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Doping im Alltag

Für jedes Problem die richtige Pille

Von Stefan Sauer, 16.11.09, 21:04h

Amphetamine als Schlankmacher, Ritalin zur Leistungssteigerung: Doping im Alltag wird immer häufiger. Dabei ist eine leistungssteigernde Wirkung der Substanzen gar nicht belegt. Die Nebenwirkungen sind umso gravierender.

Medikamente
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Medikamente sollen die Leistung steigern. (Bild: Jupiter)
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Medikamente sollen die Leistung steigern. (Bild: Jupiter)
Die Verheißungen klingen toll: präziser denken, rascher entscheiden, länger durchhalten. Mit mehr Durchsetzungsvermögen und schnellem Erfolg sich die Anerkennung vom Chef sichern. Der Weg zum Ziel? Verführerisch simpel: Am Morgen die richtige Pille einwerfen, und der Tag ist geritzt. Nebenwirkungen gibt's inklusive: Nervosität, schlaflose Nächte und null Appetit, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle und Abhängigkeit. Trotz all dieser bedenklichen Begleiterscheinungen konsumieren immer mehr gesunde Menschen in Deutschland unterschiedliche Psychopharmaka zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit. Diesen Trend zum „Hirndoping“ bezeichnet der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Rainer Richter, als „zutiefst besorgniserregend“.

Die Zahlen geben dem Wissenschaftler recht: 53 Millionen Tagesdosen an Amphetaminen, Antidepressiva und Antidementiva wurden im Jahr 2008 verordnet, das ist siebenmal so viel wie zehn Jahre zuvor. Von explosionsartigen Umsatzsteigerungen kann beispielsweise beim Ritalin gesprochen werden, das Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADS verordnet wird: Allein zwischen 2007 und 2008 stieg der Absatz um 216 Prozent.

Eltern bedienen sich am Ritalin der Kinder

Dabei werden die Substanzen aber keineswegs nur für die vorgesehenen therapeutischen Anwendungsgebiete verschrieben und von Kranken eingenommen. Kerngesunde Eltern plündern die Ritalin-Vorräte ihrer Kinder, junge Leute konsumieren Medikamente gegen Altersdemenz, Studenten nehmen vor Prüfungen Amphetamine ein. Falls die Note trotzdem schlecht ausfällt, gibt es ja Antidepressiva. In den USA werden Ritalin und Co als „Smart Drugs“ zur Leistungssteigerung sogar von manchen Wissenschaftlern empfohlen. Schätzungen zufolge werfen 25 Prozent der angehenden Akademiker regelmäßig Hirndoping-Mittel ein.

Damit werde der Wissenschaftsbetrieb der skandalgeschüttelten Tour der France immer ähnlicher, so Richter. Es werde der Tag kommen, „an dem ein Nobelpreisträger unter Tränen gesteht, dass er seine Forschungen unter dem Einfluss von Methylphenidat durchgeführt hat“.

Auch in Deutschland ist der Trend mittlerweile spürbar: Eine von der DAK durchgeführte repräsentative Befragung vom Frühjahr 2009 ergab, dass bereits 17 Prozent der erwachsenen Bevölkerung schon einmal Medikamente zur Verbesserung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit konsumiert hatten, jeder 20. gab an, gelegentlich auch über längere Zeiträume oder sogar regelmäßig zu den chemischen Helferlein zu greifen.

Immer mehr Abhängige

Die Anzahl der Medikamentenabhängigen - derzeit bis zu 1,9 Millionen Bundesbürger - könnte angesichts solcher Entwicklungen dramatisch ansteigen, glaubt Richter.

Dabei ist eine wirklich leistungssteigernde Wirkung der Substanzen gar nicht belegt. Zwar berichteten Probanden nach der Einnahme von Methylphenidat über die subjektiv empfundene Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten, in Leistungstests blieben sie den Nachweis aber schuldig. Festgestellt wurden in mehreren Studien ganz andere Wirkungen: Amphetamine und deren Abkömmlinge führten zwar dazu, dass Menschen schneller und bedenkenloser Entscheidungen treffen. Damit gingen bei vielen Probanden aber gleichzeitig eine geringere Präzision der Informationsverarbeitung und sich häufende Flüchtigkeitsfehler einher.

Amphetamine als Schlankmacher

Die beschriebenen Nebenwirkungen nennt Richter „gravierend“. Verstärkt werden sie, wenn gegen Schlaflosigkeit starke Beruhigungsmittel am Abend eingenommen werden, die tags darauf höhere Dosierungen der aufputschenden Substanzen nötig machen. Von der Nebenwirkung Appetitlosigkeit geht wiederum eine ganz eigene Anziehungskraft aus. Amphetamine sind unter jungen Frauen als Schlankmacher begehrt, in Onlineforen werden Tipps zu Substanzen, Dosierungen und möglichen Beschaffungswegen ausgetauscht.

Der überwiegende Teil der Medikamente wird laut Richter von Ärzten verschrieben, aber auch auf dem Schwarzmarkt seien die Substanzen erhältlich. Internet-Angebote spielten ebenfalls eine - wachsende - Rolle. Das Beunruhigendste an der Entwicklung ist nach Richters Ansicht das Verschieben des gesellschaftlichen Norm- und Wertsystems. Schon heute werde in der Schule oder oder am Arbeitsplatz, ausgesprochen oder unausgesprochen, Druck ausgeübt, vermeintliche Leistungsdefizite nötigenfalls mit Medikamenten zu beheben. Die schnelle Pille für alle Fälle reflektiere eine „Machbarkeitsideologie“ und befördere sie zugleich weiter. Psychopharmaka verleiten dazu, den vermeintlich einfachen Weg zu gehen, sich nicht mehr auf seine eigene Kraft zu verlassen, sich der Mühsal zu entziehen, die für bessere geistige Leistungen oder das Beheben eigener Defizite nun einmal nötig ist.



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