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Afghanistan

Die Baustelle am Hindukusch

Von Damir Fras, 19.11.09, 20:14h

Vor acht Jahren zogen westliche Soldaten in Afghanistan ein. Ziel war es, den islamistischen Terror zu bekämpfen und dem Volk in den zerklüfteten Bergen die Demokratie zu lehren. Passiert ist bislang jedoch eher wenig.

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Ahmed Schah Massud organisierte den Widerstand gegen die Sowjets. Heute wird er über eine Bildtafel geehrt. (Bild: prt)
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Ahmed Schah Massud organisierte den Widerstand gegen die Sowjets. Heute wird er über eine Bildtafel geehrt. (Bild: prt)
KABUL - Eric Hommel steht auf 3 000 Metern Meereshöhe auf seinem Teil der Baustelle. Weit unter sich im Tal sieht er die fruchtbare Ebene von Kapisa, dahinter liegt im Dunst irgendwo der US-Militärflughafen Baghram, und man meint, am Horizont Kabul zu erahnen. „Das wäre was“, sagt Hommel. „Wenn es gelingen würde, unsere Provinz nach da unten zu verlegen.“ Er blickt verträumt, schüttelt dann aber schnell den Kopf. Das Verlegen wird nicht funktionieren. Nicht mehr zu seinen Lebzeiten. Nicht wegen des Bauplans, der ist nicht schlecht. Sondern, weil die Umstände da unten so sind, wie sie sind.

Oberstleutnant Eric Hommel, US-Luftwaffe, ist so etwas wie ein Manager in dem internationalen Militärunternehmen, das die größte Baustelle der Welt betreibt: Afghanistan. An diesem Tag wird gemeldet, dass im Osten der Hauptstadt Kabul Explosionen zu hören sind. Und im Norden des Landes, wo deutsche Soldaten stationiert sind, wird ein Anschlag auf eine Bundeswehr-Patrouille verübt. Das sind alltägliche Ereignisse. Auf der Baustelle Afghanistan herrscht Krieg.

Doch nicht in Hommels Teil. „Wir leben wie auf einer Insel“, sagt Hommel. Als er jedoch merkt, dass das so klingen könnte, als habe er einen ruhigen Verwaltungsposten erwischt, fügt er schnell hinzu: „Es ist aber immer noch Afghanistan.“ Der Offizier sagt, er habe sich wie ein Lottogewinner gefühlt, als ihm gesagt wurde, dass er neun Monate lang die Geschäfte im Panshjir-Tal führen soll - Straßen teeren, Schulen bauen. Es hätte auch Kandahar werden können oder ein anderer Fleck im Süden Afghanistans. Dort, wo mehr gekämpft und mehr gestorben wird.

Hommel ist PRT-Chef, Kommandeur des Regionalen Wiederaufbau-Teams. Dieser umständliche Name ist mit Absicht gewählt. Der Einsatz in Afghanistan soll, wo es geht, zivil aussehen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, die Amerikaner seien Besatzer. Sie wollen Aufbauhelfer sein. Doch sie müssten gar nicht hier sein. Die Panshjiris könnten ihr Leben selbst organisieren. Im Panshjir-Tal ist es sicher. Gekämpft wird hier seit Ende 2001 nicht mehr, als Männer wie Faiza Mohammad zusammen mit CIA-Agenten und Spezialeinheiten der US-Armee in den Bergen lagen, um Ziele für Kampflieger zu markieren. Bald waren die Taliban vertrieben.

Faiza Mohammad wird demnächst Jubiläum feiern. 30 Jahre als Kämpfer. Mohammad ist 48 Jahre alt, er hat eine weiche Stimme. Er trägt eine Kalaschnikow, deren hölzerner Schaft glänzt und Gebrauchsspuren zeigt. Als Mohammad 18 Jahre alt war, fiel die Sowjetarmee in Afghanistan ein. „Die Russen wollten unser Land besetzen. Sie haben uns bombardiert und versucht, in das Tal einzudringen“, sagt Mohammad

Nie in der jüngeren Geschichte ist das Panshjir-Tal von einer fremden Macht besetzt worden. Das ist vor allem dem Mann zu verdanken, dem sie auf einer Passhöhe ein Denkmal gesetzt haben. Ahmed Schah Massud ist der erste Märtyrer der Moderne in Afghanistan. Er organisierte den Widerstand gegen die sowjetischen Soldaten. Waffen kamen aus den USA über die Berge. Er schaltete im engen Tal die sowjetischen Kolonnen aus, indem er befahl, auf den ersten und den letzten Panzer zu schießen. Danach schauten die Mudschaheddin von den Berghängen aus zu, wie sich die Armee einer Supermacht blamierte.

Massud starb am 9. September 2001 durch ein Attentat zweier Männer, die sich als Journalisten ausgaben. Es heißt, Osama bin Laden habe sie losgeschickt, Massud zu töten - den Anführer der Nordallianz, den ärgsten Feind der Taliban. „Massud wusste mit den Leuten hier umzugehen“, sagt Mohammad. Wenn er leben würde, wäre es friedlicher in Afghanistan. Er habe den Krieg satt: „Noch einmal 30 Jahre will ich nicht kämpfen.“ Heute arbeitet er im Auftrag des Panshjir-Gouverneurs als Wache im amerikanischen Lager. Es ist das einzige US-Camp in Afghanistan, das von Einheimischen beschützt wird. „Die Russen wollten Afghanistan besetzen, die Amerikaner wollen das nicht“, sagt Mohammad.

Das US-Außenministerium hat sechs Journalisten aus sechs Ländern zu einer einwöchigen Baustellenbesichtigung in Afghanistan eingeladen. Es sollen die Fortschritte gezeigt werden. Die Ausländer sollen lernen, wer die Guten und wer die Schlechten sind. Passend dazu stehen an diesem Morgen gute Mudschaheddin zum Gespräch bereit. Amirjan ist einer von ihnen. Er ist 33 Jahre alt. Er war zu jung, um gegen die Sowjets zu kämpfen. Er sagt: „Die Taliban sind unsere Feinde. Sie wollen keinen Frieden, und sie sind sehr grausam. Ich will, dass meine Söhne etwas lernen und ihre Zukunft selbst bestimmen können. Es ist schade, dass ich das nicht machen konnte.“ Das klingt wie von den Amerikaner bestellt, ist es aber nicht. Amirjan wirkt selbstbewusst genug, um sich seinen Text nicht vorgeben zu lassen. Auf den Gesichtern der Amerikaner ist in diesem Moment dennoch ein dezentes Lächeln auszumachen. So soll es sein.

Die Journalisten bekommen während ihrer Reise keine Taliban gezeigt. Sie sollen ja berichten, dass es vorangeht. Sie werden in Kabul in ein Flugzeug gesteckt und nach Westen geflogen. Vom Flugzeug aus sieht Zentralafghanistan aus, als sei das Land mit einer brauen Noppenfolie überzogen. Nur entlang der Flussläufe ist bis zum Herbst ein bisschen Grün zu sehen.

Chaghcharan ist die Hauptstadt der zentralafghanischen Provinz Ghor. 15 000 Menschen leben hier. Der Marktflecken liegt zwischen Kabul im Osten und Herat im Westen. Auf dem Flugfeld vor der Stadt verwittern Flugzeugwracks aus Sowjetzeiten. Sie sind eine Erinnerung daran, dass Afghanistan sich immer entzogen hat - allen Besatzern, aber auch allen Helfern.

Der Gouverneur von Ghor Sajeed Iqbol Munib ist ein bulliger Mann mit mürrischem Gesichtsausdruck und gepflegtem Backenbart. Karsai begann am Donnerstag seine zweite Amtszeit. Er ist umstritten. Munib aber sagt, dass alles besser geworden sei - die Sicherheitslage, die Verwaltung, die Zusammenarbeit mit den ausländischen Soldaten: „Die Abteilungen arbeiten nach Plan.“ Mehr als 80 Prozent der etwa 800 000 Menschen in seiner Provinz sind Analphabeten. 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

Als die internationale Gemeinschaft begann, sich vor acht Jahren für Afghanistan zu interessieren, waren die Zahlen nur ein bisschen schlechter. Elektrizität gibt es, wenn überhaupt, nur stundenweise in den Lehmhütten Chaghcharans. Wer im Winter Kranke aus den Dörfern in die Krankenstationen der Stadt bringen will, ist auf den „afghanischen Toyota“ angewiesen, wie sie hier sagen - den Esel. Alles laufe nach Plan, sagt Gouverneur Munib.

Nach Plan läuft nur wenig, sagt einige Stunden später der litauische Offizier Alvydas Siuparis. Er ist Kommandeur des Regionalen Wiederaufbauteams, das sich ein Feldlager am Stadtrand von Chaghcharan gebaut hat. „Camp Whisky“ wird es genannt. Siuparis soll mit seinen 200 Soldaten aus Litauen, Kroatien und Italien die Aufbaubemühungen in einem Landstrich koordinieren, der halb so groß ist wie sein Heimatland Litauen. Siuparis sagt, die Polizei sei nicht effektiv. In der ganzen Provinz gebe es keinen afghanischen Soldaten. Das Justizwesen sei dürftig. Wenigstens ist es inzwischen ruhig geworden. Die Sicherheitslage habe sich sehr positiv entwickelt, heißt es in der Sprache der Militärs.

Eine Geschichte wird im litauischen Lager gerne erzählt. Sie soll verdeutlichen, dass die Nato den Kampf in Afghanistan militärisch nicht gewinnen kann. Sie handelt von dem Mann, der auf dem Feld arbeitete und mit einem Nachbarn in Streit geriet. Der Zwist endete blutig. Der Mann erschien vor dem Lagertor der Litauer, eine Sichel steckte in seinem Gesicht, sie war irgendwo durch den Mund eingedrungen und ragte aus der Wange wieder hinaus. Der Mann habe nicht ein einziges Mal über Schmerzen geklagt, sagt ein litauischer Offizier. „Er ließ sich medizinisch versorgen und nach vier Stunden ging er wieder.“ Wer so zäh ist, der beugt sich keiner fremden Macht.



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