Von Marianne Kolarik, 16.11.09, 21:03h
Was die schauspielerische Herausforderung angeht, meint Lansink: „Als etwas älteres Kerlchen hatte ich bereits relativ viel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Es gibt viele talentiertere Menschen als mich“, sagt er ohne die geringste Koketterie. Zum Ausgleich müsse er „halt viel arbeiten.“ Das habe aber Vorteile, weil die Talentierten „oft auf der Strecke bleiben, sich auf ihrem Talent ausruhen“.
Innerhalb der Schauspielerei gebe es so etwas wie eine erste und zweite Bundesliga. „Ich sehe mich da im Mittelfeld“. Das heißt, Fleiß kann Talent ersetzen. Als Felix spielt er einen Lehrer im Vorruhestand. Wobei es auffällt, dass Lansink in seinen Fernsehrollen häufig mit Jugendlichen konfrontiert wird - wie etwa mit der bockigen Amelie, die keine Lust auf Lernen hat. „Da ist eine Seelenverwandtschaft“, meint Lansink, „mir liegt das. Ich besitze eine Qualität, die ich nicht spielen muss, die ist einfach da.“ Ohne sich sonderlich anzustrengen könne er vermitteln, jemanden gerne zu haben, obwohl dieser ihm auf die Nerven gehe. Die Zuneigung schwing immer mit.
Was ihm, also Lansink und nicht Felix Keller, auf die Nerven gehe? „Das weiß ich gar nicht“, antwortet er zunächst, um kurz darauf sehr genau zu formulieren, was er nicht ausstehen kann: „Mangelnde Selbsteinschätzung. In unserem Gewerbe geht mir auf die Nerven, wenn Menschen keinen ordentlichen Blick auf sich selber haben. Wenn sie andere Dinge in sich sehen als die Umwelt. Wenn Schauspieler sich selber gut finden, werde ich immer misstrauisch.“
Wir sitzen im Raucherbereich eines Hotels. Lansink hat ein Glas Sekt bestellt („Haben Sie noch so ein Glas Schaumwein, das ist gut für den Blutdruck. Leichter Kopf, eiserner Schlaf“).Als ein Vorbild für Jugendliche sieht er sich trotz aller Affinität zu ihnen keineswegs. Mit Anfang 40 erkrankte er schwer. „Ich hatte Lymphknotenkrebs. Der Grund war entweder eine verschleppte Virus Infektion oder genetisch bedingt. Zigaretten haben damit nichts zu tun. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch noch Lungenkrebs kriegen kann“, meint er lakonisch.
Älterwerden heißt mit der Zeit Haus zu halten
Älterwerden bedeutet für ihn auch, mit seiner Zeit Haus zu halten. „Das hat sich nach meiner Chemotherapie geändert. Man wird ein bisschen freundlicher zu Menschen, die es verdient haben und unfreundlicher zu denen, von denen man den Eindruck hat, dass sie einem die Zeit stehlen. Man wird harscher zu Leuten, die einem auf die Nerven gehen und freundlicher zu Leuten, denen es auch nicht so gut geht.“
Angefangen zu rauchen hat er als Jugendlicher mit den Marken Juno und Eckstein: „Das waren Opas Zigaretten“. Aufgewachsen ist er bei „Omma und Oppa“. Die Mutter hatte eine „postnatale Depression oder so“ und sei kurz nach seiner Geburt im Januar 1956 aus der Klinik geflohen. „Ich bin da kein Einzelfall“, spielt er die Tatsache herunter, dass seine Mutter ihn als Säugling im Stich gelassen hat. Typisch Lansink. Woraus andere eine herzerweichende Mitleidsstory basteln würden, bleibt er kernig auf dem Boden der Tatsachen.
Als Schüler auf einem erzbischöflichen Gymnasium in Essen war er folglich auch Messdiener. Ob der Altar ein Vorstadium zur Bühne sei? „Wahrscheinlich. Es ist eine Zeremonie, wie Theater. Als Kind hat man lustige Vorstellungen über die Welt hinter dieser Welt.“ Außerdem war er passionierter Handballer, gehörte also gleich zwei Vereinen an. Und 2005 ist er einem weiteren Verein beigetreten, der SPD. „Das ist traurig mit der SPD. Aber es wird schon wieder werden“, meint Lansink, „das ist eine zähe Partei“. Apropos Vereine: Worin besteht eigentlich seiner Meinung deren Anziehungskraft? Vermutlich bedeute die Anbindung an einen Verein eine Suche nach Heimat, „dass man sich irgendwo aufgehoben fühlt. Mit einem Opernhaus kann man sich ja nicht identifizieren.“ Außerdem könne man gewinnen und verlieren, auf- und absteigen: „Das ist ja bei einem Schauspiel-Ensemble nicht möglich.“
Aus Faulheit zur Schauspielerei
Wie er zur Schauspielerei gekommen sei? „Ein bisschen aus Faulheit“ stapelt er tief, „die Folkwang-Schule war um die Ecke. Ich dachte, dass sei eine gute Art, Geld zu verdienen und wenig zu tun.“ Für die meisten Kollegen sind Castings ein Horror. Nicht so für Lansink: „Ich bin ein Prüfungsmensch“, sagt er. Die berufliche Situation der meisten Kollegen sei tatsächlich schlecht: „95 Prozent der Kollegen können nicht davon leben, was sie gelernt haben“. Allerdings sei das früher nicht anders gewesen. Er habe seinerzeit in München drei Räumungsklagen verloren, weil er kein Geld hatte. Und schreckliche Rollen angenommen, nur um etwas zu verdienen. „Es gibt Leute, die reden sich das schön. Ich machte das mit Blick auf die Lohnsteuerkarte“.Diese Zeiten sind vorbei: Inzwischen durfte er sich in Münster nach dem Dalai Lama ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Er selbst sei nicht besonders gläubig: „Ich glaube nicht an das geheime Wissen der Tibeter, oder das geheime Wissen der Indianer oder Ägypter. Hätten die ein geheimes Wissen, dann würde es ihnen besser gehen.“
Muss man eigentlich an Fernsehfilme immer ein Happy End dran kleben? Wäre es nicht viel plausibler, wenn Felix weiterhin alleine seine Kreise zieht, statt sich verlieben zu müssen? „Man muss nicht“, meint Lansink, „aber keiner ist mutig genug, das mal nicht zu tun.“ Die Tatsache, dass man als Fernsehzuschauer den Eindruck gewinnen könne, es gäbe in Deutschland nur eine Hand voll guter Schauspieler, stellt auch Lansink vor Rätsel: „Bei vielen frage ich mich auch, was die da eigentlich machen. Zum Beispiel die »Trümmerfrau des deutschen Bewegtbildes« -- ich nenne keine Namen - die so gerne gesehen wird. Ich weiß nicht, warum.“
Dergleichen ginge nach dem Motto „Das hat lange gut funktioniert, dann machen wir es wieder so." Es sei eine dumme Eigenart der Deutschen, sich lieber auf das Elend zu verlassen, das „wir haben, als zu Unbekanntem zu fliehen“, zitiert er aus „Hamlet“.
Die Verantwortlichen würden sich vermutlich sagen: „Das sieht immer so nett aus, wenn unsere allseits beliebte Hauptdarstellerin in Afrika leidet, dann machen wir da mal gleich drei Filme draus.“ Dann käme der nächste und sagt: „Das war super. Dann machen wir noch mal drei“. Stattdessen sollte man Brechts Theater als moralische Anstalt durchaus auf das Fernsehen als moralische Anstalt anwenden. „Man muss nicht immer dieselben Frauen in Afrika leiden lassen.“
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