Schriftgröße

Leitartikel zu Obama

Machtpoker in China

Von Jan W. Brügelmann, 16.11.09, 21:41h

US-Präsident Obama hat die Zeichen erkannt. Nicht Europa ist der Partner für die Zukunft, sondern der Wirtschaftsriese China. Das könnte der richtige Schachzug sein, denn mit dem alten Kontinent sind die heutigen Probleme nicht zu lösen.

Obama in China
Bild vergrößern
Lächeln und Händeschütteln: Barack Obama nach seinem Treffen mit chinesischen Studenten. (Bild: dpa)
Obama in China
Bild verkleinern
Lächeln und Händeschütteln: Barack Obama nach seinem Treffen mit chinesischen Studenten. (Bild: dpa)
In Europa hat Barack Obama immer viel Beifall erhalten für seine Feststellung, dass in der globalisierten Welt nicht ein Land allein die Probleme des Globus lösen kann. Das klingt gut, denn damit distanziert sich der junge US-Präsident vom ungeliebten Politikstil seines Vorgängers. Umso größer dürfte die Enttäuschung darüber sein, dass Obama weniger die Europäer als „partners in leadership“ fordern wird, sondern dass Amerika die selbst gewählte Führungsverantwortung auch gemeinsam mit China auszufüllen gedenkt.

Dass Obamas Sicht auf die Welt sich nicht mehr ausschließlich trans-atlantisch vollzieht, sondern zunehmend auch trans-pazifisch, hat nicht nur mit seiner Herkunft - Kindheit in Hawaii, mehrjähriger Aufenthalt in Indonesien - zu tun. Die Bekämpfung des Klimawandels, die Reform des Weltfinanzsystems, die nukleare Aufrüstung in Nordkorea, der Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus im Atomstaat Pakistan oder die globale Sicherheitsarchitektur - dieses gewaltige Problembündel ist in Washingtons Augen mit den Mitteln traditioneller Diplomatie, also mit den Partnern in der EU und Nato nicht mehr zu lösen.

Also versucht der Pragmatiker Obama, neue Bündnisse zu schmieden. „Ein mächtiges und wohlhabendes China wird die internationale Gemeinschaft stärken“, hat der amerikanische Präsident vor dem Staatsbesuch in Peking geschmeichelt. Doch die Gastgeber ließen bezeichnenderweise gestern die Muskeln spielen. Obamas Plädoyer für Meinungsfreiheit und das Recht auf religiöse und politische Betätigunger aller Menschen vor Studenten in Schanghai wurde auszugsweise von einem örtlichen Kabelkanal übertragen und nicht, wie vom Weißen Haus erhofft, landesweit im Staatsfernsehen.

Die Führung in Peking bleibt sich also treu. Sie weicht auch für Obama kein Jota von der Staatsräson ab, wonach Chinas territoriale Integrität - sie umschließt Taiwan und Tibet - ebenso wenig verhandelbar ist wie ein Politikstil, der freie Wahlen nicht kennt und somit Menschenrechte im westlichen Verständnis ignoriert. Der rasante wirtschaftliche Aufstieg des einstigen Armenhauses - China wird 2010 Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt überflügeln - schafft Selbstvertrauen. Zwar sind beide Länder wirtschaftlich eng miteinander verzahnt, weil China das Haushaltsdefizit der USA finanziert und Amerika der Exportmarkt für Produkte „Made in China“ darstellt. Doch gleichzeitig sieht China die USA als Weltmacht im Niedergang. Der eigene Machtanspruch wird untermauert durch Aufrüstung vor allem der chinesischen Seestreitkräfte. Peking hat auch rohstoffreiche Länder wie Iran, Venezuela und zahlreiche afrikanische Länder an sich binden können, Grundlage für die Fortsetzung des Booms.

Obama wird in Peking kleinere Brötchen backen müssen als seine Vorgänger. Eine „strategische Zusicherung“ wünschen sich die USA vom umworbenen Partner. Will heißen: China soll garantieren, dass seine zunehmend größere globale Präsenz als Wirtschafts- und Militärmacht nicht auf Kosten anderer Staaten stattfinden wird. Doch Peking reagiert kühl. Der trans-pazifische Machtpoker hat gerade erst begonnen - es wird spannend sein zu sehen, wer am Ende die besseren Karten hält.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Anzeige


Hintergrund


Der satirische Wochenrückblick


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Bildergalerien


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Die andere Meinung


Dienste