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Südafrika

Spaziergang mit drei Tigern

Von Peter Pauls, 18.11.09, 22:22h, aktualisiert 19.11.09, 13:31h

John Varty, der legendäre Tierfotograf, hat ausgerechnet in Afrika indische Katzen ausgewildert. Wer an einer seiner besonderen Wanderungen teilnimmt, braucht Nerven und wird mit einem unvergleichlichen Erlebnis belohnt.

John Varty
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Der legendäre südafrikanische Tier-Fotograf John Varty, genannt „JV“, beim Schmusen mit der weißen indischen Tigerin Shine. (Bild: Pauls)
John Varty
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Der legendäre südafrikanische Tier-Fotograf John Varty, genannt „JV“, beim Schmusen mit der weißen indischen Tigerin Shine. (Bild: Pauls)
Zum Greifen nah liegt die Tigerin Julie mit fünf Neugeborenen vor uns. Erst zwei Tage alt und doch schon so groß wie eine Hauskatze sind die Babys. Kein vernünftiger Mensch käme einer Tigermutter so nah: Ein Sprung, der die 150 Kilo-Raubkatze mit großer Wucht auf das Opfer prallen lässt, wäre tödlich. Das Opfer mit den Krallen festhalten, ihm die Kehle durchbeißen oder ihm mit einer raschen Drehung des gewaltigen Körpers das Genick brechen - das dauert nur Sekunden. Eben wurden uns solche Szenen in einem Info-Film vorgeführt. Nun knien wir vor Julie, die kaum Notiz von uns nimmt. Eines ihrer Jungen saugt an einer Zitze, ein anderes hangelt sich an ihrer Seite empor. Den schützenden Jeep haben die Touristen nur wegen John Varty verlassen, und nur seinetwegen bleibt Julie ruhig.

Aus einem kanadischen Zoo kam Julie als Baby in das gewaltige Gehege in die südafrikanischen Provinz Freestate. Sie kennt und vertraut John Varty so sehr, dass an diesem Tag bereits ein Team von National Geographic sowie Natur-Fotografen und Journalisten die kleine Sensation dokumentieren durften, die sich in der Nacht zum 2. November ereignete: Hier, in der Mitte Südafrikas, wurde der erste wilde weiße Tiger geboren. Der Kleine hat vier „klassische“ Geschwister mit schwarzen Streifen auf braunem Grund.

John Varty weiß nicht nur Tiger für sich einzunehmen. Der mann, den all kurz „JV“ nennen, ist in Südafrika, eine Gestalt mit Legendenstatus. Mit seiner Familie betreibt der 59-jährige die Londolozi Lodge, Flaggschiff luxuriöser Unterkünfte in Wildparks, Abbild des neuen Südafrika und gepriesen von Nelson Mandela. Der schrieb: „Ich hatte das seltene Privileg, Londolozi zu besuchen. Ich sah dort Menschen aller Rassen in Harmonie miteinander leben und in mitten der Schönheit, die Mutter Natur uns bietet. Londolozi repräsentiert ein Modell meines Traumes für den Erhalt der Natur in unserem Land."

Raubkatzen sind Passion und Lebensmittelpunkt von JV. Über die Jahrzehnte hat Varty in Südafrika, Kenia und Sambia preisgekrönte Filme von Weltrang über Leoparden und Löwen gedreht, die Katzen kennen gelernt und über Generationen begleitet. Und nun ist er für Tiger entflammt - Tiere, die aus Asien stammen. Vor einigen Jahren begann er, diese größten aller Raubkatzen circa 30 Kilometer von dem Städtchen Philippolis entfernt im Buschland auszuwildern. Heute sind es zwölf Tiger, fünf Babys und ein Löwe, die hinter einem drei Meter hohen und elf Kilometer langen Zaun leben.

Die wenigen Besucher, die es hier hin verschlägt, übernachten in Philippolis und dann Richtung Reservat geschickt mit dem Hinweis, dass der Handy-Kontakt nach sechs Kilometern erlischt. Dann fährt man über Stunden mit indischen Mahindra-Jeeps durch das Grasland. Mitunter springt ein Tiger auf - die Motorhauben sind schon entsprechend verbeult - oder er lässt sich auf dem Dach durch sein Revier schaukeln.

Die Tiger kennen und begrüßen die Menschen am Steuer. Eine von ihnen ist die 25-jährige Jade de Klerk,. Eine begeisterte Mail, die sie an JV wegen seines Tiger-Projekts schickte, trug ihr gleich ein Job-Angebot ein. Heute berichtet die Johannesburgerin Besuchern routiniert, dass in Asien nur noch etwa 1000 der Raubkatzen in Freiheit leben. Im Jahr 2003 waren es noch 5000. Das unerbittliche Gesetz laute, dass ein toter Tiger mehr wert sei als ein lebendiger.

Sie erzählt von Wilderern, die in Südafrika auf der Suche nach Erdferkeln - Rüsseltieren, die Ameisen und Termiten fressen - im Tigergehege ihr Leben riskieren und davon, dass Tiger im Exil des dünn besiedelten Freestate sicherer leben als in ihrer dicht besiedelten Heimat Indien.

Wer bis Ende Dezember im Tiger-Projekt anruft, wird gefragt, ob er morgens mit Tigerjungen spazieren gehen wolle. Das ist ein packendes Naturerlebnis. Shine, ein weißer Tiger, sowie Shundia und Zaria sind elf Monate alt, groß wie ein kräftiger Rottweiler und - da von der Mutter verlassen - von Menschenhand aufgezogen. So ist ihnen der Umgang mit Zweibeinern geläufig. John Varty beschmusen sie, wo immer sich Gelegenheit bietet.

Über dem Spaziergang, der durch einen Canyon führt, liegt eine eigentümliche Spannung. Trotz Handaufzucht ist stets klar, dass man von Raubkatzen begleitet wird. Sie laufen voraus und bereits das gleichmäßige Trommeln der mächtigen Pfoten auf dem staubigen Grund, das schneller wird und schließlich in der Stille des Sprungs versiegt, ist eine Demonstration natürlicher Macht und Stärke.

Ein solcher Spaziergang füllt alles aus, lässt keinen Platz für andere Gedanken. Die Tiger sind überall. Stets ist Bewegung, stets spürt man die prüfenden Blicke der Raubkatzen, die noch mit ihrer Kraft spielen, den Menschen nicht als Gegner, sondern als Mitspieler begreifen und ihre Krallen meist eingefahren lassen.

Doch ständig sind Konzentration und Vorsicht geboten. Es sind lediglich zwei Kommandos, mit denen die Tiger dirigiert werden: „Komm" und „Nein". Fast entwürdigend, dass sie am Ende des Spazierganges an die Leine genommen werden. Für den Fall der Fälle sollen sie diese Prozedur lernen. Auch John Varty scheint dies nicht ganz angemessen zu sein und er stellt diese Routine eher entschuldigend vor, um den Besuchern die Leinen zu überlassen. So kommt es, dass ein deutscher Journalist einen Tiger an der Leine durch Afrika führt.

Ende Dezember sei Schluss mit den Tiger-Spaziergängen, mutmaßt Varty. Dann seien die Katzen wegen ihrer Größe Touristen nicht mehr zumutbar. Und Julies fünf Neugeborene sollen gemäß dem Gesetz der Wildnis aufwachsen. „Was passiert, das passiert. Drei werden vielleicht durchkommen, die anderen werden weggestoßen und schwächer werden." „Und, was machst Du, John, wenn das weiße Tigerbaby ohne Dich nicht mehr kann?" JV schaut den Gast prüfend an. „Mal sehen, was dann passiert. Es kommt so viel dazwischen". Dann knurrt er ein Wort, das wie „Gefühle" klingt. Gut möglich also, dass es auch künftig wieder Spaziergänge mit Tigern gibt, die von Hand aufgezogen wurden.

Bei John Varty dreht sich wirklich alles um Tiere. Einmal ist er bis zur Taille in die Attrappe eines halbierten Krokodils geschlüpft, um so verkleidet in den Kadaver einer in einem Fluss verendeten Giraffe zu steigen. Er wollte Aufnahmen von Krokodilen machen, die sich am Giraffen-Kadaver gütlich tun. Auf YouTube ist diese Episode zu sehen, die nach wenigen Minuten wegen äußerst unappetitlicher Umstände abgebrochen wurde. Nur wer über starke Nerven verfügt, sollte sich den Film anschauen.



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