Von Martin Bochynek, 19.11.09, 21:25h
Jüngste Unternehmung zu diesem Thema ist die Ausstellung „Slow Paintings“ im Leverkusener Museum Morsbroich, die Zeit, Dauer und Langwierigkeit auf Seiten der Produktion und Wahrnehmung von Kunst untersucht. Was aber sind slow paintings, langsame Bilder? Haben sie Füße oder Räder zur Fortbewegung? Bewegen sie sich selbst oder lassen sie sich fahren, diese lahmen Ungetüme? Unterwandern sie unser Bewusstsein ganz gemächlich?
Sie hängen wie gewohnt und bewegen sich nicht, aber die Fragestellungen an Malerei geraten hier in Wallung, in Bewegung geraten Kontexte für die Entstehung von Bildern und Zeiträume für ihre Wahrnehmung und Erfassung. Mit historischen Referenzen und Beispielen seit den 60er Jahren begibt sich der Leiter des Museums, Markus Heinzelmann, mit seiner Ausstellung auf ein Terrain, das vielseitiger ist als sein modischer Titel. Versammelt sind mehr als 60 Werke von 32 Künstlern deren Gemeinsamkeit darin liegt, „mit einem außergewöhnlich hohen zeitlichen Aufwand“ hergestellt zu sein.
In diese Kategorie ist ein minimalistischer Mystiker wie Ad Reinhardt gerechnet, der in den 60er Jahren seine schwarzen Bilder mit einer Unzahl von Lasuren aufbaute und Werke von unglaublicher metaphysischer Präsenz schuf. Dazu reihen sich andere Klassiker wie Roman Opalka aus Polen, dessen Konzept in der endlosen malerischen Darstellung der Aufzählung von Zahlen besteht, oder auch der Japaner On Kawara, dessen Datumsbilder eines jeweiligen Tags in der Kunstwelt mittlerweile auch schon Kult sind.
Je nach bildnerischer Konzeption ist der zeitliche Aufwand für die Produktion sehr unterschiedlich. Fraglich ist, ob der Produktionsprozess und dessen Dauer für die Rezeption von Belang ist. Wird die Zeit im Werk selbst zum Thema, ist auch der Betrachter ihr ausgeliefert. Geht es mehr um den Prozess, dann kann man die Abgebremstheit der Malerei nicht mehr entdecken.
Was also liefert ein langsam hergestelltes Bild an besonderem Erkenntniswert gegenüber einem beauftragten oder gar schnell produziertem Gemälde? Das Werk wird sich darüber ausschweigen, denn wie immer ist die Wahrnehmung ausschlaggebend für die Wirkung von Kunst. Eine Kausalität in Bezug zum Prozess der Entstehung lässt sich nicht zwingend herstellen und die individuelle Verweildauer vor Werken der Kunst führt nicht automatisch zu unterschiedlichen Erkenntnisvorteilen. Da verhält sich jeder Mensch anders und hier Langsamkeit zu postulieren, heiß doch eigentlich nur, dass das Publikum wieder lernen sollte, mehr mit den Augen zu sehen als mit den Ohren.
Dennoch reicht Sehen nicht allein, weil man beispielsweise wissen muss, dass bei einem jungen Maler wie Cheyney Thompson die Farbigkeit seiner vergrößerten Leinwandstrukturen einer strengen zeitlich, kalendarischen Ordnung unterwirft, die mit dem Zeitpunkt des Malens selbst korrespondiert. Ein anderer, der Argentinier Raúl Cordero bringt seine Malerei in Korrelation zum tatsächlichen Energieverbrauch während der Arbeit, und schreibt die dazugehörige Kalorienzahl samt Arbeitszeit ins Bild ein.
Nicht alle Konzepte um die neue Langsamkeit in der Malerei überzeugen, doch sind hier wichtige Themen um die Rolle des Bildes in einer Ausstellung angerissen, die weniger um Tempoverschärfung oder Ausbremsen gehen, sondern die Erweiterung eines Mediums verdeutlichen, das immer wieder gern in die Defensive gedrängt wird. Der Begriff von Malerei erweist sich hier aber als sehr beweglich und ausdrucksfähig. Man sollte hier vielleicht eher von einem erweiterten Malereibegriff sprechen, als von einem verlangsamten. Wenn selbst gestandene Bildhauer oder Objektkünstler wie Reinhard Mucha und Andreas Slominski hier mit Objektkästen vertreten sind, die auf eine Rezeption im malerischen Diskurs warten, dann ist der Titel „Slow Paintings“ wohl etwas überfordert und überfrachtet.
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