gegen jede Form von Antisemitismus bekundet. Das wird er auch weiterhin tun. Im Übrigen ist er privat Mitglied der deutsch-israelischen Gesellschaft.“



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